Prostitution in der Coronakrise "Lieber wird akzeptiert, dass alle sich heimlich treffen"
Die Herbertstraße auf St. Pauli - diese Tore standen schon lange nicht mehr so weit offen. Eigentlich verbergen die Stahltore den Blick auf Schaufenster, hinter denen Sexarbeiterinnen ihre Dienste anbieten. Nun wird zur Demo geladen - die Branche sieht sich bedroht.
Carolin, Sexarbeiterin:
"Es wird von Woche zu Woche schwerer, weil man an der Existenz nagt."
Deutschlandweit gilt ein Betriebsverbot für Bordelle. In Hamburg und vielen weiteren Bundesländern ist die private Prostitution ebenfalls verboten. Und obwohl andere sogenannte "körpernahe Dienstleistungen" wie Massagesalons und Tattoo-Studios wieder geöffnet haben, dürfen Sexarbeiter*innen weiterhin keine Kunden empfangen.
Carolin, Sexarbeiterin:
"Es gibt keine klaren Aussagen, sei es von der Politik. Wie geht es für uns weiter? Klar, wir konnten Grundsicherung beantragen, die läuft jetzt aber im September aus. Dann heißt es auf einmal, seinen kompletten Lebensstandard zurückzuschrauben."
Carolin arbeitet seit 5 Jahren in der Herbertstraße. Beim Tag des offenen Bordells präsentiert die lokale Branche ein Hygienekonzept, damit sie und andere Sexarbeiter*innen wieder Kunden empfangen können.
Carolin, Sexarbeiterin
"Wenn ein Gast reinkommt, tragen wir beide einen Mundschutz. Der Gast desinfiziert sich hier die Hände und dann begleitete er mich nach oben."
Jede Frau hat ein festes Zimmer, hier müssen die Gäste per QR-Code ihre Kontaktdaten registrieren.
"Dann Waschen sich sowohl Gast als auch die Frau die Hände, den Genitalbereich. beim sexuellen Akt ist es so, dass grundsätzlich beide Partien den Mundschutz tragen. Sei es bei Massagen, sei es bei Geschlechtsverkehr, Handmassagen. Beim Oralverkehr wäre es jetzt für uns alle komisch, wenn wir sagen würden, da trägt die Frau auch einen Mundschutz. Natürlich nicht. Wenn man fertig ist, wenn man eine schöne Zeit hatte, wird der Gast wieder raus begleitet."
Der Stadt Hamburg reichen diese Regeln nicht. Denn auch wenn die Bars auf St. Pauli unter strengen Auflagen nach und nach wieder Menschen ins Rotlichtviertel locken, gibt es für Sexarbeiter*innen vorerst keine Lockerungen. Zu groß ist die Befürchtung, das Virus könne sich unkontrolliert verbreiten und dass die Gäste falsche Daten angeben könnten.
Martin Helfrich, Pressesprecher Sozialbehörde Hamburg:
"Das Sexgewerbe ist ja der Natur der Sache nach eines, in dem man mit einer sehr hohen körperlichen Nähe unterwegs ist, in der eine ganz große Kontaktintensität entsteht. Das ist der Natur der Sache nach überhaupt nicht zu vermeiden. Außerdem muss damit gerechnet werden, dass es zur gesteigerten Atemluft-Emissionen kommt. Auch die Frage der Kontakt-Nachverfolgung, die maßgeblich ist, falls es doch zu Infektionen kommt, kann hier nicht befriedigend beantwortet werden. Vor dem Hintergrund einer womöglich befürchteten Stigmatisierung muss damit gerechnet werden, dass Angaben zur Verfolgung womöglich fehlerhaft sein könnten."
Ende 2018 gab es deutschlandweit knapp 33.000 registrierte Sexarbeiter*innen - die Dunkelziffer der illegalen Prostituierten dürfte deutlich höher sein. Um ihren Lebensstandard zu halten, gehen jetzt auch angemeldete SexarbeiterInnen in die Illegalität. Je länger die Bordelle geschlossen sind, desto größere Probleme sieht der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen.
Stefanie Klee, Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen:
"Es entwickelt sich neben den Bordellen eine neue Struktur. Die Frage ist: Wie verfestigt sich diese Struktur? Wird diese Struktur jemals wieder aufzulösen sein? Auf jeden Fall ist das eine Struktur, wo die Polizei, aber auch die Gesundheitsämter und die Fachberatungsstellen der Prostitution keinen Zugang haben."
Für Karolin ist illegale Prostitution keine Option, doch sie ahnt, wie die Realität aussieht.
Karolin, Sexarbeiterin:
"Es wird lieber akzeptiert, dass alle sich heimlich treffen, wo keiner die Hand drüber hat, keiner kann sagen, läuft es korrekt ab. Wo ich denke, es wird nirgendwo, auch die sich privat treffen, da wird niemand einen Mundschutz tragen und sagen: so jetzt desinfizieren wir uns erstmal die Hände. Das macht keiner."
Der illegale und für die Frauen gefährliche Markt auf der Straße und im Internet vergrößert sich. Durch die Öffnung der Bordelle könnte diese Entwicklung gebremst werden. Doch für die Stadt Hamburg stehen Lockerungen im Sexgewerbe nicht im Verhältnis zum Ausbreitungsrisiko.
Martin Helfrich, Pressesprecher Sozialbehörde Hamburg:
"Denn es gilt, mehrere Güter miteinander abzuwägen: Die Gesundheit der Gesamtbevölkerung und das Risiko, welches wir womöglich hervorrufen einerseits und andererseits die Ausübung des Gewerbes für diese individuellen Personen."
Bei niedrigen Infektionszahlen stellt die Stadt frühestens am 1.9. Lockerungen in Aussicht. Für Carolin läuft Ende September die vermögensunabhängige Grundsicherung aus. Dann prüft das Amt, ob sie von ihrem Ersparten leben kann. Eine langfristige Perspektive hat sie bislang nicht.
Die Herbertstraße auf St. Pauli - diese Tore standen schon lange nicht mehr so weit offen. Eigentlich verbergen die Stahltore den Blick auf Schaufenster, hinter denen Sexarbeiterinnen ihre Dienste anbieten. Nun wird zur Demo geladen - die Branche sieht sich bedroht.
Carolin, Sexarbeiterin:
"Es wird von Woche zu Woche schwerer, weil man an der Existenz nagt."
Deutschlandweit gilt ein Betriebsverbot für Bordelle. In Hamburg und vielen weiteren Bundesländern ist die private Prostitution ebenfalls verboten. Und obwohl andere sogenannte "körpernahe Dienstleistungen" wie Massagesalons und Tattoo-Studios wieder geöffnet haben, dürfen Sexarbeiter*innen weiterhin keine Kunden empfangen.
Carolin, Sexarbeiterin:
"Es gibt keine klaren Aussagen, sei es von der Politik. Wie geht es für uns weiter? Klar, wir konnten Grundsicherung beantragen, die läuft jetzt aber im September aus. Dann heißt es auf einmal, seinen kompletten Lebensstandard zurückzuschrauben."
Carolin arbeitet seit 5 Jahren in der Herbertstraße. Beim Tag des offenen Bordells präsentiert die lokale Branche ein Hygienekonzept, damit sie und andere Sexarbeiter*innen wieder Kunden empfangen können.
Carolin, Sexarbeiterin
"Wenn ein Gast reinkommt, tragen wir beide einen Mundschutz. Der Gast desinfiziert sich hier die Hände und dann begleitete er mich nach oben."
Jede Frau hat ein festes Zimmer, hier müssen die Gäste per QR-Code ihre Kontaktdaten registrieren.
"Dann Waschen sich sowohl Gast als auch die Frau die Hände, den Genitalbereich. beim sexuellen Akt ist es so, dass grundsätzlich beide Partien den Mundschutz tragen. Sei es bei Massagen, sei es bei Geschlechtsverkehr, Handmassagen. Beim Oralverkehr wäre es jetzt für uns alle komisch, wenn wir sagen würden, da trägt die Frau auch einen Mundschutz. Natürlich nicht. Wenn man fertig ist, wenn man eine schöne Zeit hatte, wird der Gast wieder raus begleitet."
Der Stadt Hamburg reichen diese Regeln nicht. Denn auch wenn die Bars auf St. Pauli unter strengen Auflagen nach und nach wieder Menschen ins Rotlichtviertel locken, gibt es für Sexarbeiter*innen vorerst keine Lockerungen. Zu groß ist die Befürchtung, das Virus könne sich unkontrolliert verbreiten und dass die Gäste falsche Daten angeben könnten.
Martin Helfrich, Pressesprecher Sozialbehörde Hamburg:
"Das Sexgewerbe ist ja der Natur der Sache nach eines, in dem man mit einer sehr hohen körperlichen Nähe unterwegs ist, in der eine ganz große Kontaktintensität entsteht. Das ist der Natur der Sache nach überhaupt nicht zu vermeiden. Außerdem muss damit gerechnet werden, dass es zur gesteigerten Atemluft-Emissionen kommt. Auch die Frage der Kontakt-Nachverfolgung, die maßgeblich ist, falls es doch zu Infektionen kommt, kann hier nicht befriedigend beantwortet werden. Vor dem Hintergrund einer womöglich befürchteten Stigmatisierung muss damit gerechnet werden, dass Angaben zur Verfolgung womöglich fehlerhaft sein könnten."
Ende 2018 gab es deutschlandweit knapp 33.000 registrierte Sexarbeiter*innen - die Dunkelziffer der illegalen Prostituierten dürfte deutlich höher sein. Um ihren Lebensstandard zu halten, gehen jetzt auch angemeldete SexarbeiterInnen in die Illegalität. Je länger die Bordelle geschlossen sind, desto größere Probleme sieht der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen.
Stefanie Klee, Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen:
"Es entwickelt sich neben den Bordellen eine neue Struktur. Die Frage ist: Wie verfestigt sich diese Struktur? Wird diese Struktur jemals wieder aufzulösen sein? Auf jeden Fall ist das eine Struktur, wo die Polizei, aber auch die Gesundheitsämter und die Fachberatungsstellen der Prostitution keinen Zugang haben."
Für Karolin ist illegale Prostitution keine Option, doch sie ahnt, wie die Realität aussieht.
Karolin, Sexarbeiterin:
"Es wird lieber akzeptiert, dass alle sich heimlich treffen, wo keiner die Hand drüber hat, keiner kann sagen, läuft es korrekt ab. Wo ich denke, es wird nirgendwo, auch die sich privat treffen, da wird niemand einen Mundschutz tragen und sagen: so jetzt desinfizieren wir uns erstmal die Hände. Das macht keiner."
Der illegale und für die Frauen gefährliche Markt auf der Straße und im Internet vergrößert sich. Durch die Öffnung der Bordelle könnte diese Entwicklung gebremst werden. Doch für die Stadt Hamburg stehen Lockerungen im Sexgewerbe nicht im Verhältnis zum Ausbreitungsrisiko.
Martin Helfrich, Pressesprecher Sozialbehörde Hamburg:
"Denn es gilt, mehrere Güter miteinander abzuwägen: Die Gesundheit der Gesamtbevölkerung und das Risiko, welches wir womöglich hervorrufen einerseits und andererseits die Ausübung des Gewerbes für diese individuellen Personen."
Bei niedrigen Infektionszahlen stellt die Stadt frühestens am 1.9. Lockerungen in Aussicht. Für Carolin läuft Ende September die vermögensunabhängige Grundsicherung aus. Dann prüft das Amt, ob sie von ihrem Ersparten leben kann. Eine langfristige Perspektive hat sie bislang nicht.