Polen Erzbischof Wielgus gibt Geheimdienstkontakte zu

Zwei Tage vor seiner feierlichen Amtseinführung hat der Warschauer Erzbischof Wielgus frühere Kontakte zum ehemaligen kommunistischen Geheimdienst eingeräumt. Während Untersuchungsausschüsse ihm absichtliche Zusammenarbeit vorwerfen, wies er zurück, Amtsbrüder ausspioniert zu haben.


Warschau/Rom - Die Kontakte begründete er damit, dass er so ins Ausland habe reisen dürfen, um seine wissenschaftlichen Arbeiten fortzusetzen, erklärte Stanislaw Wielgus in einer von der polnischen Nachrichtenagentur PAP verbreiteten Erklärung. "Ich habe keinerlei Spionageaufgaben ausgeführt", versicherte Wielgus wenige Stunden vor seiner offiziellen Ernennung durch den päpstlichen Nuntius.

Neuer Erzbischof Wielgus: Unter Verdacht
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Neuer Erzbischof Wielgus: Unter Verdacht

Seine Aussage steht im Gegensatz zu den Ergebnissen einer kirchlichen und einer staatlichen Untersuchungskommission, die von Beweisen für eine Verstrickung des Geistlichen in den Sicherheitsdienst sprechen. Es könne allerdings nicht eindeutig festgestellt werden, "dass Stanislaw Wielgus jemandem Schaden zugefügt hat", sagte Episkopatssprecher Jozef Kloch. Es gebe jedoch "zahlreiche, wesentliche Beweise" einer absichtlichen Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst. Der Bericht soll dem Vatikan übergeben werden, kündigte Kloch an.

Mehrere polnische Zeitungen hatten zuvor unter Bezug auf dessen Geheimdienstakte über Wielgus angebliche Spitzeltätigkeit berichtet. Demnach habe er unter den Decknamen Grey, Adam und Adam Wysocki für den Geheimdienst gearbeitet und dafür auch ein Stipendium für ein Studium in München erhalten.

"Mir sind schlechte Absichten und eine schlechte Haltung zur Kirche zugeschrieben worden. Das ist falsch", betonte Wielgus in seiner Erklärung. Unter Druck eines Geheimdienstoffiziers habe er 1978 eine Erklärung über Zusammenarbeit mit dem Spionagedienst unterschrieben. Von ihm sei erwartet worden, dass er während eines Aufenthalts in München Kontakt zum Sender Freies Europa aufnehme. Er habe dies aber nicht getan.

"Ich habe niemals jemandem mit meinen Worten oder Taten ein Leid zugefügt", versicherte Wielgus. Er sei kein Verräter an "Christus und seiner Kirche". Zugleich räumte er ein: "Ich weiß, dass ich keinerlei Beziehungen zu den (Sicherheits-)Diensten der Volksrepublik hätte haben dürfen."

Wielgus soll am Sonntag als Nachfolger von Kardinal Jozef Glemp in sein Amt eingeführt werden. Seit gestern wird auf polnischen Internetseiten eine Verpflichtungserklärung von Wielgus aus dem Jahr 1973 veröffentlicht. Im gleichen Jahr erhielt er einen Reisepass und begann einen Forschungsaufenthalt an der Universität München.

Umfrage: Polen gegen Amtsantritt

Die Pressestelle des Vatikans sagte, sie habe ihrer bisherigen Stellungnahme nichts hinzuzufügen. Bereits vor einigen Tagen hatte der Vatikan erklärt: "Der Heilige Stuhl hat bei seiner Entscheidung zur Ernennung des neuen Erzbischofs von Warschau alle Umstände seines Lebens untersucht, auch die, die mit seiner Vergangenheit in Zusammenhang stehen." Ausdrücklich fügte der Vatikan hinzu: "Das bedeutet, dass der Heilige Vater vollstes Vertrauen in Stanislaw Wielgus hat und ihm bewusst die Mission in der Erzdiözese Warschau anvertraut hat."

67 Prozent der Polen sprachen sich dagegen in einer Umfrage der Tageszeitung "Dziennik" gegen den Amtsantritt von Wielgus aus. 73 Prozent der etwa tausend Befragten forderten, der Vatikan solle die Ernennung rückgängig machen, falls Wielgus nicht selber zurücktrete.

Der polnische Journalist Piotr Semka sagte dazu: "Wenn es trotz der Veröffentlichungen zu einer Amtsübernahme kommt, wäre das eine unformale Amnestie für alle Menschen der Kirche, die mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet haben."

In den achtziger Jahren hatte die katholische Kirche unter dem in Polen geborene Papst Johannes Paul II. die Gewerkschaft Solidarnosc gegen das kommunistische Regime unterstützt.

jto/tno/dpa/AFP/Reuters



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