Sozialprojekt in Rumänien unter Verdacht Jugendamt beendete Zusammenarbeit offenbar schon 2009

In einem Sozialprojekt in Rumänien sollen deutsche Teenager misshandelt worden sein. Nach Informationen des SPIEGEL gab es schon vor zehn Jahren Hinweise auf Probleme - auch dank einer zufälligen Begegnung.

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Am Dienstag durchsuchten rumänische Ermittler das deutsche Jugendhilfe-Projekt "Maramures" im nordrumänischen Oberwischau (Viseu de Sus), die Vorwürfe sind gravierend: Jugendliche sollen über Jahre hinweg ausgebeutet und misshandelt worden sein.

Die mutmaßlichen Taten geschahen nach Darstellung der Ermittler zwischen 2014 und August 2019. Ein Bewohner Oberwischaus hatte dem SPIEGEL berichtet, die "katastrophalen Bedingungen" seien im Ort seit vielen Jahren bekannt gewesen.

Wie sich nun herausstellt, waren auch deutschen Behörden schon länger Vorwürfe gegen "Maramures" bekannt. Nach Informationen des SPIEGEL kamen Mitarbeitern des Jugendamtes des Landkreises Celle schon im Jahr 2009 erste Zweifel an der Arbeitsweise des Projektes auf.

Damals hatten Mitarbeiter des Jugendamtes ein Mädchen in der Hilfseinrichtung in Rumänien untergebracht. Doch kurz danach gab es erste Hinweise auf eine "unprofessionelle Behandlung der Kinder", wie ein Sprecher des Landkreises Celle bestätigte. Nach einem Besuch von einem Mitarbeiter des Amtes in Rumänen seien die Zweifel weiter gewachsen, auch wenn das Mädchen damals keine Angaben zu Misshandlungen gemacht habe.

Im selben Jahr meldete sich eine deutsche Frau bei dem Jugendamt in Celle. Sie war im Juni 2009 als Touristin in der Region Maramures wandern gewesen. Als sie auf einem Hof nach dem Weg fragen wollte, traf sie auf das Mädchen. Deren Kopf sei kahlgeschoren gewesen, das Mädchen habe sehr verunsichert gewirkt, erzählt die Frau heute.

Die Frau, selbst Sozialpädagogin, informierte nach ihrer Rückkehr das Jugendamt in Celle über die Begegnung. Das Jugendamt nahm eigenen Angaben zufolge daraufhin das Mädchen aus der Einrichtung. Zudem habe die Behörde die Zusammenarbeit mit dem Projekt "Maramures" sowie mit der niedersächsischen Jugendhilfeeinrichtung beendet, die den Kontakt zu dem Projekt in Rumänien vermittelt hatte.

Laut dem Sprecher des Landkreises wurde damals auch das Landesjugendamt eingeschaltet. Zudem habe es eine Unterrichtung im Landtag gegeben, die Erfahrungen des Jugendamts seien aber "nicht einhellig geteilt" worden.

Die rumänische Staatsanwaltschaft hat wegen der Vorwürfe fünf Menschen verhaftet, darunter den deutschen Leiter der Einrichtung "Maramures", der als Hauptverdächtiger gilt. Ihm werden unter anderem Freiheitsberaubung und Menschenhandel vorgeworfen, sagte dessen Anwalt Ioan Sas der Nachrichtenagentur AFP. Zudem beschuldigt die Staatsanwaltschaft die Projektleitung, Geld veruntreut zu haben. Ein rumänischer Mitarbeiter des Projektes hatte auf Anfrage des SPIEGEL alle Vorwürfe bestritten.

chp/kve/sen



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