Populismus So driftet Deutschland auseinander

Rassistische Gewalttaten, rechtsextreme Umtriebe, AfD-Wahlerfolge: Am Rechtsruck im Land besteht kaum ein Zweifel. Aber gibt es womöglich auch eine Gegenbewegung, eine Art Linksruck? Durchaus.

Protest gegen eine von Rechtsextremen unterstützte Demonstration in Duisburg (im Mai)
David Young/DPA

Protest gegen eine von Rechtsextremen unterstützte Demonstration in Duisburg (im Mai)

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Rutscht Deutschland nach rechts? Spaltet sich die Gesellschaft in verfeindete Lager, wachsen die Unterschiede zwischen Ost und West? Die "Thesen zum Riss" gehen diesen Fragen nach - sie sind überarbeitete Auszüge aus dem Buch "Die Reise zum Riss", das den gesellschaftlichen Wandel anhand von Reportagen aus allen Ecken der Republik diskutiert.


Amon Göth war ein fürchterlicher Mensch, einer, der selbst unter den vielen Massenmördern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Europa hervorsticht. Weltweit bekannt ist der Name des SS-Funktionärs seit 1993, als Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" in die Kinos kam. Darin tritt auch Göth auf, der in den Vierzigerjahren nahe Krakau das deutsche Konzentrationslager Plaszow befehligte.

Er ging unter anderem deshalb als "Schlächter von Plaszow" in die Geschichte ein, weil er damals vom Balkon seiner Villa aus allmorgendlich mit einem Gewehr KZ-Häftlinge erschoss.

An all das erinnerte ich mich, als mich nach der Veröffentlichung eines Artikels über Rechtsextremismus eine E-Mail erreichte. Absender: "Amon Göth". Der schrieb: "Nach der Machtübernahme treffen wir uns wieder. Ich bin an einer schicken schwarzen Uniform mit liebevoll geputzten Totenköpfen zu erkennen. Dann rechnen wir ab. Für euer linkes Gerotze kann es nur Arbeit bis zum Tod geben!"

"Schmierfinken", "Marionetten", "Regimetölpel"

Die E-Mail hätte mich vermutlich fassungslos gemacht, erreichten mich solche Nachrichten nicht regelmäßig. Gewaltandrohungen sind darunter, vor allem aber ständig wiederkehrende Beleidigungen wie "Medienhure" oder "Systemfotze". Nun taugen Leserbriefe an einzelne Journalisten wohl kaum als Grundlage für eine fundierte Analyse des Zustands einer Gesellschaft. Aber die Zunahme solcher Zuschriften machte mir schon früh klar, dass eine beängstigende Verrohung im Gange war.

Diese Verrohung hat sich über Jahre stetig selbst bestärkt. Politiker werden als "Merkel-Marionetten" geschmäht, Journalisten als "Schmierfinken", Wissenschaftler als "Regimetölpel". Ich denke mir diese Beschimpfungen nicht aus, das Internet ist voll davon.

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Dabei ist freilich nicht nur die digitale Welt betroffen - das belegen Fälle wie der Gewaltexzess zwischen Zuwanderern und Einheimischen im sächsischen Wurzen, die rassistische Diskriminierung in der Essener Tafel im vergangenen Jahr oder die tödlichen Schüsse eines "Reichsbürgers" auf einen Polizisten im fränkischen Georgensgmünd, um nur einige Beispiele zu nennen.

Augenscheinlich gehen immer mehr Menschen immer rücksichtsloser miteinander um. Breitet sich der Hass ungebremst weiter aus? Bedroht er gar die liberale Demokratie als Ganzes?

Einiges deutet darauf hin, dass die Demokratie westlichen Typs tatsächlich gefährdet ist. Auswertungen von Bundestagswahlen zeigen etwa, dass die Wahlbeteiligung seit den Siebzigerjahren trotz mancher Schwankung insgesamt massiv zurückgegangen ist, während der Anteil der abgegebenen Stimmen für rechte Parteien noch nie so hoch war wie im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts.

Noch düsterer sieht es aus, wenn man auch die Entwicklungen außerhalb Deutschlands betrachtet: Die Wahl des Populisten Donald Trump zum US-Präsidenten, das Brexit-Votum der Briten oder die Wahlsiege rechter Parteien in EU-Staaten wie Ungarn, Italien und Polen waren frühe Anzeichen einer globalen Krise der Demokratie.

Damit ist aber noch nicht gesagt, dass liberale Ideen insgesamt auf dem Rückzug sind. Der World Values Survey etwa, ein wissenschaftliches Mammutprojekt, für das seit Jahrzehnten regelmäßig Menschen auf der ganzen Welt nach ihren religiösen, soziokulturellen und politischen Haltungen gefragt werden, kommt zu einem anderen Ergebnis: Diesen Daten zufolge ist der Anteil wertekonservativer Menschen in Gesellschaften über die Jahrzehnte gesunken. Weltweit.

Preisabfragezeitpunkt:
07.08.2019, 09:11 Uhr
Ohne Gewähr

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Peter Maxwill
Die Reise zum Riss: Berichte aus einem gespaltenen Land

Verlag:
Ullstein Taschenbuch
Seiten:
272
Preis:
EUR 11,00

Von einem grundsätzlichen "Rechtsruck" westlicher Gesellschaften ist daher nicht auszugehen. Sie werden, im Gegenteil, seit Jahren liberaler und pluraler.

In der Bundesrepublik etwa wurde 2005 erstmals eine Frau zur Kanzlerin gewählt. Schwarze sind seit einigen Jahren Mitglieder deutscher Nationalmannschaften. Homosexualität ist inzwischen legal, seit 2017 können gleichgeschlechtliche Paare sogar offiziell heiraten. Und immer wieder schließen sich Hunderttausende Menschen für liberale Ideen zusammen - sei es online unter Hashtags wie #aufschrei oder auf der Straße bei Pro-Europa-Kundgebungen und Solidaritätsaktionen für Seenotretter im Mittelmeer.

Womöglich ist es also so: Die deutsche Gesellschaft wird mehrheitlich weltoffener, was jedoch Widerstand auslöst und so enorme Spannungen mit sich bringt. Frust. Wut. Hass. Studien zeigen, dass diese Gemengelage offenbar eine Polarisierung hervorgerufen hat: Diejenigen, die gesellschaftliche Vielfalt und Offenheit befürworten, tun das demzufolge entschiedener als noch vor einigen Jahren - und die Gegner lehnen das noch heftiger ab.

Es gibt also einen Rechtsruck, aber eben nur am ohnehin schon rechten Rand: Während das liberale Lager Ungerechtigkeiten und die eigene Verantwortung für den Planeten sowie Mitmenschen anerkennt, lehnt es die Gegenseite ab, der Umwelt, Minderheiten oder Frauen zuliebe die eigenen Privilegien zu hinterfragen.

Dabei verschwimmen zusehends die Grenzen zwischen den Lagern der konservativen Hedonisten, die um ihren Lebensstandard sowie das liebgewonnene Weltbild bangen, und dem Lager der menschenfeindlichen Rechtsextremen.

Der Tonfall wird rüde

Auch deshalb haben es aggressive Begriffe wie "Genderwahn" und "Umvolkung" in die Mitte der Gesellschaft geschafft, wo der Umgangston insgesamt rauer geworden ist. So entstammten die zwischen 2014 und 2018 von Sprachwissenschaftlern gekürten "Unwörter des Jahres" allesamt aus dem Wutbürger-Jargon: "Lügenpresse", "Gutmensch", "Volksverräter", "alternative Fakten", "Anti-Abschiebe-Industrie".

Zu den Problemen dieser sprachlichen Radikalisierung gehört, dass es offenbar nicht dabei bleibt: Ende 2015 führte das nationale Waffenregister 285.911 Inhaber eines kleinen Waffenscheins, drei Jahre später waren es bereits 610.937. Das ist eine Steigerung um mehr als 113 Prozent. All diese Menschen dürfen legal Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen mit sich führen. Natürlich lässt sich ein Zusammenhang zwischen diesen Zahlen und der gesamtgesellschaftlichen Hysterie nicht sicher belegen, er drängt sich aber geradezu auf.

Video: DER SPIEGEL live - Was die Populisten so gefährlich macht

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Das alles passt, leider, zu den unschönen Geschehnissen in Orten wie Wurzen, Essen oder Georgensgmünd, die in der jüngeren Vergangenheit bundesweit Aufsehen erregten: Es gibt erschreckend viele Menschen, die statt auf Dialog immer häufiger auf Diskriminierung oder sogar Gewalt setzen.

Oder auf hasserfüllte E-Mails von Fake-Accounts mit den Namen von Menschheitsverbrechern.



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