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20. Dezember 2015, 16:45 Uhr

Erziehung

"Mütter müssen Väter machen lassen"

Ein Interview von

Was macht eine gute Vater-Kind-Beziehung aus? Wie genau unterscheidet sich das Rollenverhalten von Vätern und Müttern? Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert hat nachgeforscht.

Lieselotte Ahnert, Jahrgang 1951, ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien. Im Rahmen des Forschungsprojekts Central European Network on Fatherhood, kurz: Cenof, hat sie mit fünf weiteren Forschergruppen Erkenntnisse zu Vater-Kind-Beziehungen gesammelt. (Lesen Sie hier im digitalen SPIEGEL die Titelgeschichte zu dem Thema.)

SPIEGEL ONLINE: Frau Ahnert, Sie haben Hunderte Väter befragt und beobachtet. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Ahnert: Wir hatten nicht erwartet, wie sehr die Qualität der Vaterschaft von den äußeren Umständen abhängt, also zum Beispiel von der Beziehung zur Mutter, den Möglichkeiten, Job und Familie zu vereinbaren, oder auch vom Kind. Bei frühgeborenen Kindern etwa verhalten sich die Väter oft äußerst zurückhaltend. Je ungünstiger die Umstände, desto eher wird das Vatersein an den Rand gedrängt. Das zeigt uns einen wesentlichen Unterschied zwischen Vätern und Müttern: Mutterschaft ist obligatorisch - eine Frau bekommt ein Kind und ist Mutter. Vaterschaft dagegen ist fakultativ: Wenn ein Vater sich aus dem Staub macht, zieht die Mutter das Kind allein groß. Wenn eine Mutter ihr Kind einfach im Stich lässt, gilt das als pathologisch.

SPIEGEL ONLINE: Verhalten sich jene Väter, die ihre Rolle gut ausfüllen, anders als Mütter?

Ahnert: Ja. Viele Männer sind weniger behütend, sie unterstützen die Neugier ihrer Kinder, aktivieren ihr Verhalten, werfen sie in die Luft, rennen und toben mit ihnen. Dieses physisch herausfordernde Verhalten ist bei Müttern seltener. Mütter achten dagegen eher auf die Unpässlichkeiten der Kinder und versuchen, negative Emotionen umgehend auszubalancieren. Wenn das Kind weint, nehmen sie es sofort in den Arm und trösten es.

SPIEGEL ONLINE: Und wie machen es die Väter?

Ahnert: Väter reagieren in solchen Situationen häufiger gelassener und benutzen Ablenkungsmanöver, die das Kind in die Lage versetzen sollen, Emotionen selbst zu regulieren. Das sind einfach verschiedene Strategien, die sehr nützlich für die emotionale Entwicklung des Kindes sind. Interessant ist aber, dass Väter bei ihren frühgeborenen Kindern wenig herausfordernd sind, so dass diese Kinder derartige Erfahrungen kaum machen können. In den Nachsorge-Ambulanzen von Frühgeborenen sollten Ärzte deswegen die Väter ermutigen, auch bei diesen Kindern herausfordernd zu sein und einfach das Verhalten zu zeigen, das ihnen liegt, auch wenn dies dann stufenweise angepasst werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Kinder wachsen in Patchwork-Familien auf. Wie wichtig ist der Umstand, ob der Vater der leibliche Vater ist?

Ahnert: Die soziale Vaterschaft hängt von vielen Bedingungen ab, vor allem von der Beziehung zur Mutter. Je besser die ist und je attraktiver die Partnerin dem Mann erscheint, umso mehr sind die Patchwork-Väter bereit, auch in die Kinder zu investieren, die sie nicht gezeugt haben. Gerade in diesem Bereich gibt es aber noch viel Forschungsbedarf, da sind wir mit Cenof gerade dran.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Hilfe einer App untersucht, was genau Ihre Testväter so den ganzen Tag mit ihren Kindern machen. Was kam dabei heraus?

Ahnert: Es zeigte sich, dass die Vater-Kind-Bindung auch bei jenen Vätern gut entwickelt sein kann, die die vermeintlich pädagogisch wertvollen Angebote kaum vorhalten. Wenn die Väter - nach einem Zufallsprinzip - von der App aufgefordert wurden, zu melden, was sie gerade taten und wo sie waren, lasen sie oft keine Bilderbücher vor oder spielten direkt mit dem Kind. Offenbar ist die sogenannte Quality Time, die bisher entscheidend für die Entstehung einer Bindungsbeziehung gehalten wurde, bei Vätern weniger wichtig. Es sind eher die für die Kinder wichtigen Alltagssituationen, in denen der Vater als präsent erlebt wird - als die schützende Person, die nachts ans Bett kommt, wenn sie schlecht geträumt haben, oder die sich auch mal Zeit nimmt, sie vom Kindergarten abzuholen oder andere Alltagsroutinen durchbricht.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich später im Leben eine gute Beziehung entwickeln, auch wenn sich Väter in der oft noch eher von der Mutter bestrittenen Kleinkindzeit nicht so einbringen?

Ahnert: Natürlich. Aber in der frühen Kindheit entstehen die emotionalen Fundamente, da bildet sich das Grundvertrauen. Das ist eine tolle Basis, auf der später alles aufbaut. Das Beziehungssystem ist dann einfach stabiler.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch beobachtet, dass sich die Kinderpflege auf den Hormonhaushalt von Vätern auswirkt.

Ahnert: Ja, auch das wollen wir noch weiter erforschen. Aber wir können jetzt schon sagen, dass körperliche Berührungen, Kuscheln, Knuddeln, offenbar auch bei Männern eine Art Fürsorglichkeitsbiologie aktivieren. Der Testosteronspiegel sinkt dann. Väter müssen diesen Effekt allerdings nicht fürchten - am nächsten Morgen hat sich der Testosteronspiegel erholt. Außerdem sind die niedrigen Testosteronspiegel beim Umgang mit Kindern zumeist auch mit einem niedrigen Cortisolspiegel verbunden, der die väterliche Entspannung anzeigt.

SPIEGEL ONLINE: Gestehen die Mütter den neuen Vätern ihre Rolle uneingeschränkt zu?

Ahnert: Das kommt darauf an. Das sogenannte Gatekeeping, bei dem die Mütter den Vätern - bewusst oder unbewusst - eine Kompetenz im Umgang mit ihren Kindern absprechen, beobachten wir schon noch. Und wenn die Väter ständig gesagt bekommen: "Du kannst das nicht, lass mich mal", wird eine aktive Vaterschaft ziemlich ausgebremst. Das können sich die Mütter jedoch immer weniger leisten, wenn sie selbst beruflich eingebunden sind. Sie müssen die Väter in die Kinderbetreuung einbinden und sie auch machen lassen.

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