Umgang mit Missbrauch in der Kirche Kirchenrechtler kritisiert Vatikan-Entscheidung zu Kölner Kardinal Woelki

Der Vatikan sieht im Umgang des Kölner Kardinals Woelki mit einem Missbrauchsfall im Erzbistum keine Pflichtverletzung. Der Münsteraner Kirchenrechtler Schüller spricht laut »Kölner Stadtanzeiger« von »Willkürjustiz«.
Kardinal Woelki mit Krummstab: »Ich habe mein Gewissen geprüft«

Kardinal Woelki mit Krummstab: »Ich habe mein Gewissen geprüft«

Foto: Oliver Berg / dpa

Das Erzbistum Köln ist schweren Missbrauchsvorwürfen gegen den 2017 gestorbenen Düsseldorfer Pfarrer Johannes O. nicht nachgegangen. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller hat die offenbar im Vatikan getroffene Entscheidung scharf kritisiert, trotzdem auf die Untersuchung eines Vertuschungsvorwurfs gegen den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki zu verzichten.

»Die Glaubenskongregation ignoriert auf groteske Weise die im Jahr 2010 von Papst Benedikt XVI. festgelegten Rechtsnormen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch«, sagte Schüller dem »Kölner Stadt-Anzeiger« laut Vorabmeldung . »Um Woelki zu retten, wird der frühere Papst geopfert, seine Gesetzgebung ad absurdum geführt. Das ist Willkürjustiz, die den Namen ›Recht‹ nicht mehr verdient.«

Vatikan sieht schärfere Meldepflicht wohl erst seit 2020

Medienberichten zufolge plant der Vatikan keine kirchenrechtlichen Schritte gegen Woelki. Unter anderem die Katholische Nachrichten-Agentur hatte unter Berufung auf das Umfeld der Kurie berichtet, dass dort davon ausgegangen werde, dass Woelki den Verdacht nach damals geltendem Recht nicht zwingend nach Rom hätte melden müssen, eine strenge Meldepflicht gelte erst seit 2020. »Ob es klug war«, den Fall nicht zu melden, sei »allerdings eine andere Frage«.

Woelki hatte seine Entscheidung, auf eine Meldung des Verdachtsfalls zu verzichten, kürzlich verteidigt. »Ich habe mein Gewissen geprüft, und ich bin persönlich der Überzeugung, dass ich mich korrekt verhalten habe«, sagte er in einem Interview mit der »Kölnischen Rundschau«. Der Kölner Strafrechtler Björn Gercke soll dieses Verhalten nun in einem umfassenden Gutachten untersuchen.

O. war vorgeworfen worden, Ende der Siebzigerjahre einen Jungen im Kindergartenalter missbraucht zu haben. Nachdem Woelki 2014 Erzbischof von Köln geworden war, entschied er sich, weiter nichts zu unternehmen und den Fall auch nicht nach Rom zu melden. Seine Begründung dafür: O. sei aufgrund einer fortgeschrittenen Demenz »nicht vernehmungsfähig« gewesen. Woelki soll Berichten zufolge dem Pfarrer seit seiner Studentenzeit eng verbunden gewesen sein und bei seiner Beerdigung die Trauerrede gehalten haben.

Zwei Gutachten zur selben Sache

Wie der »Kölner Stadtanzeiger« unter Berufung auf Kirchenrechtler Schüller berichtet, sei das Unterlassen der Meldung ein Verstoß gegen päpstliche Normen gewesen, deren Verletzung Papst Franziskus zuletzt mit scharfen Sanktionen bedroht hat. »Papst Benedikt hat 2010 eine kategorische Pflicht für Bischöfe erlassen, jeden Missbrauchsfall nach Rom zu melden. Diese Vorschrift ist kategorisch. Es gibt hier keinen Ermessensspielraum«, sagte er.

Woelki hatte den Vatikan nach der anhaltenden Kritik Mitte Dezember selbst um eine Untersuchung des Falls gebeten. Mitte März wird jedoch wohl zunächst das vom Erzbistum beauftragte Gercke-Gutachten erwartet, das insgesamt 236 Fälle mutmaßlichen Missbrauchs aus dem Erzbistum Köln aufarbeiten soll.

Der Kölner Erzbischof steht aber auch wegen dieses Gutachtens unter Druck: Ein von ihm bei der Münchner Kanzlei Westphal Spilker Wastl ursprünglich in Auftrag gegebenes Papier, das bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht werden sollte, hält Woelki mit Verweis auf angebliche Mängel nämlich zurück. Gegen diese Entscheidung wurde Kritik laut, auch unter Priestern. Das Erzbistum drohte einem Pfarrer deshalb mit Konsequenzen.

apr