Psychoknast in China Irre ist, wer aufbegehrt

Wang Wanxing ist der erste chinesische Regimekritiker, der aus der Polizeipsychiatrie ins deutsche Exil entlassen wurde. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Dissident über Elektroschocks, Zwangsernährung und den täglichen Wahnsinn in staatlichen Gefängniskliniken.

Von


Frankfurt - Das Leid hat keine Spuren in seinem Gesicht hinterlassen: Wang Wanxing strahlt. In freundlichen Farben hat der Chinese sein neues Zuhause eingerichtet, eine winzige Zweizimmerwohnung in der Nähe von Frankfurt. Den Spiegel umrankt eine blutrote Liliengirlande, vor den Fenstern hängen violette Vorhänge. Zwischen der bescheidenen Einrichtung leuchtet ein gelber Plastikkoffer, der zur Abreise bereitzustehen scheint.

Dissident Wang: "Die Medikamente waren das Schlimmste"
SPIEGEL ONLINE

Dissident Wang: "Die Medikamente waren das Schlimmste"

Der 56-Jährige sitzt in Jeans und Turnschuhen am Küchentisch. Die goldumrandete Brille erinnert an einen Intellektuellen, der glatt rasierte Kopf an einen buddhistischen Mönch. "Meine ersten Zweifel an der Regierung hatte ich bereits als Kind", erzählt Wang und erinnert an die Zeit zwischen 1959 und 1961, als etwa 43 Millionen Chinesen durch die Politik des "großen Sprungs nach vorn" an Hunger starben. "Die Kommunisten streuten Gift auf konfisziertes Getreide, damit es nicht gestohlen wird. Meine Großmutter hat in ihrer Not davon gegessen und ist qualvoll gestorben."

Nie habe er seitdem über Unrecht schweigen können.

In den sechziger Jahren protestierte Wang gegen die Kulturrevolution. 1976 musste er für einen Monat in Haft, weil er an den Tienanmen-Demonstrationen zu Ehren des liberalen Politikers Zhou Enlai teilgenommen hatte. Nach einem Wahlaufruf für den in Ungnade gefallenen Deng Xiaoping ging er für zwei Jahre ins Gefängnis. Unermüdlich engagierte er sich weiter, unterstützte die Demokratiebewegungen der Jahre 1979 und 1989.

Am 3. Juni 1992 schließlich fand Wangs politischer Kampf ein jähes Ende: Zum dritten Jahrestag des blutigen Massakers entrollte er auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Plakat, auf dem er die Regierung in leuchtend roten Schriftzeichen aufforderte, die gewaltsame Niederschlagung der Studentenproteste aufzuarbeiten und neu zu betrachten. "Ich hatte außerdem einen 23 Seiten langen Brief an Deng Xiaoping geschrieben und Kopien davon an ausländische Journalisten geschickt", berichtet Wang.

Die ließen sich nicht lange bitten, und erschienen zu der spektakulären Ein-Mann-Aktion auf dem Tienanmen. Eine Provokation für die Sicherheitskräfte, die den Demonstranten selbst sowie zwei japanische Reporter unverzüglich festnahmen. 30 Tage verbrachte Wang auf einer Pekinger Polizeiwache, dann wurde er in eine polizeilich geführte psychiatrische Anstalt überstellt - ohne gerichtliche Anhörung, ohne Verfahren, ohne Rechtsbeistand und ohne eine Ahnung davon, dass er die kommenden 13 Jahre unter kriminellen Geisteskranken leben würde.

Künstlicher Winterschlaf in der Klapse

"Ich war überrascht, weil ich gedacht hatte, man würde mich ins Arbeitslager oder ins Gefängnis bringen", erklärt Wang, dessen Hände beim Erzählen mit einem Ball zu spielen scheinen. Stattdessen habe er sich plötzlich mit Dutzenden zum Teil schwerstkriminellen Männern in einer geschlossenen Abteilung wiedergefunden. Die Ärzte kamen schnell zu einer passenden Diagnose: Der Patient leide an "politischer Paranoia" oder auch Monomanie, einer Krankheit, bei der auf wahnhafte Weise eine bestimmte Idee verfolgt wird, hieß es.

So ominös die Diagnose auch sein mochte - die Therapie war konkret: Aus Krankenhausunterlagen, die SPIEGEL ONLINE einsehen konnte, geht hervor, dass Wang fast 13 Jahre lang mit Chlorpromazin behandelt wurde. Dabei handelt es sich um ein weltweit bei der Behandlung von Schizophrenien eingesetztes antipsychotisches Medikament, dessen Wirkung nicht ohne Grund als "künstlicher Winterschlaf" beschrieben wurde: Zwar sind die Patienten bei Bewusstsein. Sie verlieren aber zunehmend ihr Interesse an der Umwelt und sind permanent schläfrig.

"Die Medikamente waren das Schlimmste", erinnert sich Wang. "Ich habe dadurch Herzbeschwerden bekommen." Am Anfang habe er die Tabletten noch genommen, weil er einen Brief verschicken und sich deshalb kooperativ zeigen wollte. Später habe er sie während der Übergabe im Mund versteckt, dann aufbewahrt und als Schlafmittel benutzt. "Es gab Nächte, in denen ein ungestörter Schlaf wichtiger war als alles andere."

Elektroschocks, Zwangsernährung, Prügeleien

Ankang - so der chinesische Name für die landesweit etwa 25 forensischen Kliniken - bedeutet "Friede und Gesundheit". Das Leben des Patienten Wang war von einem solchen Zustand weit entfernt. Immer wieder sei es zu gewaltsamen Übergriffen von Seiten der Wärter gekommen, berichtet Wang. Manche Insassen seien mit schmerzhaften Stromstößen im Rahmen einer Akupunkturbehandlung gequält worden. Ein Mann sei nach einer solchen Behandlung an einem Herzanfall verstorben, ein weiterer Patient durch brutale Maßnahmen während seiner Zwangsernährung erstickt.

Auch unter Patienten sei es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. "Es ist schwer, mit diesen kranken Menschen zusammenzuleben", erklärt Wang. "Weil ich jedoch im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte war, war es an mir, mit der Gewalt und der Aggression klarzukommen." Wie er den täglichen Irrsinn überlebt habe? "Ich hatte ein klares Bewusstsein darüber, was ich bin in der Welt. Ich wusste: Ich kämpfe für die Menschenrechte, und ich bin stark."

Er habe einen klaren Kopf behalten, viel geschrieben, Sport getrieben und niemals die Nahrung verweigert. So sei es ihm gelungen, nicht selbst wahnsinnig zu werden. Außerdem galt: "Zwar hatte ich im Ankang weder Freiheit noch Zukunft, aber ich konnte dort wenigstens in Ruhe ausländische Radiosender hören - etwas, das im Gefängnis ganz unmöglich gewesen wäre."

Geisteskrank in China - rechtlos, hilflos, mundtot

Seine weltweite Bekanntheit als Dissident half Wang dabei, die lange Zeit im Psychoknast zu überstehen. Seine Frau Junying und Tochter Meixi setzten sich ebenso für seine Freilassung ein wie die Uno oder die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. 1999 kam Wang für drei Monate frei. Als er jedoch ankündigte, eine Pressekonferenz geben zu wollen, wurde er erneut in die Psychiatrie gebracht. Nach deutsch-chinesischen Verhandlungen kam Wang am 16. August 2005 frei und durfte in die Bundesrepublik ausreisen, wo seine Familie bereits auf ihn wartete.

Der in Hongkong lebende Brite Robin Munro hat jahrelang in Sachen politische Psychiatrie in China geforscht und seine Ergebnisse in einem knapp 300 Seiten langen Bericht zusammengefasst*. Auf mindestens 4000 schätzt der Menschenrechtsexperte die Zahl der politischen Ankang-Häftlinge in den letzten 25 Jahren. Den größten Zuwachs habe man Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre verzeichnet. Damals machte der Anteil der politischen Häftlinge in den Ankangs etwa zehn Prozent aus.

"Heute sind es weniger die klassischen Dissidenten von Verhaftung bedroht als unliebsame Kritiker, die Korruption und Machtmissbrauch an ihren Arbeitsstätten oder in den Gemeinden anprangern. Sie werden per Einweisung in die Ankangs schlicht mundtot gemacht", empört sich Munro. "Es ist blanker Zynismus: Noch bis vor kurzem glaubten viele Ankang-Psychiater tatsächlich, dass Dissidenten geisteskrank seien. Heute benutzt die Obrigkeit die Anstalten, um die Leute zum Schweigen zu bringen. In dem Moment, in dem die Polizei behauptet, jemand sei geisteskrank, verliert diese Person sämtliche Rechte."

Kein anderer Weg

Wang Wangxing hat das gewusst, und doch immer wieder eine Verhaftung riskiert. Gefragt, warum er keine andere Form des Protestes gewählt habe, um seine Familie zu schützen, kehrt unvermittelt Stille ein. Wangs Hände sinken in den Schoß und sein eben noch altersloses Gesicht wird grau. "Ich konnte nur so handeln. Es gab keinen anderen Weg. Ich musste den Studenten helfen", sagt er schließlich. Von einer Kommilitonin, die gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte er gehört, dass die Studenten für den 4. Juni 1992 eine Demonstration planten. "Ich wollte verhindern, dass sie sich in Gefahr bringen, und bin ihnen mit meiner Aktion zuvorgekommen. Die Proteste wurden dann abgesagt."

Seit dem grauenvollen Massaker von 1989 habe er gewusst, dass er alles geben müsse, um solches Leiden unmöglich zu machen. Fest glaube er daran, dass sich die Situation in China bessern könne: "Ich will sobald wie möglich zurück, um für bessere Bedingungen in den psychiatrischen Krankenhäusern zu kämpfen. Ich werde weiter tun, was ich tun muss."

Menschenrechtsexperte Munro, der Wang gut kennt, wundert das nicht: "Wang Wanxing ist ein ungewöhnlich idealistischer Mensch."


*Robin Munro: Dangerous Minds Political Psychiatry in China Today and its Origins in the Mao Era, 298 Seiten, Human Rights Watch 2002



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.