Powershoppen am Alex Da simmer dabei

Berlin eröffnet ein neues Einkaufszentrum und alle sind da: Schnäppchenjäger und Schaulustige warten geduldig, um einen Blick zu erhaschen - auch ohne ohne Musik und Freibier. Nur, weil es gerade kein anderes Großereignis in der Stadt gibt.
Von Nicole Meßmer

Berlin - Die Straße vor dem neuen Einkaufszentrum Alexa ist abgesperrt, Schaulustige stehen auf Pollern und etwa 500 Menschen warten geduldig bis sie eingelassen werden. Der Sozialismus ist seit 17 Jahren Geschichte und der Kapitalismus hat sich seitdem schrittweise in der Hauptstadt etabliert, trotzdem stehen die Berliner wieder Schlange.

Nicht, dass Südfrüchte knapp geworden wären in der Hauptstadt - ein neuer Media Markt hat eröffnet. Übrigens nicht der erste in Berlin. Man mag kaum glauben, dass Fernseher und Telefone heute keine Seltenheit mehr sind, und man mag ebenfalls kaum glauben, dass sich der nächste Elektronik-Discounter auf der anderen Straßenseite befindet.

Hamburger Gitter sichern den Eingangsbereich des Einkaufszentrums ab wie bei einem Popkonzert oder einer politischen Großveranstaltung. Alle zwei bis drei Minuten öffnet einer der Sicherheitsleute eines der Gatter, um wieder einen Schub Wartender einzulassen.

Es hat etwas Darwinistisches, wie sich ungefähr 500 Leute in einer Traube zwischen der Wand des Einkaufszentrum und dem Stahlzaun, das den dennoch zertrampelten Rasen schützen soll, Richtung Eingang schieben: Wer klein, wendig oder rücksichtslos ist, ist eben schneller als andere.

16 Stunden nach Eröffnung des Media Marktes, ebenso viele Stunden nach den Schnäppchenrandalen der Nacht, aber rechtzeitig zum neuen Feierabendansturm soll nun ein neues System ausprobiert werden: ein Gitterlabyrinth, um den Ansturm besser kanalisieren zu können, so wie am Skilift oder im Freizeitpark.

Dass die Wartenden noch ein Stück weiter zurückgedrängt werden, damit zehn Polizisten und etwa ebenso viele Sicherheitsleute in Ruhe Zäune aufstellen können, scheint hier niemanden zu stören. Die Leute lehnen an den Absperrungen, drehen rote Rosen zwischen den Fingern, die sie als Werbegeschenke bekommen haben, rauchen und beobachten die Polizisten bei der Arbeit. Im Gegensatz zu den ersten Stunden, in denen es einige Leichtverletzte gab, scheinen alle viel Geduld mitgebracht zu haben.

"Ich habe nichts zu versäumen, ich bin schließlich allein", erklärt eine ältere Frau lächelnd. 20 Minuten hat sie schon gewartet, drin ist sie noch lange nicht. Ob sie auf Schnäppchen aus sei? Nein, bei Weitem nicht. Es wäre nur so spannend, dabei zu sein.

Dabei sein, das ist für die Berliner immer wichtig. Egal ob auf der Fanmeile, beim Myfest in Kreuzberg oder eben bei der Media Markt-Eröffnung. Dabei gibt es heute noch nicht einmal Bier oder Musik. Nur ein Bratwurststand steht zwischen den Gittern. Seit die Polizei das Einlasssystem geändert hat, verkohlen die Würstchen allerdings auf dem Grill.

Auch Adelyn hat von dem Ansturm auf den Media Markt gehört, jetzt will sie sich selbst ein Bild machen. "Ich bin einfach nur neugierig", sagt sie. Und schon ist sie weg, mit der Menschenmenge im Eingang verschwunden. Ulrike arbeitet genau gegenüber. Sie braucht einen DVD-Player und einen PC, sie möchte die Eröffnungsangebote bei Media-Markt ausnutzen. Und: "Natürlich will man dabei sein, wenn hier was passiert, was heute Abend in den Nachrichten ist." Die Eröffnung eines Shopping-Centers als Freizeitbeschäftigung.

"Wir haben mehr Fans, als wir dachten"

Im Media Markt sind mittlerweile Saeco-Espressomaschinen und Tefal-Dampfbügeleisen ausverkauft. Verkäufer Maximilian Köhler ist schon seit gestern Abend neun Uhr hier, aber noch zeigt er keinerlei Ermüdungserscheinungen: Er kann sämtliche Preise der Angebote herunterrattern und weiß ganz genau, was sich besonders gut verkauft: der Laptop für 497 Euro oder die X-Box für 249 Euro. 90.000 Artikel wurden nach Angaben eines Mitarbeiters aus der Marktleitung bislang verkauft: "Wir haben mehr Fans, als wir dachten", sagt er.

Um Mitternacht drängten sich zur Eröffnung noch 5000 Leute vor den Eingängen, zwei Stunden später musste der Markt vorübergehend wieder geschlossen werden. Eine Rolltreppe wurde beschädigt und es gab mehrere Leichtverletzte, auch unter den Sicherheitsleuten. Im Innern scheint sich die Situation mittlerweile entspannt zu haben, gewartet wird draußen und das weitgehend friedlich, auch wenn sich ein paar über die Menschenmassen am Eingang beschweren.

Nicht ganz zu recht allerdings: An den Seiteneingängen ist wesentlich weniger Ansturm, nach zehn Minuten ist man drin. Daniel hat das erkannt: "Es gibt immer Umwege von hinten." Er hält es mit dem Slogan des Media-Marktes: "Ich bin doch nicht blöd und warte hier."

Doch gerät eben dort einer der Wartenden aus der Fassung. Kurzfristig müssen die Sicherheitsleute den Seiteneingang sperren: "So ein System in Deutschland - ihr habt doch sonst für alles eine Regel", ruft ein Jugendlicher und droht der Polizei. Einer der Ordner zieht ihn in eine Ecke und dann ist es plötzlich wieder ruhig. Oliver Pauly vom Sicherheitsdienst ASK allerdings rechnet damit, dass der Ansturm noch einige Tage anhalten wird.

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