Fotostrecke

Käßmann beim ÖKT: "Danke, das tut mir gut"

Foto: Miguel Villagran/ Getty Images

Predigt bei Kirchentag Käßmann wirbt in katholischem Dom für Geburtenkontrolle

Drei Monate nahm sie eine Auszeit - jetzt meldet sich Margot Käßmann zurück. Ausgerechnet in der katholischen Münchner Frauenkirche lobte die evangelische Ex-Bischöfin die Pille als "Geschenk Gottes". Und äußerte Verständnis für Menschen, die sich gegen ein Leben mit Kindern entscheiden.

Margot Käßmann

Ökumenischen Kirchentag

München - Eine evangelische Ex-Bischöfin lobt im katholischen Dom die Vorteile der Anti-Baby-Pille - mit Wucht hat sich auf dem zweiten in der Öffentlichkeit zurückgemeldet. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) warnte in ihrer Rede davor, Geburtenkontrolle und Verhütung zu verteufeln - ausgerechnet im Münchner Liebfrauendom, einem der bekanntesten katholischen Gotteshäuser Deutschlands und der Münchner Bischofskirche. Nach der katholischen Sexualmoral sind künstliche Verhütungsmittel wie die Pille verboten.

Die Etablierung der Anti-Baby-Pille habe für viele "etwas Anrüchiges" gehabt, sagte die evangelische Theologin. "Wir können sie aber auch als Geschenk Gottes sehen. Denn da geht es um die Erhaltung von Leben, um Freiheit, die nicht gleich in Pornografie ausarten muss, so sehr die Sexualisierung unserer Gesellschaft natürlich ein Problem ist." Es gehe um "Liebe ohne Angst und um verantwortliche Elternschaft", für Frauen "um Sorge für das eigene Leben und das der eigenen Kinder" - und auch um die Entscheidung für ein Leben ohne Kinder, "die unsere Kirchen nicht immer gleich abwerten sollten".

Jedes Jahr kämen mehr als 300.000 Frauen infolge von Schwangerschaft oder Geburten ums Leben, 99 Prozent von ihnen in den armen Ländern: "Wer solches Elend von Müttern und Kindern verhindern will, wer den Segen des Gebärens nicht zum Fluch werden lassen will, wird für Geburtenkontrolle, für einen offenen Zugang zu Verhütungsmitteln eintreten", so Käßmann.

"Kein Mensch ist ohne Fehl und Tadel"

Käßmann, selbst Mutter von vier Töchtern, hatte sich in den vergangenen Wochen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Februar war sie als Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende zurückgetreten, weil sie betrunken Auto gefahren war. Nun, im Rahmen des Ökumenischen Kirchentags, erlebt sie mit knapp einem Dutzend Terminen ihr persönliches Comeback auf großer Bühne.

Bei ihrem ersten Auftritt in München wurde sie begeistert begrüßt. Tausende Christen empfingen sie bei einer von ihr gehaltenen Bibelarbeit auf dem Messegelände mit Beifall, viele standen dazu auf. Auf den Applaus und die herzlichen Begrüßungsworte des evangelischen Kirchentagspräsidenten Eckhard Nagel reagierte Käßmann mit den Worten: "Danke, das tut mir gut."

In ihrer Bibelarbeit zur Schöpfungsgeschichte aus dem Buch Mose und zu Noahs Kampf gegen die Sintflut ging Käßmann auch auf die Fehlbarkeit des Menschen ein. "Kein Mensch ist ohne Fehl und Tadel", sagte sie. "Wir kennen als Christinnen und Christen keinen Gott, der nur das Perfekte gelten lässt und alles andere verachtet." Nicht zuletzt der vorbildliche Umgang mit ihrer eigenen Verfehlung hatte Käßmann hohen Respekt in Kirche und Gesellschaft eingetragen.

Neue Kritik an der Afghanistan-Politik

Die Ex-Bischöfin stellte auch andere persönliche Bezüge her. "Was, wenn Dein ganzes bisheriges Leben unterzugehen scheint, weil eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert wird? Weil der Ehepartner dich verlässt? Auch das sind Untergangserfahrungen, in denen wir uns fragen, wie Gott erretten kann. Ob es einen neuen Anfang geben kann." Die Antwort gab Käßmann, die solche Erlebnisse in den vergangenen Jahren durchleben musste, selbst: "Ja, es gibt eine zweite Chance."

Mit Blick auf das Ringen um Frieden problematisierte Käßmann erneut kritisch die internationale Afghanistan-Politik. Sie verglich die wachsenden deutschen Ausgaben für das Militär mit den weit geringeren für die Entwicklungshilfe: "Ich jedenfalls kann darin keinen 'Vorrang für zivil' sehen, wie wir ihn als evangelische Kirche immer gefordert haben." Und: "Wo sind denn da die Visionen für ein Leben nach der Sintflut?" Als EKD-Ratsvorsitzende hatte Käßmann zu Weihnachten mit Kritik am Afghanistan-Einsatz eine breite innenpolitische Debatte ausgelöst.

Der Ökumenische Kirchentag ist das größte europäische Christentreffen in diesem Jahr. Die rund 125.000 Dauerteilnehmer können aus einem Programm mit rund 3000 Veranstaltungen auswählen.

hpi/han/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.