Gewaltsystem Prostitution Das »System Layla« gehört verboten!

Inge Bell
Helmut Sporer
Ein Gastbeitrag von Inge Bell und Helmut Sporer
Deutschland ist das Bordell Europas. Lieder über Frauen, die »schöner, jünger, geiler« sind, avancieren zum Megahit – während das Schicksal der vielen echten »Laylas« die Politik offenbar kaltlässt.
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Chris Emil Janssen / imago images/Chris Emil Janßen

Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren einen zweifelhaften Ruf erworben. Das Land sei ein »Paradies für Menschenhändler«, heißt es häufig, wenn man mit Ermittlungsbehörden spricht. Die von einem rot-grünen Regierungsbündnis 2002 angestrengte Liberalisierung der Prostitution hat das Gegenteil dessen bewirkt, was sie erreichen wollte. Statt Menschen im Rotlichtmilieu zu besseren Lebensbedingungen zu verhelfen, versinkt die große Masse immer mehr in einem Strudel des Elends und der Gewalt.

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Stefan Baumgarth

Inge Bell und Helmut Sporer sind die beiden Vorstände des DIAKA – Deutsches Institut für angewandte Kriminalitätsanalyse DIAKA, ein Sachverständigenrat mit Sitz in München. Die Institutsarbeit umfasst Beratung, Schulung und Öffentlichkeitsarbeit – mit dem Ziel einer Gesellschaft frei von Menschenhandel und damit verbundener sexualisierter Gewalt.

Eine »Layla«, die wie im derzeit heiß diskutierten Ballermann-Hit als »schöner, jünger, geiler« angepriesen wird, gibt es hierzulande vielfach in jeder Stadt – mitsamt »Puff« und Bordellbetreiber. Der Skandal besteht nicht so sehr darin, dass Lieder darüber gesungen werden. Das Problem ist, dass es diese Bordelle überhaupt gibt – und dies sogar mit staatlicher Erlaubnis. Die echten »Laylas« machen darin täglich Gewalterfahrungen mit Freiern, Zuhältern und Menschenhändlern, sie werden missbraucht und ausgebeutet – und kaum jemand regt sich darüber auf.

Statt also das Spielen und Mitgrölen von »Layla« zu verbieten, sollten wir lieber das »System Layla« hinterfragen und abschaffen – das pure Gewaltsystem Prostitution. Andere Länder machen es längst vor. Best-Practice-Erfahrungen lassen sich unter anderem in Schweden, Norwegen, Island, Irland, Kanada, Frankreich, Israel, und ganz aktuell auch Spanien beobachten.

Hier werden Zuhälter, Menschenhändler und Freier bestraft. Die Mädchen und Frauen in der Prostitution hingegen bleiben straffrei und erhalten echte Ausstiegshilfe. In Schweden ist mit dieser Gesetzgebung die Prostitution seit Einführung 1999 um die Hälfte zurückgegangen, das Land ist für Zuhälter und Menschenhändler weitgehend unattraktiv geworden. Es gab nur einen einzigen Prostituiertenmord. Zum Vergleich: im selben Zeitraum wurden in Deutschland über 100 Frauen in der Prostitution ermordet von ihren Zuhältern oder Freiern.

Auch das Europäische Parlament empfiehlt seit 2014 EU-weit das sogenannte »Nordische Modell«, weil es Prostitution als unvereinbar sieht mit der Menschenwürde und der Gleichstellung der Geschlechter.

»Tina, frivoler Teenie aus der Ukraine«, »Sara, Drei-Loch-Stute aus Rumänien, eben 18«, »Elvira, geiler Schluckspecht aus Ungarn, 19«. Ein Blick auf die Websites von Bordellen, FKK-Clubs oder Terminwohnungen zeigt: Die überwältigende Mehrheit der prostituierten Menschen in Deutschland sind Mädchen und Frauen aus dem Ausland – zwischen 80 % und 98 % je nach Region in Deutschland. Sie kommen zumeist aus den Armutsländern Ost- und Südosteuropas, vor allem aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn – und teils aus noch vulnerableren Gruppen ethnischer Minderheiten, z.B. den Roma-Communities Südosteuropas.

Anfang der 2000er-Jahre hat sich die damalige Regierung auf einen politischen Holzweg begeben, als sie sich dazu entschloss, Prostitution aus der Sittenwidrigkeit zu holen mit dem hehren Ziel, die Ausbeutung von Frauen zu erschweren und aus Prostitution einen Beruf wie jeden anderen zu machen. Nüchternen Blickes sehen wir heute: Armuts- und Elendsprostitution prägen das deutsche Rotlicht, das in weiten Teilen beherrscht wird von kriminellen Strukturen der organisierten Kriminalität, des Menschenhandels, der Banden- und Clankriminalität – und einer ausgeprägten, dem Milieu innewohnenden Begleitkriminalität.

Prostitution in Deutschland heute – das ist ein rassistisches Gewaltsystem aus Not, Zwang, Ausbeutung, Erpressung und Brutalität. Diese meist sehr jungen und unbeholfenen Laylas, Tatjanas, Saras, Tinas oder Elviras aus Ost- und Südosteuropa sind mittellos. Sie haben oft keine Sprach- und Landeskenntnisse – geschweige denn Rechtskenntnisse. Organisatorische Dinge übernehmen Zuhälter oder Menschenhändler, die sich als die »Cousins«, »Freunde« oder »Verlobte« der Frauen ausgeben – oder als ihre »Manager« oder »Security«. Sie halten die Frauen oft in Isolation und Abhängigkeit. Die meisten von ihnen stecken in einer Gewaltspirale ohne Ausweg.

Um die Angst vor Zuhältern, den Ekel vor Praktiken der Freier und das Leben mit massivsten Gesundheitsrisiken zu ertragen, betäuben sich viele der Frauen mit Alkohol, Drogen, Psychopharmaka. All das passiert nicht etwa heimlich oder in dunklen Hinterzimmern. Die Ausbeutung dieser Mädchen geschieht in rechtlich völlig legalen Betrieben und Strukturen: in Bordellen, Laufhäusern, Wohnungsbordellen, FKK-Clubs und auf dem Straßenstrich – also nicht etwa im Dunkelfeld, sondern im ganz legalen Hellfeld. Sie zahlen Wuchermieten und stecken außerdem in vielfältigen finanziellen Verstrickungen mit anderen Profiteuren, die an ihnen verdienen.

Dieser überwältigenden Mehrheit an sehr jungen, migrantischen Armuts- und Elendsprostituierten in Deutschland steht eine extrem kleine, aber sehr sichtbare und laute Minderheit aus tatsächlich selbstständigen Frauen in der Prostitution gegenüber. Es handelt sich dabei zumeist um deutsche und ältere Frauen überwiegend im Domina- oder Escort-Bereich. Sie schreiben Kolumnen in Zeitungen, sind stark in den sozialen Medien aktiv, engagieren sich in Interessenverbänden zusammen mit Bordellbetreibern oder lautstarken Pro-Prostitutions-Organisationen, dies aber ausschließlich für ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen. Geschätzt handelt es sich dabei um 2-5 Prozent der Prostituierten in Deutschland.

Diese »false balance« – das krasse Missverhältnis aus dem Leitbild der vermeintlich freiwilligen Prostituierten und dem realen »Leidbild« der meist südosteuropäischen Elendsprostituierten – dominiert jedoch fatalerweise die öffentliche Darstellung und verhindert so den sachlichen Blick auf die Tatsachen des Gewaltsystems Prostitution.

Im aktuellen US-Menschenhandelsbericht in Bezug auf die Bekämpfung von Menschenhandel in der Prostitution wurde Deutschland erst kürzlich erneut hinuntergestuft: auf ein Level mit Albanien, Usbekistan oder Nigeria. Das von der rot-grünen Koalition geschaffene Prostitutionsgesetz von 2002 ist gänzlich gescheitert. Es sah eigentlich den Zugang zur Sozialversicherung für Menschen in der Prostitution vor – doch tatsächlich sind bis heute nur 76 der schätzungsweise 250.000 bis 400.000 Menschen in der Prostitution sozialversicherungspflichtig gemeldet. Das ergab jedenfalls die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP Fraktion im Bundestag 2019.

Das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 sollte nachbessern und sieht auch bestimmte Schutzmechanismen für Frauen in der Prostitution vor, doch viel zu oft greifen sie nicht: Zum Beispiel schreibt das neue Gesetz eine gültige Anmeldebescheinigung für Menschen in der Prostitution vor, bevor sie ihre Tätigkeit aufnehmen – jedoch haben sich von 2018 bis heute nach aktuellem Stand nur 23.700 bei den deutschen Ordnungsbehörden angemeldet. Selbst wenn man von nur 250.000 Menschen in der Prostitution ausgeht, sind das unter 10%. Und nur ein kleiner Bruchteil der Frauen in der Prostitution ist überhaupt krankenversichert, und das bei einer derart gesundheitsgefährdenden Tätigkeit.

Wenn Deutschland den Schutz von elementaren Menschenrechten in der Prostitution gewährleisten will, braucht es eine konsequente Neuausrichtung der Prostitutionspolitik – und kein Nachbessern oder kosmetische Maßnahmen mehr am bestehenden, gescheiterten System. Das fordern mittlerweile deutschlandweit viele Fachberatungsstellen, Hilfsinitiativen und Frauenrechtsorganisationen.

Wir sollten das »Nordische Modell« in einen neuen deutschen Weg überführen. Es braucht unter anderem echte Ausstiegshilfen und längerfristige Hilfsprojekte speziell für Rückkehrerinnen in die EU-Länder (Süd-)Osteuropas. Der Einstieg muss verhindert werden, eine sogenannte »Einstiegsberatung« gehört verboten, Bordelle sollten geschlossen, der Prostitutionsmarkt durch die Bestrafung von Freiern unattraktiv gemacht werden für die Menschenhändler, die oft den Nachschub liefern. Wer von Prostitution profitiert, sollte künftig mit Strafverfolgung rechnen müssen. Neben Menschenhändlern wären das zum Beispiel die Vermieter von Prostitutionsräumlichkeiten oder die Betreiber von Werbeplattformen.

Allem zugrunde liegt, dass wir Prostitution als das anerkennen, was sie ist: Gewalt – ein rassistisches und sexistisches Gewaltsystem. Und eine Verletzung der Menschenwürde – der von Frauen und Männern. Der Kauf eines Menschen widerspricht ethischen Grundsätzen unserer Gesellschaft!

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Gastbeitrags stand, dass nur 76 der schätzungsweise 250.000 bis 400.000 Menschen in der Prostitution bei den Sozialversicherungen angemeldet seien (nach dem Prostitutionsgesetz von 2002). Das haben wir ergänzt durch die bei den Ordnungsbehörden angemeldeten 23.700 Prostituierten in Deutschland (nach dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017).

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