"Querdenker"-Demo in Karlsruhe "Ich fand super, wie das in Leipzig gelaufen ist"

Nach der Eskalation von Leipzig stehen die "Querdenker" unter besonderer Beobachtung. Wie verhalten sich die Corona-Leugner am Wochenende danach? Ein Ortsbesuch in Karlsruhe.
Aus Karlsruhe berichtet Simon Langemann
Teilnehmer der "Querdenker"-Demo in Karlsruhe

Teilnehmer der "Querdenker"-Demo in Karlsruhe

Foto: Uli Deck / dpa

Ein Mann und eine Frau stehen am Rande der Demonstration und diskutieren hitzig, zwischen ihnen ein rot-weißes Flatterband. Sie spricht davon, dass sie in den Medien immer nur Drosten und Lauterbach höre. Jörg Rupp, 54 Jahre alt, hält dagegen. Auf seinem Mund-Nasen-Schutz prangt das Logo der Antifa, auf seinem T-Shirt steht: "Braun - Schweig!". Er sagt: "Wer mit Nazis demonstriert, ist selbst einer." Ein dritter Mann, blonder Zopf, "Querdenker", hört zu. Dann sagt er, fast beiläufig, er sei gegen Gewalt. "Aber ohne Gewalt können wir nix erreichen."

Deutschland verharrt im Ausnahmezustand. Die Intensivstationen füllen sich, die Infektionszahlen stagnieren auf hohem Niveau. Zugleich scheint sich auch die Gruppe derer, die die Gefährlichkeit des Coronavirus bestreiten, nach und nach zu radikalisieren. 20.000 "Querdenker" demonstrierten am vergangenen Samstag in Leipzig, rechte Hooligans bahnten ihnen den Weg durch die Innenstadt. Wie verhält sich die Bewegung am Wochenende danach?

Nach der bundesweiten Mobilisierung haben sich die "Querdenker" wieder verteilt. Am Sonntag werden sie in Düsseldorf demonstrieren, an diesem Samstagnachmittag demonstrieren sie in Frankfurt am Main, zeitgleich versammeln sich etwa 1000 Menschen an einem besonders symbolträchtigen Ort: Karlsruhe.

Schon vor zwei Wochen demonstrierten die Corona-Leugner auf dem Schlossplatz, kaum mehr als hundert Meter vom Bundesverfassungsgericht entfernt. Weil es dort zu eng ist, einigten sich Ordnungsamt und Veranstalter diesmal auf den Messplatz, eine riesige Asphaltfläche außerhalb der Innenstadt, auf der sonst Volksfeste stattfinden.

Mund-Nasen-Schutz trägt hier fast keiner, denn das Verwaltungsgericht hatte die Maskenpflicht vor der jüngsten Demo gekippt. Stattdessen müssen sich die Teilnehmer an die Abstandsregeln halten. Zwei Bekannte begrüßen sich per Handschlag und nehmen sich in den Arm. "Abstand halten!", ruft ihnen eine Demonstrantin zu. Sie sitzt auf einem der neonfarbenen Punkte, die die Veranstalter auf den Asphalt gesprüht haben.

Markus Haintz tritt auf die Bühne, ein Rechtsanwalt aus Ulm. Er spricht von zivilem Ungehorsam, den es jetzt brauche, bezieht sich auf Gandhi und Martin Luther King. Kundgebungen wie diese sind aus seiner Sicht keine Dauerlösung. "Auf einer grünen Wiese oder auf einem großen Parkplatz interessiert es die Leute nicht, was wir tun." Leipzig dagegen, das sei "eine schöne, legale Spontan-Demo" gewesen. "Ich fand das super, wie das in Leipzig gelaufen ist." Wie er es mit rechtsextremen Mitdemonstranten hält, sagt er nicht.

Eine Schülerin vergleicht sich mit Anne Frank

Ein Mann wirbt auf seiner Warnweste für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Eine Frau bringt die Zeitung "Demokratischer Widerstand" unter die Leute, auf ihrem Hinterkopf eine Anonymous-Maske, auf ihrem Rücken weiße Engelsflügel. Eine andere läuft mit grobmaschiger Netzmaske durch die Reihen und bewirbt auf einem Pappschild eine Busfahrt nach Berlin, wo die "Querdenker" am kommenden Mittwoch demonstrieren wollen.

Auf der Bühne spricht Dr. Walter Weber von den "Ärzten für Aufklärung" von drohenden Zwangsimpfungen, durchgesetzt von der Polizei. Ein Verschwörungstheoretiker spricht von "pädosadistischen Subjekten in der Regierung", die für Kindesmissbrauch verantwortlich seien. Eine Schülerin, um die zwölf Jahre alt, erzählt von ihrem Kindergeburtstag, den sie heimlich habe feiern müssen – und vergleicht sich mit Anne Frank, die sich im Hinterhaus vor den Nazis versteckte.

Die Polizei ist mit mehr als 100 Beamten vor Ort. Nach Leipzig, und nachdem die letzte Karlsruher Demo wegen der vielen Verstöße kurz vor der Auflösung stand, habe man das Aufgebot mehr als verdoppelt, sagt ein Sprecher. Die Zahl derjenigen, die sich am Rand des Messplatzes zur Gegendemo versammelt haben, schätzt er auf 130 bis 150. Mit Sirenen versuchen diese die Reden der "Querdenker" zu übertönen, aus den Boxen dröhnt ein Rap-Song der Berliner Band KAFVKA: "Fick deine Argumente, sie sind keine. Lügen werden nicht zu Fakten, nur weil du sie hinschreibst."

Dann beginnt ein Aktivist, gegen die Corona-Leugner anzureden: "Wir sind hier, weil ihr es nicht schafft, euch von Antisemiten und von Nazis zu distanzieren", sagt er. Hinter der Absperrung brüllt ihm eine "Querdenkerin" entgegen: "Nazis rauuuus!" Fragen des SPIEGEL will sie nicht beantworten, "weil’s eh verdreht wird", sagt sie. "Das ist ja das Hinterletzte, was bei euch rumgeschmiert wird."

"Wir waren früher auf derselben Seite"

Antifaschist Rupp hat inzwischen eine neue Diskussionspartnerin gefunden: Christina, weiße Locken, 72, ihren Nachnamen will sie nicht verraten. Die beiden kennen sich, weil sie beide politisch aktiv sind. Christina nimmt das Flatterband in die Hand, hebt es leicht an, sagt: "Wir waren früher auf derselben Seite."

Seit einem halben Jahr sind sie es nicht mehr. Auch Christina war am letzten Wochenende in Leipzig dabei. Eine Maske trägt sie nicht. An ihrer Umhängetasche haftet ein Button der "Omas gegen rechts". Sie sei eine bekannte Linke, sagt sie, engagiere sich schon seit vielen Jahren, "immer auf der Seite von Demokratie und Frieden".

Rupp ist Mitglied bei der Linken, früher war er im Landesvorstand der Grünen. Er deutet auf die Demonstranten vom "Frauenbündnis Kandel", die einige Meter weiter unter den Corona-Leugnern stehen. Er sagt, wegen solcher Leute hätten sich die "Omas gegen rechts" doch gegründet. "Habt ihr denen gesagt, dass sie sich verpissen sollen?" Christina sagt, sie könne niemandem verbieten, hier auf der Demo zu sein. 95 Prozent der Menschen seien hier, weil sie sich kritisch mit den Maßnahmen der Regierung auseinandersetzten. "Und die 95 Prozent trittst du in die Tonne."

Beide wirken resigniert. Über diese Ebene komme ihr Gespräch leider nicht hinaus, klagt Christina. "Tut mir leid", sagt Rupp. Und sie sagt: "Ja, mir auch." Dann verabschiedet sie sich. Sie schaue jetzt mal bei den Rechten vorbei. "Damit ich weiß, wovon du redest."

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