Presseschlacht vorm Schicksalsspiel 11 Sissis gegen 11 Piefkes

Deutschland gegen Österreich: Vor der entscheidenden EM-Begegnung heute Abend in Wien ruft der hiesige Boulevard zur Schlacht gegen die "Ösi-Würstchen", die gegnerische Presse schlägt zurück und bucht für Ballack und Co. schon das Rückflugticket.
Von Insa Moog, Barbara Hans und Sophie Harm

Hamburg - Mehr Motivation geht nicht: "Ösi-Würstchen", allenfalls "11 Sissis" erwarten Jogi Löws DFB-Elf heute abend im Wiener Ernst-Happel-Stadion - jedenfalls aus der Sicht deutscher Boulevardmedien.

Die Fußball-"Exoten" - Weltranglistenplatz 92 - "wegzuwienern" - keine besondere Herausforderung für die Mannen um Michael Ballack, tönt es von den Titelseiten deutscher Zeitungen. Ein Grund mehr für Coach Josef Hickersberger und sein Team, meinen im Gegenzug österreichische Blätter, den "Piefkes" heute Abend auf heimatlichem Boden den Marsch zu blasen.

Die Fußballschlacht tobt schon seit Tagen, als Anheizer betätigte sich unter anderem der österreichische Stürmer Martin Harnik, der in der Bundesliga für Werder Bremen kickt. "Die Deutschen stehen jetzt schon unter Druck", feixte Harnik in "Bild" uns setzte im verbalen Feinschliff hinzu, sie "werden sich in die Hosen scheißen". Das Berliner Springer-Blatt "B.Z." stellte draufhin klar, wer trotz allem Herr auf dem Platz ist: "Heute haben wir die Hosen an."

Ein Tor: Das ist die bisherige Bilanz der Österreicher Nationalkicker: "Doch vor dem Spiel gegen Deutschland tönen die Österreicher dreister denn je", schrieb die "Hamburger Morgenpost" in ihrer Wochenendausgabe.

Bild: "Auf Wienersehen, ihr Ösi-Würstchen"

"Auf Wienersehen, ihr Ösi-Würstchen", textet "Bild" auf Seite 1 und präsentiert eine Fotomontage, mittels derer die Spieler der österreichischen Nationalelf zu Wiener Würstchen mutieren. Es wird hart für Jogis Mannen, so muss es der "Bild"-Leser befürchten, denn "die Ösis" führen Übelstes im Schilde: "Wenn schon gelb, dann muss es dem Gegner weh tun", zitiert das Blatt den österreichischen Abwehrchef Martin Stranzl.

Die Zeitung versorgte ihre Leser bereits in ihrer Samstagsausgabe mit Kurzporträts der Hickersberger-Elf, Spitznamen und Sprüche mussten zur Charakterisierung genügen: Sturmspitze Roland Linz wurde etwa zu "Roland Grins", der "nur bei den Frauen Treffer landet", Martin Harnik zu "Martin Harmlos" und Kapitän Andreas Ivanschitz gar zu "Andi I-hab-schiss - Kapitän ohne Mumm".

"30 Gründe, warum Ösis oft auch Dösis sind" gab "Bild" ebenfalls in der Wochenendausgabe zum Besten. Es geht um den Höhenvergleich von Riesenrädern ("185 Meter in Berlin, 65 Meter im Wiener Prater"), um den vermeintlichen Fakt, dass ausschließlich Tote oder Ausgewanderte berühmte Österreicher (Mozart, Falco, Schwarzenegger) seien. Am Ende überstrahlt Deutschland eh alles, denn nur Deutschland verfüge schließlich über einen (Fußball-)Kaiser.

In der Online-Ausgabe "Bild.de" wird weiter gelästert, unter anderem mit den "besten Ösi-Witzen" zum Durchklicken.

Österreich: "Zieht den Deutschen die Hosen aus"

Die Botschaft ist eindeutig: "Ein Sieg - und ihr seid unsterblich" - so die Botschaft auf der Titelseite von "Österreich". Daneben eine Fotomontage vom unbekleideten Michael Ballack, den Blick skeptisch gen Himmel gerichtet. "Deutschland-Star Ballack rennt heute ums letzte Leiberl", lautet die Bildunterschrift.

Schon gestern schickte die Zeitung den Kapitän der deutschen Mannschaft nach Hause - und druckte gleich das passende Rückflug-Ticket der Lufthansa ab. Ganz auf die Deutschen verzichten will man in Österreich allerdings nicht: "Hallo Deutsche! Hier ist euer Rückflug-Ticket… im nächsten Ski-Urlaub seid ihr wieder willkommen!"

Als Antwort auf die Namen, die "Bild" den österreichischen Spielern verpasst hatte, tauft "Österreich" nun die deutsche Nationalelf um - und kalauert drauf los: Aus Jens Lehmann wird Jens Flattermann, aus Per Mertesacker Per Nervenwackler, aus Michael Ballack wird Michael Ball Weg, aus Lukas Podolski wird Lukas Tornullski.

Im deutschen EM-Camp rieche es dieser Tage nicht nur nach Blumen und Kräutern, sondern auch nach "Angstschweiß und vollen Hosen". Die Rhetorik ist seit Tagen die immergleiche: "Deutschland sch… sich vor uns in die Hosen", titelte "Österreich" am Sonntag mit dem Martin-Harnik-Ausspruch.

Ein Piefke ist ein Piefke, bleibt ein Piefke

Kaum hatte die "Bild"-Zeitung mit "30 Gründen, warum Ösis oft auch Dösis sind" getrumpft, konterte "Österreich" am Sonntag mit den - immerhin noch - "20 Gründen, warum Deutsche Piefkes bleiben".

Demnach sind Deutsche lächerlich, weil

  • "die Deutschen aus Köstlichkeiten Lachnummern" machen: "Germknödel sind als 'Hefeklöße' ebenso ungenießbar wie Topfengolatschen als 'Quarktaschen'"
  • "nicht einmal ihre Hymne von einem Deutschen stammt (sondern von unserem Joseph Haydn)"
  • "ihr Bundesadler so sympathisch aussieht wie ein hungriger Olli Kahn beim Herauslaufen"
  • "wir hier seit ewigen Zeiten gemütlich auf dem Großglockner warten, dass die Zugspitze endlich mal ein bisserl aufholt"

Berliner Kurier: "Ösis wegwienern"

"Ballack bläst zum Großreinemachen: Heute wienern wir die Ösis weg" titelt der Berliner Kurier. Es gehe heute auch um eine "Rache für Córdoba", immerhin seien es die "Ösis" selbst, die sich seit Tagen "zwanghaft" daran festhielten, dass sie "vor 30 Jahren mal 3:2 bei der WM in Argentinien gegen uns gewonnen haben". Ein Sieg der Österreicher sei so wahrscheinlich wie die "Wiedergeburt von Kaiserin Sissi oder ein Live-Konzert vom auferstandenen Mozart".

Weiter spreche die Spielbilanz seit dem Zweiten Weltkrieg eine klare Sprache: In 24 Begegnungen siegten die Deutschen 17 Mal, zweimal blieb es beim Unentschieden. Die "Ösis" hätten lediglich eine "Exoten"-Chance, mit ihrem Platz 92 in der Weltrangliste sei das Team "gerade so vor Thailand, aber hinter Mosambik".

Kurier: "Hoffen auf ein Wunder"

Die Ansage im österreichischen "Kurier" ist deutlich: "Österreich muss ab 20:45 Uhr gegen Deutschland gewinnen", so die Ansage auf dem Titelblatt - darunter Fans im weiß-roten Freudentaumel.

"Ösis, Dösis, Bösis, Alpenzwerge, Gemütlichkeit gegen Germanen, Teutsche, Piefke, Gründlichkeit. Kleiner gegen großer Bruder, Schmäh gegen Belächeln, 8,3 Millionen gegen 82,4 Millionen Menschen. Ballspielende Nobodys im angeblichen Marktwert von 44,575 Millionen Euro gegen namhafte Stars um 224,4 Millionen", so die Bilanz des "Kuriers".

Trotzdem gibt man sich auch hier optimistisch bis euphorisch: "Deutlich ist zu spüren: Die Österreicher können die Deutschen schlagen." Erst zwei Tage ist es her, dass ein "Kurier"-Titel einen Teutonen mit Schnauzbart im Fanoutfit zeigte und dazu die Frage stellte: "Wird Hochmut bestraft? Deutscher Spott über Österreichs Team könnte sich rächen."

Gleiches könnte wohl auch umgekehrt gelten.

Die Welt: "Weltmeister unter den Fuballrobotern"

Österreich sei bereits Fußball-Weltmeister - in den Disziplinen Tisch- und Robobterfußball, spöttelt heute die "Welt" aus Berlin. Ungeschlagen seien die europäischen Nachbarn ebenfalls in ihrer Fähigkeit zum Dauerjodeln und Dachdecken. Warum all diese Hinweise? Die "Welt" sorgt sich um das österreichische Wohlergehen: "Womit sich die Österreicher nach der Niederlage gegen Deutschland im Fußball trösten können" - immerhin beschwörten diese schon seit Tagen ein "Córdoba-Erinnerungs-Schicksalsspiel".

"Trau dich, Jogi", muntert die "tageszeitung" den etwas zaghaft wirkenden Jogi Löw auf und zimmert dem Bundestrainer per Gedankenblase berühmte Klinsmann-Brachial-Formulierungen in den Schädel: "Die haben Muffe. Die knallen wir durch die Wand."

Genau 30 Jahre nach dem Vorrunden-Sieg gegen die deutsche Nationalelf bei der WM in Argentinien bespöttelt die "taz" die Österreicher, die nun eine "neue Chance auf Lorbeer und Lobhudelei" witterten. Doch selbst der österreichische Trainer Hickersberger wolle von Córdoba nichts mehr hörten - "das ist Geschichte".

Kronenzeitung: "Burschen, heute könnt ihr Geschichte schreiben"

Hoffen auf das zweite Córdoba: In der österreichischen Berichterstattung wird der Name einer Stadt zum Zauberwort. Córdoba steht für den letzten Sieg der österreichischen Nationalelf über Deutschland im Jahr 1978. Das 3:2 führte zu einem wochenlangen Freudentaumel in der Alpenrepublik - nun soll das "Wunder von Wien" folgen.

Die "Kronenzeitung" zitiert Josef Hickersberger, selbst Córdoba-Veteran: "Es geht um alles oder nichts, um den Aufstieg oder das Ende unserer Träume. Daher freue ich mich besonders, dass Deutschland unser Gegner ist." Der Teamchef gab sich selbstbewusst: "Wenn die Deutschen so spielen wie gegen Kroatien, dann bin ich ziemlich sicher, dass wir das Spiel auch gewinnen können. Wir müssen die Hosen sicher nicht voll haben."

B.Z.: "Finale gegen 11 Sissis"

Für die Berliner "B.Z." sind die österreichischen Spieler schlicht "Sissis. Verkleidet. Mit roten Trikots und weißen Hosen". Dann die Feststellung: "Wenn wir die nicht weghauen, wen dann?"

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