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17. April 2014, 08:43 Uhr

FBI-Profiler Joe Navarro

"Jeder kennt einen Psychopathen"

Ein Interview von Gesa Mayr

Joe Navarro hat sich beim FBI jahrelang als Profiler mit Psychopathen beschäftigt. In seinem neuen Buch warnt er vor den gefährlichen Persönlichkeiten unter uns - und verrät, wie man sie erkennt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Navarro, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass eine einzige Begegnung mit einem Psychopathen ausreicht, um unser Leben zu ruinieren. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Navarro: Nein, wir sind in Gefahr! Es gibt immer wieder Menschen, die uns ausnutzen. Bei Psychopathen denken die Menschen an Typen vom Schlage Hannibal Lecters. Aber man findet sie überall, wo Menschen aufeinandertreffen, in der Politik, in der Wirtschaft, im Beruf, in der Schule, im Elternhaus, in der Kirchengemeinde. Sie kennen bestimmt auch einen.

SPIEGEL ONLINE: Ich? Nein.

Navarro: Doch. Wie alt sind Sie?

SPIEGEL ONLINE: Mitte Zwanzig.

Navarro: Dann haben Sie sicherlich schon ein oder zwei Menschen mit gefährlichen Persönlichkeiten kennengelernt.

SPIEGEL ONLINE: Also gut, wie kann ich die das nächste Mal besser erkennen?

Navarro: Durch sorgfältige Beobachtung. Es zählen die kleinen Dinge. Wenn beispielsweise jemand stirbt, und die Person ist gleichgültig. Menschen mit gefährlichen Persönlichkeiten werden immer versuchen, Sie zu dominieren - sei es physisch oder psychisch. Ich unterteile in vier verschiedene Typen. Um diese Leute mit gefährlichen Persönlichkeiten leichter zu identifizieren, habe ich eine Checkliste erstellt. Ich bin natürlich kein Psychiater oder Psychologe - die Listen ersetzen also keine Diagnose. Ich beschreibe, wie man gefährliche Persönlichkeiten anhand ihres Verhaltens erkennt.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihren Checklisten stehen Dinge wie "arrogantes Benehmen" und "mokiert sich über Leute, die sich an Regeln halten". Woher weiß ich, dass der Typ tatsächlich zum Problem werden kann - und nicht einfach nur ein Pöbler ist?

Navarro: Die Summe macht's.

SPIEGEL ONLINE: Ehrlich gesagt, wenn ich mir die Listen anschaue, könnte ich auch ein paar Sachen ankreuzen. Hier zum Beispiel: "Ist ungeduldig mit anderen." Müssen sich meine Kollegen vor mir in Acht nehmen?

Navarro: Nein, ab 15 Kreuzchen sollten Sie sich Gedanken machen. Aber keine Angst, wenn auf Sie so viele Punkte passten, wüsste Ihr Arbeitgeber schon längst Bescheid - die Kollegen hätten sich beschwert. Sie hätten in Ihrer Akte einen Eintrag, dass Sie ein Problem darstellen. Im Durchschnitt kann jeder vielleicht ein bis fünf Punkte auf einer der Listen ankreuzen. Ihre Kollegen und Ihre Familie müssen erst ab 25 Kreuzchen in einer Sparte auf Abstand gehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Charakterisierungen, die Checkliste - das hört sich ein bisschen sehr einfach an.

Navarro: Die Checkliste basiert nicht nur auf meiner Erfahrung, sondern auch auf wissenschaftlichen Studien. Das Material ist natürlich auf ein verständliches Level heruntergebrochen. Die Liste soll den Leser vor allem sensibilisieren. Das Buch soll zeigen: Andere Leute machen ähnliche Erfahrungen - und es ist nicht normal.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Navarro: Studien zeigen, dass in den Gefängnissen etwa doppelt so viele männliche Psychopathen wie weibliche sitzen. Das kann aber auch daran liegen, dass Gewalttaten viel öfter verfolgt werden und es meist Männer sind, die aggressiv werden. Emotionale Misshandlungen werden einfach nicht so oft zur Anzeige gebracht. Ein Beispiel: Etwa 30 Prozent aller Psychiatrie-Patienten sind Borderline-Persönlichkeiten, davon sind 85 Prozent Frauen. Ich glaube, Männer sind gewaltbereiter und landen dann im Gefängnis. Frauen suchen stattdessen psychologische Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 15 Jahre als Profiler beim FBI gearbeitet. Warum teilen Sie jetzt Ihre Geheimnisse?

Navarro: Eine Frau hat mir erzählt, dass sie und ihre Kinder auf Knien vor ihrem Mann sitzen mussten, während er mit großen Gesten erklärte, was sie alles falsch gemacht hatten. Sie hat sich so geschämt und nie jemandem davon erzählt. So etwas kommt häufig vor. Die Betroffenen glauben immer, dass die Situation schon irgendwann besser wird. Das ist ein ganz häufiger Fehler. Uns wird beigebracht, dass man miteinander reden soll, um den Konflikt zu lösen. Aber bei wirklich gefährlichen Persönlichkeiten macht das alles nur schlimmer. Die Leute sollen das wissen.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, der Ernstfall tritt ein und ich werde Opfer eines Psychopathen. Was kann ich tun?

Navarro: Erstens: Erzählen Sie so vielen Menschen wie möglich davon. Wenn Sie auf irgendeine Art und Weise missbraucht werden, dokumentieren Sie das. Und wenn Sie sich nur selbst eine E-Mail schreiben. Zweitens: Schaffen Sie Grenzen. Sagen Sie: "Nein, wir beide werden nicht zu zweit dieses Gebäude verlassen." Und: "Nein, Sie dürfen mich nicht anschreien." Und distanzieren Sie sich, wenn Sie können! Sonst wird Sie der Psychopath fertigmachen.

Wie erkennt man einen Psychopathen? Machen Sie den Test mit Joe Navarros Checkliste.

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