Provinzposse Datenleck an der Waterkant

Ein IT-Experte aus dem schleswig-holsteinischen Glücksburg behauptet, die Stadt habe ihm Festplatten mit sensiblen Informationen verkauft. Doch die Verwaltung wehrt sich: Der Mann habe die Datenträger gestohlen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Glücksburger Schloss: "Freiraum für Individualität und Kreativität"

Glücksburger Schloss: "Freiraum für Individualität und Kreativität"

Foto: Karsten Sörensen/ picture alliance / dpa

Glücksburg - "Wer hier lebt", so preist sich die Stadt Glücksburg im Internet, "genießt traumhafte Natur und maritimen Lebensstil mit viel Freiraum für Individualität und Kreativität." Doch seit Dienstagabend um 18 Uhr ist die Idylle der 6000-Einwohner-Stadt nachhaltig gestört. Da vermeldete der Norddeutsche Rundfunk nämlich ein "skurriles Datenleck in Schleswig-Holstein" und setzte etwas ungenau hinzu: "Festplatten der Stadt Glücksburg landen auf Flohmarkt."

Damit begann der Streit an der Ostsee - und auch der Kampf um die Wahrheit.

Fest steht bei allen widersprüchlichen Darstellungen inzwischen: Vertrauliche Verwaltungsdokumente sind in den Händen eines Unbefugten gelandet. Der IT-Fachmann Reimer B., 52, hatte vorübergehend Zugang zu Steuerbescheiden, Dienstaufsichtsbeschwerden, zu internem E-Mail-Verkehr und Protokollen nichtöffentlicher Ausschusssitzungen.

Die einige Jahre alten, unverschlüsselten Schriftstücke befanden sich auf insgesamt 15 Festplatten und zwei Servern, derer B. habhaft werden konnte. Auf welchem Wege B. an die Datenträger gelangen konnte - auch darum geht es in dem Streit.

Der Schlüssel

B. behauptet, am 4. Dezember im alten Rathaus in Glücksburg gewesen zu sein, wo vormittags gebrauchte Einrichtungsgegenstände verkauft wurden. Er habe aber nichts erworben, sondern stattdessen mit dem Beamten Holger M. vereinbart, sich am nächsten Tag noch einmal in Ruhe in den Büros umsehen zu dürfen. Sein Schwager habe als Lokalpolitiker einen Schlüssel zu dem Gebäude.

Am Folgetag habe er dann auf einer Fensterbank Interessantes entdeckt und sich bedient: Festplatten, Netzwerkkarten, Mäuse, Arbeitsspeicher, Lautsprecher, Modems, Netzteile und Kabel habe er mitgenommen, "bestimmt 80 Teile". Die Server habe er aber zunächst stehen gelassen. Als er jedoch zu Hause festgestellt habe, dass auf den Platten ungesicherte Daten gewesen seien, sei er am Montagmorgen zurückgekehrt und habe auch die beiden Computer abtransportiert. Der stellvertretende Bürgermeister habe ihm aufgeschlossen, so B. zu SPIEGEL ONLINE.

Anschließend ging Reimer B. ins neue Rathaus und informierte den Beamten Holger M. über seine Sammelaktion. Allerdings kann sich B. inzwischen nicht mehr daran erinnern, ob er seinem Gegenüber die Geräte tatsächlich detailliert benannt habe. Schließlich handelte man einen Preis aus. Handschriftlich notierte der Verwaltungsangestellte: "30 Euro erhalten von Herrn B. für EDV-Hardware."

Die Stadt allerdings bewertet den Vorgang ganz anders. Demzufolge habe sich B. am Sonntag und auch am Montag unbefugt im Rathaus aufgehalten. Auch seien die Festplatten und Server nicht für den Abverkauf vorgesehen gewesen. Reimer B. habe sie schlichtweg gestohlen und den Beamten Holger M. anschließend über seine Beute getäuscht, so Verwaltungschef John Witt. Man habe daher bereits am 9. Dezember Strafanzeige bei der Flensburger Staatsanwaltschaft gestellt. Die Behörde bestätigte auf Nachfrage, dass Ermittlungen in der Sache liefen.

B. lag in den vergangenen Jahren immer wieder mit der Verwaltung im Clinch und gilt der Stadtspitze nicht gerade als bequemer Bürger.

"Möglicherweise ein Fehler"

Mitarbeiter der Kieler Datenschutzbehörde haben inzwischen die Festplatten und Server bei Reimer B. abgeholt. Der IT-Fachmann hatte nach eigenen Angaben zunächst das "Flensburger Tageblatt" über seinen Fang informiert, dann die Stadt und schließlich die Datenschützer. "Unsere Forensiker werten nun aus, wie sensibel die Unterlagen wirklich sind", sagte die stellvertretende Leiterin des Amts, Marit Hansen.

In jedem Fall seien die Dokumente nicht ausreichend gesichert gewesen. "Auch ein Diebstahl hätte nicht passieren dürfen", so Hansen. Und überhaupt: Nachdem die Stadt Glücksburg 2008 mit der Stadt Flensburg eine Verwaltungsgemeinschaft eingegangen sei, hätte keine Notwendigkeit mehr bestanden, die Daten doppelt vorzuhalten. "Das war ein unnötiges Risiko."

Glücksburgs Verwaltungschef Witt sagte, man habe die Dokumente nicht gelöscht, weil man nicht sicher gewesen sei, ob man sie nicht vielleicht noch einmal brauchen würde. "Das war möglicherweise ein Fehler", so Witt.

Die Speicher enthielten offenbar auch Unterlagen zu dem umstrittenen Genehmigungsverfahren eines Spaßbades, gegen das sich Reimer B. stark engagiert hatte. "Eigentlich hätte ich mich über diese Informationen ja freuen sollen", sagte B. am Mittwoch, "aber das war einfach viel zu viel. Das wollte ich alles gar nicht mehr wissen."