Verstorbener Posträuber Biggs Ein Leben lang Ganove

Er wurde als Rebell verehrt - und als Krimineller gejagt. Posträuber Ronnie Biggs war beides, vor allem aber Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Menschen, nach Freiheit, Ungehorsam, Unbeugsamkeit. Nun ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.

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Selbst die Polizei konnte sich seinem Charme nicht völlig entziehen: Ronald "Ronnie" Biggs habe der Geschichte des Verbrechens einen "seltenen und willkommenen Hauch von Humor verliehen", schrieb der frühere Scotland-Yard-Chef Sir Robert Mark laut "Guardian" in seinen Memoiren.

Ronnie Biggs, der berühmte Posträuber. Ronnie Biggs, der liebenswürdige Ganove - so wollte der Mann aus dem Arbeitermillieu Südlondons selbst am liebsten in Erinnerung bleiben. Jahrzehntelang lebte er unbehelligt von den Ermittlern in Brasilien und arbeitete fleißig an seinem Image. Er wurde zum populärsten aller Posträuber, obwohl er bei dem legendären Überfall nur eine Nebenrolle spielte.

Biggs geriet schon als Teenager mit dem Gesetz in Konflikt: Kleinere Einbrüche und Diebstähle brachten ihn in den vierziger und fünfziger Jahren mehrfach hinter Gitter. In dieser Zeit kam er erstmals mit Bruce Reynolds in Kontakt - jenem Mann, der ihn 1963 für den größten Coup der britischen Kriminalgeschichte anheuerte.

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Berüchtigter Posträuber: Das Leben des Ronnie Biggs

Mindestens 15 Männer stoppten und überfielen am 8. August 1963 den Postzug von Glasgow nach Euston. Sie erbeuteten mehr als zweieinhalb Millionen Pfund Sterling - nach heutigen Maßstäben fast 50 Millionen Euro (mehr zu dem historischen Überfall lesen Sie hier).

Reynolds war der Kopf der Truppe, Biggs' Anteil war vergleichsweise gering: Er hatte einen pensionierten Lokführer angeworben, der den Zug steuern sollte, aber mit der Bedienung überfordert war. Die meisten Beteiligten wurden wenige Wochen nach dem Postraub geschnappt, darunter auch Biggs. 1964 wurde er zu 30 Jahren Haft verurteilt. Doch nach nur einem Jahr Gefängnis gelang ihm der Ausbruch.

Gesichts-OP in Paris, Flucht nach Australien

Mit einer Strickleiter kletterte Biggs in die Freiheit, ein Möbelwagen wartete auf der anderen Seite der Gefängnismauer auf ihn. Es war der Beginn einer atemberaubenden Flucht. Um sein Aussehen zu verändern, unterzog sich Biggs in Paris einer Schönheitsoperation. Anschließend flog er unter falschem Namen nach Australien, seine Frau und zwei Söhne folgten ihm ein Jahr später. In Adelaide wurde sein dritter Sohn geboren. Doch Biggs' Tarnung als Tischler "Terry Cook" flog bald auf. Er musste seine Familie zurücklassen, floh 1970 nach Südamerika und strandete schließlich in Rio de Janeiro - es wurde für 30 Jahre seine neue Heimat.

Die Beute aus dem großen Postraub war damals vermutlich längst aufgebraucht. 147.000 Pfund habe sein Anteil betragen, sagte Biggs im Jahr 2000 in einem Interview mit der BBC: "Ich habe es verschleudert. Nach drei Jahren war alles weg."

In Brasilien hatte Biggs mit zwei Problemen zu kämpfen: Geldsorgen und Heimweh. 1974 nahm er Kontakt zu der britischen Zeitung "Daily Express" auf, angeblich wollte er sich stellen. Doch es kam anders: Die Chefredaktion der Zeitung informierte heimlich die Polizei. Im Flugzeug nach Rio saß daher auch Ermittler Jack Slipper. Nach eigener Aussage überraschte er Biggs nach der Landung im Hotelzimmer mit der süffisanten Begrüßung: "Lange nicht gesehen, Ronnie."

Songs mit den Sex Pistols

Biggs wurde festgenommen, doch das Glück war ihm weiter gewogen. Er durfte nicht ausgeliefert werden, weil eine Brasilianerin von ihm schwanger war. Während Slipper unverrichteter Dinge nach Großbritannien zurückkehren musste, konnte Biggs in den folgenden Jahren unter echtem Namen als freier Mann an der Copacabana leben.

Biggs gefiel sich in der Rolle des prominenten Gauners, aber er musste auch Geld verdienen. Er gab bezahlte Zeitungsinterviews, nahm Songs mit den Sex Pistols ("No One Is Innocent", 1978) und den Toten Hosen ("Carnival In Rio", 1991) auf, schrieb Bücher, zeigte sich in TV-Werbespots, gab zum 20-jährigen Jubiläum seiner Flucht eine Party. Der Mythos Biggs wurde immer größer. Der Mann aus dem Süden Londons stieg auf zum König der Diebe.

Mit den Abenteuern war es längst nicht vorbei. Britische Ex-Soldaten entführten Biggs 1981 nach Barbados, um ihn gegen eine Belohnung der Polizei in der Heimat zu übergeben. Ein Gericht in dem Karibikstaat ließ das jedoch nicht zu, Biggs durfte nach Brasilien zurückkehren.

Wenn er gefragt wurde, beteuerte Biggs, er habe den Postraub nie bereut. Wohl aber, dass bei dem Überfall der Lokführer niedergeschlagen wurde, sich nie davon erholte und wenige Jahre später starb. "Ich bedauere das sehr", sagte Biggs einmal. "Ich wünschte, es wäre nicht passiert, aber ich kann die Uhren nicht zurückdrehen."

In den neunziger Jahren bekam er gesundheitliche Probleme, mehrere Schlaganfälle machten ihm zu schaffen. Biggs wollte zurück in die Heimat - aus Heimweh, wie er sagte. Aber wohl auch, weil er in England auf eine bessere medizinische Versorgung hoffte - und auf eine Begnadigung. Er habe sich in in den vergangenen 30 Jahren nichts mehr zuschulden kommen lassen und sei ein anderer Mensch. Doch als er 2001 von der Boulevardzeitung "The Sun" zurück auf die Insel geflogen wurde, kam er sofort in Haft.

Mehrere Anträge auf Begnadigung scheiterten. Erst 2009, als es ihm gesundheitlich sehr schlecht ging, kam Biggs frei. Er lebte fortan in einem Pflegeheim im Norden Londons. Im März war er, schwer gezeichnet, bei der Beerdigung von Bruce Reynolds noch einmal in der Öffentlichkeit zu sehen.

Nun ist er im Alter von 84 Jahren gestorben. Für manche als Held, der den Obrigkeiten jahrelang ein Schnippchen schlug. Für andere als reueloser Gauner, dem Gesetze nichts bedeuteten.

In britischen Medien wird nun ein letztes Mal Biggs' Gespür für Timing erwähnt: Er starb 50 Jahre nach dem großen Postraub - genau an dem Tag, an dem die BBC die Geschichte des Coups in einer aufwendigen Dokumentation noch einmal erzählt.



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