"Pokémon Go" in Kirche Russischer Blogger riskiert Haftstrafe

"Pokémon Go" in der Kirche? Nicht bei uns, befanden die Behörden im russischen Jekaterinburg und nahmen einen jungen Blogger in Untersuchungshaft. Jetzt drohen ihm bis zu drei Jahre Haft.


Die russische Justiz hat zwei Monate Untersuchungshaft gegen einen 22-jährigen Blogger verhängt, der in der orthodoxen "Kathedrale auf dem Blut" in Jekaterinburg "Pokémon Go" gespielt hat.

Auf seinem YouTube-Kanal hatte der junge Mann ein Video veröffentlicht, das ihn dabei zeigt, wie er in der Kirche auf Pokémon-Jagd geht. Zu viel für die örtlichen Behörden: S. wurde festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht. "Freiheit, Freiheit" riefen seine Unterstützer und applaudierten ihm zum Abschied. Genützt hat es nichts.

Ruslan S. muss sich nun vor Gericht wegen Volksverhetzung und Verletzung religiöser Gefühle verantworten - wie 2012 die Frauen der Band Pussy Riot, die mit einem "Punkgebet" in der Moskauer Erlöserkathedrale die Autoritäten im Land gegen sich aufbrachten und zu jeweils zwei Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurden.

Bei einem Schuldspruch drohen dem 22-jährigen S. russischen Medienberichten zufolge ein Bußgeld bis zu einer halben Million Rubel (knapp 6900 Euro) und eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren.

Seine Aktion in der Kirche hatte S. auf seinem YouTube-Kanal im Video dokumentiert und mit einem kurzen schimpfwortreichen Psalm unterlegt. Den Behörden zufolge soll er weitere Clips kirchenkritischen Inhalts produziert haben.

Über die rechtlichen Konsequenzen seines Tuns war sich der Blogger offenbar im Klaren, im Video ist der Ausschnitt aus einer Nachrichtensendung zu sehen, die die verschiedenen Strafmaße thematisiert.

Die Opposition kritisierte die Entscheidung der Justiz scharf, zumal der Blogger wegen der Untersuchungshaft nicht in der Lage sei, seine kranke Mutter zu betreuen.

Ein Sprecher der orthodoxen Kirche sagte, er wolle sich für den jungen Mann einsetzen, falls dieser den Clip im Internet lösche. Ein anderer Geistlicher sprach sich dafür aus, den 22-Jährigen auf Kaution freizulassen und gemeinnützige Arbeit verrichten zu lassen. Ruslan S. stimmte einem Dialog zu. "Ich bin doch kein Extremist", sagte er.

Bis zum Prozessbeginn im November soll der junge Mann in Haft bleiben. S. legte gegen diese Entscheidung Beschwerde ein.

ala/dpa



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