Queen Elizabeth II. in Berlin Winke winke und Goodbye

Elizabeth II. ist in Deutschland, doch der Auftakt in Berlin war grau und kalt. Die wenigen Fans, die an die Spree kamen, waren allerdings beseelt: einmal die Queen in echt.

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Am Spreeufer laufen ein paar Jogger vorbei, eine Seniorin führt ihren Hund Gassi. Berlin ist an diesem Mittwochmorgen grau, nass, oktoberkalt. In zwei Stunden soll hier Queen Elizabeth II. auf dem Fluss entlangschippern, in Begleitung ihres Ehemanns Prinz Philip, des Bundespräsidenten Joachim Gauck und seiner Lebensgefährtin. Doch außer Andrea Thürichen scheint das noch kaum jemanden zu interessieren.

Man muss sie nicht fragen, ob sie wegen der Queen hier ist. Die 36-Jährige trägt Union-Jack-T-Shirt und Union-Jack-Schal, neben ihr auf der nassen Bank liegt eine Flagge. Thürichen hat Urlaub genommen, um hier zu sein. Sie saß am Dienstag sieben Stunden im Auto, um von ihrer Heimat bei Frankfurt am Main nach Berlin zu kommen, sie übernachtet im Hotel. All die Zeit, all das Geld - für einen Blick auf Elizabeth II., auf die "faszinierende, bewundernswerte Dame".

Es ist der fünfte Staatsbesuch der Queen in Deutschland. Sie landete am Dienstagabend in Tegel, und schon bei ihrer Ankunft im Hotel Adlon war Thürichen dabei. Sie präsentiert ihren Schnappschuss von der Queen, Elizabeth II. in ihrem royalblauen Outfit ist darauf bloß von hinten und sehr unscharf zu erkennen. Thürichen ist stolz.

Schnappschuss von Queen-Fan Thürichen: Ankunft im Hotel Adlon
Andrea Thürichen

Schnappschuss von Queen-Fan Thürichen: Ankunft im Hotel Adlon

Als sie Freunden und Bekannten erzählte, dass sie der Queen auf deren Route nach Berlin, nach Frankfurt und wieder nach Berlin folge, hielt sich das Verständnis in Grenzen. "Aber einmal im Leben wollte ich sie in echt sehen", sagt Thürichen. Sie war schon rund 20 Mal in England - und nun komme England endlich zu ihr.

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Die Queen in Deutschland: Ein blaues Pony für die Königin
Schon seit Tagen berichten Zeitungen ausführlich über den Queen-Besuch, im Fernsehen gibt es Sondersendungen, Tausende Menschen bewarben sich bei Gewinnspielen um ein Treffen mit Elizabeth II. Deutschland, so schien es, war im Queen-Rausch. Doch von der Euphorie ist am Mittwochvormittag an der Spree nur wenig zu spüren. Erst gegen elf Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn der Spreefahrt, wird es allmählich voller hinter den Absperrungen. Einige der Zuschauer haben Flaggen dabei, vereinzelt sind Plakate oder Wimpel zu sehen. Ein großes Volksfest, ein Spektakel gar - das wird es nicht.

Doch die Menschen, die am Ufer ausharren, tun es aus Leidenschaft. Da ist Thürichen kein Einzelfall. Eine Schulklasse ist extra aus Bayern angereist und singt "God Save the Queen".

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Eine Mutter aus Oldenburg schreibt ihrer Tochter ein Attest, damit das Mädchen die Schule schwänzen kann. Drei Freundinnen sitzen bei Clotted Cream, Shortbread und selbstgebackenen Scones zusammen. Die Begeisterung gilt in den wenigsten Fällen der Monarchie. Sondern der Person Elizabeth Alexandra Mary Windsor. Sie sei eine Ikone, das Britische schlechthin, die Eleganz in Person. Das hört man oft an diesem Mittwochvormittag.

Was am Spreeufer außerdem auffällt: Hier stehen Alte und Junge, Männer und Frauen, Menschen im Business-Outfit und im Freizeitlook. Sie alle knipsen wild drauflos, als die Monarchin auf der 15 Meter langen "Ajax" gemütlich vorbeituckert. Auf der Fahrt von Schloss Bellevue zum Kanzleramt hebt die 89-Jährige ab und zu den Arm. Das reicht.

Bei all der Begeisterung - die Queen hat es natürlich leicht: Sie muss keine unbequemen Botschaften überbringen, sie ist nicht verantwortlich für die politische Situation im Land. Und inzwischen ist sie so alt, dass jede ihrer Reisen schon per se Respekt verdient. Sie ist die alte Dame zum Gernhaben. Vor 62 Jahren wurde Elizabeth II. gekrönt, und für viele hier am Berliner Spreeufer heißt das: Sie ist länger da, als sie zurückdenken können.

Andrea Thürichen, 36, wohnt in der Nähe von Frankfurt am Main. Am Dienstagabend ist sie mit dem Auto nach Berlin gefahren, um die Queen zu sehen. Am Donnerstag fährt sie mit dem Zug nach Frankfurt - dort will sie der Queen auf dem Rathausplatz zuwinken. Abends geht es mit dem Zug wieder zurück nach Berlin, am Freitagmorgen wird die Queen schließlich beim Brandenburger Tor erwartet.

"Wir sind große Queen-Fans", sagt die Klasse 6b der Leonhart-Fuchs Mittelschule im bayerischen Wemding. 16 Schüler sind mit ihrer Klassenlehrerin extra zum Besuch von Elizabeth II. angereist, sie haben ein großes Transparent dabei, Fähnchen und ein einstudiertes Lied: Als die Queen vorbeifuhr, sangen sie "God Save the Queen". Schon vor dem Besuch hatten die Schüler der Königin einen Brief geschrieben. Das Antwortschreiben, in dem sie sich für die Post bedankte, hängt nun eingerahmt im Klassenzimmer.

Die war schon mein ganzes Leben da, sagt Frauke Claußen, 44, über die Queen. Die Zahnärztin ist aus Oldenburg angereist und hat am Absperrband eine Union-Jack-Girlande befestigt. Was sie an der Queen so schätzt? "Dass sie den Dienst an ihrem Land vor ihre eigenen Bedürfnisse stellt."

Die drei Freundinnen Julia Pätzolt, Stefanie Paass und Sandra Wickert haben es sich am Spreeufer gemütlich gemacht - mit selbstgebackenen Scones, Erdbeeren, Clotted Cream und Shortbread aus der Queen-Keksdose. Die drei haben eigenen Angaben zufolge ein Faible für England - und die Queen. "Sie war schon immer da, aber wir haben sie noch nie in echt gesehen. Bis heute."

Als Axel Wippermann 19 Jahre alt war, hat er die Queen zum ersten Mal erlebt, das war in London. Als Elizabeth II. 2004 in Deutschland war, hat er sie aus zehn Metern gesehen. "Ein ganz tolles Ereignis", sagt er.

Claudia Rümmler, 42 und Hippolyt Hertel, 22, arbeiten in einem Kindergarten in der Nähe der Spree, auch sie stehen heute am Ufer, um der Queen zuzuwinken. "So was passiert ja nicht jeden Tag", sagt Rümmler. "Die kennt man ja sonst nur aus dem Fernsehen."

In der Küche von Michael Thieken (r.) hängt ein Foto der Queen. Sie sei die Inkarnation eines historischen Abschnittes unserer Gesellschaft, sagt der 52-Jährige. Überhaupt möge er die Briten sehr gerne, trotz ihrer Schrullen und vor allem wegen ihrer guten Manieren. Am Montag hat er Matthias Hummel, 46, angerufen und gefragt: "Willst du mitkommen und der Queen zuwinken?" Hummel sagte zu, er traf die Queen bereits bei ihrem Besuch im Jahr 2004 als Teil des Orchesters Concerto Brandenburg. "Sie hat etwas sehr Charismatisches und strahlt eine große Würde aus", sagt er.

Karin Gude-Kohl bewundert die Würde, Disziplin und Intelligenz der Queen. Ein solches Staatsoberhaupt würde Deutschland nicht schaden, findet sie.

An diesem Vormittag allerdings ist sie nach knapp 30 Minuten weg. Länger dauert die Spreefahrt nicht. Während sich die Königin mit der Kanzlerin trifft, leert sich das Ufer rasch.

Wirklich schön sei es gewesen, sagt Thürichen. "Die Queen war zwar weit weg, aber das war in dem Moment egal. Ich wusste gar nicht, was ich zuerst machen sollte: winken oder fotografieren." Sie entschied sich für die Kamera, am Ende ihres Queen-Trips will sich Thürichen ein Erinnerungsalbum basteln. Und sie wird noch genug Möglichkeiten zum Winken haben in den kommenden zwei Tagen. Darauf ist Verlass bei der Queen.

Mitarbeit: Philip Kaleta

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eduard2 24.06.2015
1. Frau Schad
Es ist bizarr, dass die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten vor einem ausländischen Staatsoberhaupt knickst. Nicht einmal Cherie Blair hat das getan. Wir sind eine Republik, in Deutschland gibt es seit 1919 keinen Adel mehr. Wann geht das endlich in die Köpfe hinein?
seneca007 24.06.2015
2. Eine tolle Stimmung!
Zur Zeit säumen Tausende Berliner die Straßen am Adlon bis zum Bellevue... Bei welchem Politiker ist das denn schon mal der Fall? Aber der deutsche Miesepeter ist wieder unterwegs in den Medien...
solna 24.06.2015
3. Very British
Nicht nett, Ihr macht Euch (indirekt) über Merkels Englischkenntnisse lustig, aber dann schreibt Ihr 'very british'. Zwei Worte, ein Fehler. Epic fail! 'British' schreibt man nämlich groß: British, American, Chinese, etc. Ja, die englische Sprache ist ein einzig großes Wunder.
Undead 24.06.2015
4. Tausende Berliner....
Zitat von seneca007Zur Zeit säumen Tausende Berliner die Straßen am Adlon bis zum Bellevue... Bei welchem Politiker ist das denn schon mal der Fall? Aber der deutsche Miesepeter ist wieder unterwegs in den Medien...
... deutlich weniger als beim Düsseldorfer Karnevals Prinzenpaar.
justsharest 24.06.2015
5. Warum machen Sie da auch mit?
Reicht es nicht, dass fast alle bedeutenden Zeitungen (bzw. deren Internetseiten) voll sind mit dem Staatsbesuch der "Queen"? Wir leben in Deutschland in einer Demokratie, unser Bundespräsident wird, oft auch anhand seiner Lebensleistung, gewählt, dafür muss er etwas GETAN HABEN! Die "Queen" hingegen wurde - bei allem Respekt für ihre Person - nur in die "richtige" Familie geboren, sie hat für ihr Amt und das damit verbundene Prestige KEINE LEISTUNG erbracht. Es stellt sich die Frage warum also Fürsten und Könige verehrt werden, gewählte Politiker*innen aber oft verachtet...
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