Dritte RAF-Generation Unfassbar

Garweg, Staub, Klette: Drei mutmaßliche frühere Terroristen der RAF gehören seit Jahren zu den meistgesuchten Kriminellen des Landes. Die Polizei ist ratlos - und fürchtet die nächste Tat.
Überfall 2016 in Hildesheim

Überfall 2016 in Hildesheim

Foto: LKA Niedersachsen

Die Klingel des Telefons riss Ekkehard Hoffmann aus dem Schlaf. Es war der 27. März 1993, gegen sechs Uhr in der Früh. Auf einen gemütlichen Samstag hatte sich der Gefängnisdirektor gefreut. Was kam, war die wohl größte Katastrophe seiner Karriere.

Mehr als ein Vierteljahrhundert später sitzt der inzwischen 78-Jährige in seinem Haus im Odenwald. Die Sonne wärmt die aufgeräumte Wohnstube. Von der Terrasse aus reicht der Blick bis zu 30 Kilometer weit in die bergige Landschaft. Ein Idyll, in das sich die Erinnerung schiebt. Vor Hoffmanns Auge laufen die Bilder von damals ab. Er knickt den Arm und ballt die Faust, als halte er einen Telefonhörer.

RAF-Ziel Weiterstadt

Der Mann am anderen Ende der Leitung brüllte, Hoffmann imitiert ihn: "Die haben die Anstalt gesprengt!" Das war's. Aufgelegt. Der Leitende Regierungsdirektor a. D. Hoffmann, Holzfällerhemd, Jeans, Gürteltasche, hält inne. "Ich habe gedacht, da ist einer durchgedreht, so unvorstellbar war das."

Hoffmann war seit 1991 Chef des Prestigebaus Weiterstadt. Das modernste Gefängnis der Republik wuchs da in Hessen, in der Nähe von Darmstadt. Am 1. April 1993 sollte der Superknast eröffnet werden. Am Wochenende vorher wollte Hoffmann seine Freunde durch das Gebäude führen. Im Besucherraum war schon der Tisch gedeckt.

Ex-Gefängnisdirektor Hoffmann

Ex-Gefängnisdirektor Hoffmann

Foto: SPIEGEL ONLINE

Nach dem Anruf im Morgengrauen erfuhr Hoffmann rasch, dass der Wachmann die Wahrheit gebrüllt hatte. Mit 200 Kilo Sprengstoff hatten in der Nacht Angehörige der Roten Armee Fraktion (RAF) das Gebäude in eine Ruine verwandelt. Im Bekennerschreiben am Tatort hieß es: "Freiheit für alle politischen Gefangenen! Für eine Gesellschaft ohne Knäste!"

Es war der letzte Anschlag der RAF, 1998 löste sie sich auf. Fast 30 Jahre lang hatten die Linksterroristen versucht, mit Gewalt das System zu erschüttern. Am Ende erkannten sie, dass sie niemanden mitreißen konnten - und völlig isoliert waren im Land. Doch Weiterstadt blieb ungeahndet, wie so vieles.

Ein Schleier umgibt bis heute die letzten 14 Jahre der RAF, als die sogenannte dritte Generation wütete. Eine Zeit schwerer Anschläge, elf Menschen wurden getötet - darunter Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, Gerold von Braunmühl, Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt, Karl Heinz Beckurts, Atommanager bei Siemens.

Bis auf einen Fall kennt man die Mörder nicht. Womöglich leben einige heute ganz legal im Land, ohne dass sie je unter Verdacht gerieten. "Anders als ihre Vorgänger", sagt der frühere Generalstaatsanwalt und RAF-Experte Klaus Pflieger, "hat die dritte Generation an Tatorten fast keine Spuren hinterlassen." Und auch seit 1998 habe es "keine substanziellen Ermittlungsfortschritte gegeben". Die Vorgänger hatten noch bewusst Fingerabdrücke an Tatorten gesetzt, um die Polizei zu verhöhnen.

Video: Profiler über Ex-RAF-Trio "Sie gehen sehr diszipliniert vor"

SPIEGEL ONLINE

Im Untergrund verschwunden

Nur eine Handvoll Personen rechnen die Ermittler zweifelsfrei der dritten Generation zu. Zwei von ihnen, Birgit Hogefeld und Eva Haule, leben heute unauffällig in deutschen Großstädten, nachdem sie lange Haftstrafen verbüßt haben. Wolfgang Grams, wohl neben Hogefeld Kopf der Gruppe, erschoss sich 1993 in Bad Kleinen, um seiner Festnahme zu entgehen.

Verschwunden blieben Ernst-Volker Staub, 64, Daniela Klette, 59, und Burkhard Garweg, 50. Etwa seit der Wende leben sie im Untergrund. Das Trio wäre wohl weitgehend vergessen, wenn Ermittler nicht im Sommer 2015 eine spektakuläre Spur entdeckt hätten - und die RAF wieder auf die öffentliche Agenda brachten.

Nach einem gescheiterten Überfall auf einen Geldtransporter in Stuhr bei Bremen fanden Kriminaltechniker im Tatauto DNA-Spuren, die sie Staub, Klette und Garweg zuordnen. Stück für Stück entrollte sich vor den Ermittlern eine Serie von zwölf Raubtaten. Beginn: 1999. Schwerpunkt: Niedersachsen. Diese Fälle machen das Trio zu den meistgesuchten Verdächtigen des Landes.

Der bis dato fast erstarrte Fahndungsapparat aus RAF-Zeiten läuft wieder. Zentrale ist nicht mehr das Bundeskriminalamt (BKA), sondern das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. Und nicht mehr der Generalbundesanwalt (GBA) leitet die Ermittlungen, sondern die örtlich zuständige Staatsanwaltschaft Verden. Alle Behörden, das beteuern sie, arbeiteten eng zusammen.

Gesprengtes Gefängnis in Weiterstadt

Gesprengtes Gefängnis in Weiterstadt

Foto: DB Jürgen Mahnke/ picture alliance / dpa

Je mehr Zeit indes verstreicht, ohne dass die drei zu fassen sind, desto stärker lastet der Druck auf den Fahndern. "Wir stehen immer noch vor einem Rätsel", sagt einer. Der jüngste Überfall ist mehr als zwei Jahre her, er fand Ende Juni 2016 statt, in Cremlingen bei Braunschweig. Zugleich fürchten Ermittler das Risiko eines Zugriffs: "Wenn man sie stellt, werden sie versuchen zu schießen", sagt ein Beamter.

Die Täter gehen in mancher Hinsicht professionell vor. "Sehr souverän" sagt ein Ermittler. Über Wochen baldowern sie in der Regel ihre Tatorte aus. Kaufen gebrauchte Fahrzeuge unter falschem Namen. Achten darauf, dass sie nach sechs bis zehn Kilometern unbemerkt das Fluchtauto wechseln können. Zünden den hinterlassenen Wagen an, auch wenn das ein paar Mal schiefging.

Der frühere Chefermittler des LKA, Matthias Behnke, sagte im Juli dem SPIEGEL: "Wahrscheinlich haben sie keinen Kontakt mehr in alte Unterstützerkreise und nutzen keine modernen Kommunikationsmittel." Man gehe davon aus, dass sie mit einem echten Ausweis unter einer falschen Identität in Deutschland lebten - und zwar seit Langem. Auf ähnliche Weise war es den Mitgliedern des rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gelungen, über viele Jahre eine Fassade aufrechtzuerhalten, hinter der sie rauben und morden konnten.

Perfekte Maskerade?

Die mutmaßlichen Ex-RAFler Staub, Klette und Garweg würden wohl für die Überfälle ihr Aussehen verändern, sagte Behnke. Nach den Taten legten sie ihre Maskerade ab und lagerten die Waffen womöglich in Erddepots aus RAF-Zeiten ein. "Wir glauben, dass sie in ihrem Lebensumfeld anders aussehen", so Behnke im Juli.

Eine rasche optische Verwandlung könnte erklären, dass Öffentlichkeitsfahndungen mit neuen Bildern von Staub und Garweg erfolglos geblieben sind. Vermutlich verkleiden sich die Täter schon, wenn sie die Tat nur vorbereiten. Doch all das bleibt vage. Auch eine Operative Fallanalyse, mit der Profiler Handlungsmotive von Tätern ergründen, brachte der Staatsanwaltschaft nichts Greifbares.

Die nächste Tat, so heißt es in Justizkreisen, dürfte nur eine Frage der Zeit sein. "Die spannende Frage ist, wo die drei zuschlagen werden", sagt ein Ermittler. Einer internen Berechnung des BKA zufolge sollen sie von 1999 bis 2015 etwa zwei Millionen Euro geraubt haben. Hinzukommen dürfte die Beute aus Cremlingen, mehr als 600.000 Euro.

Anlass zu Spekulationen gibt die Ungewissheit, was die drei mit dem Geld machen. Nach dem ersten Überfall 1999 in Duisburg waren sie über DNA-Spuren rasch als Tatverdächtige identifiziert. Staub, Klette und Garweg hatten, so lautete die Hypothese der Ermittler damals, eine neue terroristische Vereinigung gegründet. Der Generalbundesanwalt reagierte prompt - und eröffnete ein Terrorismusverfahren.

Gewöhnliche Kriminelle?

Doch im Laufe der Jahre zerstreute sich dieser Verdacht. Es gebe heute überhaupt keinen Anhaltspunkt mehr für einen Terrorhintergrund, heißt es nun. Im Sommer 2017 gab der Generalbundesanwalt das Verfahren als Raubdelikt an die Staatsanwaltschaft Duisburg ab. Für das Trio gehe es nur darum, das teure Leben im Untergrund zu finanzieren. Man habe es mit gewöhnlichen Kriminellen zu tun, hieß es.

RAF-Forscher Kraushaar

RAF-Forscher Kraushaar

Foto: Sven Hoppe / dpa

Wolfgang Kraushaar ist da skeptisch. Der Hamburger Politologe gilt als einer der renommiertesten RAF-Forscher. "Ich halte es für ziemlich wahrscheinlich", sagt Kraushaar, "dass die drei mit einem Teil des Geldes militante Strukturen finanzieren." Linksextreme also, die mit Gewaltaktionen den Staat bekämpfen, aber keine Morde begehen. "Die Beute ist eigentlich zu hoch, um sie allein zu verbrauchen."

Auch sei nicht plausibel, dass Staub, Klette und Garweg ihre Weltsicht geändert hätten. Aus ideologischen Gründen seien sie zur RAF gegangen, hätten ein entbehrungsreiches Leben in der Illegalität riskiert. "Sie werden auch heute eine Haltung der Widerständigkeit gegen das kapitalistische System für sich in Anspruch nehmen", vermutet Kraushaar.

Für die These spricht, dass es offenbar weiterhin Sympathisanten gibt, die sich mit dem Trio verbunden fühlen. Im April schrieb etwa der frühere RAF-Genosse Karl-Heinz Dellwo, Angehöriger der zweiten Generation und erfolgreicher Unternehmer, in einem Leserbrief: Er hoffe, die drei würden "von solidarischen Strukturen getragen" und "nie gefangengenommen".

Auch die Hamburger Hafenstraße fiel mit Solidaritätsbekundungen auf. Ende der Achtzigerjahre gab es dort schwere Krawalle, noch heute leben Alternative in den Häusern. Garweg und Staub wohnten vor ihrem Abtauchen dort. Im Mai 2017 prangte an einem Haus ein Transparent mit dem Spruch: "Freiheit und Glück für Burkhard, Dani und Ernst - Einstellung aller RAF-Verfahren".

"Lasst es Euch gutgehen!"

Die Rote Hilfe wiederum, eine linksextreme Organisation, veröffentlichte in ihrer Mitgliederzeitschrift 2016 ein Editorial, in dem es hieß: "Daniela, Burkhard und Volker: Wir wünschen Euch viel Kraft und Lebensfreude. Lasst es Euch gutgehen -… und lasst Euch nicht erwischen!" Daniela Klette engagierte sich vor ihrem Abtauchen jahrelang in dem Verein, den der Verfassungsschutz beobachtet.

Fahndungsbilder von Garweg, Staub

Fahndungsbilder von Garweg, Staub

Foto: DPA/ Staatsanwaltschaft Verden

Würde das Trio gefasst, müsste es wohl mit einer langen Gefängnisstrafe rechnen. Die Ermittler werten den Überfall in Stuhr 2015 als versuchten Mord. Selbiges wird darüber hinaus Daniela Klette wegen zweier Terroranschläge Anfang der Neunzigerjahre vorgeworfen.

Gegen alle drei richtet sich der Verdacht, dass sie beim Sprengstoffanschlag in Weiterstadt dabei waren. Bereits 2007 machte der Generalbundesanwalt publik, dass man auf einer Strickleiter DNA von Staub und Klette gefunden habe. Mit der Leiter waren die Täter über die Gefängnismauer geklettert. Starke Indizien gibt es offenbar auch für die Beteiligung Garwegs. Von ihm existiert zwar in den Datenbanken der Behörden kein DNA-Material zum Abgleich. Die Ermittler entdeckten aber in Weiterstadt dieselbe unbekannte DNA wie später bei mehreren Überfällen der Raubserie.

Wenn Ex-Gefängnischef Hoffmann an die Zeit zurückdenkt, versagt ihm manchmal die Stimme. Es dauerte damals vier Jahre, bis das Gefängnis wieder aufgebaut war und eröffnet werden konnte. Was er über die RAF denkt? "Das waren für mich immer schwer gestörte Leute."

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