Ranking für die letzte Reise Gräberkür mit Käßmanns Segen

Der schönste Sarg ist mit Kristallen besetzt, die schönste Urne wie ein Herz geformt - so hat eine Jury entschieden, der auch Margot Käßmann angehörte. Bei der Kür der tollsten Bestattungsutensilien zeigte sich: Im Tod sind eben nicht alle Menschen gleich.

Das Herzlicht

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Der Weg in die Zukunft der Bestattungsbranche beginnt in der dritten Reihe einer Niedrigenergie-Reihenhaussiedlung im Hamburger Nordwesten. Hier überreicht Fabian Schaaf der Künstlerin Bettina Ulitzka in ihrem Atelier einen Blumenstrauß und eine Urkunde, 1. Platz in der Kategorie "Die schönsten Urnen Deutschlands".

Den Hauptgewinn hat Ulitzka unter anderem einer Frau zu verdanken, die als Gewissen der Gesellschaft gilt und es sich in dieser Rolle gut eingerichtet hat: Margot Käßmann. Gegen eine Spende von 2500 Euro an ein Hospiz in Hannover verlieh Käßmann als eines von neun Jurymitgliedern der Wahl des schönsten Friedhofes, Grabsteins, Sarges und der schönsten Urne eine Aura moralischer Solidität.

Von dieser Aura ist in Ulitzkas Atelier nicht mehr viel zu merken. Käßmann hat abgesagt, Terminprobleme. Via Pressemitteilung lässt sie ausrichten, die Auszeichnung fördere "den offenen und bewussten Umgang mit dem Tod und auch die Bestattungskultur in unserem Land".

Wegen Käßmanns Terminkalender steht nun Schaaf in Ulitzkas Atelier. Er ist Geschäftsführer des Internetportals Bestattungen.de, das sich den Preis ausgedacht hat. Die Website funktioniert wie Vergleichsportale für billige Reisen - nur eben für alles rund um den Tod. Das Unternehmen firmiert in Hamburg, Ulitzka auch. Da trifft es sich gut, dass ihre Urne ausgezeichnet wird. Weil jeder Preis mal klein anfängt, verlegte Schaaf die Verleihung in Ulitzkas Atelier, ein umfunktioniertes Wohnzimmer mit Tür zur Terrasse und Blick in den Garten. Auf der einen Seite des Raumes steht eine Regalwand mit halbfertigen Urnen. An der Wand gegenüber stehen Regale mit Ulitzkas Utensilien: Stifte, Pinsel, Farbtöpfe, Entwürfe.

"Das ist ein tolles Ergebnis", sagt Schaaf, groß, kurze helle Haare und Brille. Wenn er spricht, hält er die Hände meist gefaltet. In seinem schwarzen Anzug hat er etwas Pastorales, könnte als Trauerredner durchgehen. Die Floskeln aus der Bestattungsbranche - "Hilfe in schwerer Stunde", "der Tod gehört zum Leben" - kommen ihm leicht über die Lippen, das bringt der Job mit sich.

Sehen, auf welchem Friedhof die ewige Ruhe am schönsten ist

Reklame ist in der Bestattungsbranche eine heikle Sache. Manche Unternehmen haben nicht den besten Ruf, obwohl sich die zentrale Figur ja niemals beschwert. Es gibt kaum geeignete Anlässe, sich selbst zu feiern. Wenn man die eigene Branche aus muffigen Biedermannecke holen und ihre Lebendigkeit betonen will, muss man sich feiern. Im Atelier von Ulitzka fangen sie damit an.

Ohne einen Promi hätte die Verleihung vermutlich kaum jemanden außerhalb der Branche interessiert. So hat das Portal eine Werbefigur, ein Testimonial gesucht - und mit Käßmann gefunden. Deren Gesicht ist bekannt und vor allem beliebt. Noch flugs den Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, ein paar Bestattungsunternehmer, Trauerredner und Geschäftsführer Schaaf zusammengetrommelt - fertig war die Jury.

Jetzt kann endlich jeder sehen, auf welchem Friedhof die ewige Ruhe am schönsten ist; dass die eigenen sterblichen Überreste statt in einer 08/15-Urne auch in einem Designerstück ruhen können; dass es bei Grabsteinen mindestens so viel Auswahl gibt wie bei Autos; und dass es bei Särgen mindestens so viel Wahlmöglichkeiten gibt wie bei Fertiggaragen.

Der Siegersarg beispielsweise, Hochglanz schwarz, verfügt laut Jury über "hochwertiges Holz, gusseiserne und vernickelte Griffbeschläge" - dazu gibt es im Deckel "elegant geschliffene Swarovski-Kristalle" als Symbol für das "facettenreiche Leben des Verstorbenen". Die Siegerurne, Modell "Almandin", ist in Herzform, mit Kupfer-Gold-Lasuren überzogen und hat eine Manschette aus Stoff, worin sich Fotos und Briefe an den Toten verstauen lassen.

Muss das sein?

Ja, lässt Käßmann via Pressemitteilung verkünden. So ganz geheuer ist ihr ihre Courage aber offenbar nicht: Sie lege Wert darauf, nicht Jury-Vorsitzende, sondern einfaches Mitglied des Gremiums zu sein.

Designerin Ulitzka sagt: "Der ästhetische Aspekt kommt bei Bestattungen zu kurz." Es klingt wie: Das Sterben braucht mehr Lifestyle.

Während eine Zeitungsfotografin im umfunktionierten Wohnzimmer Preisträgerin Ulitzka für ein Foto posieren lässt, erklärt Schaaf die Umwälzungen in der Bestattungsbranche. Viele Leute seien "überrascht, wie viele Möglichkeiten es für Beerdigungen gibt".

Die Individualitätswelle hat das Sterben erfasst

Mehr Möglichkeiten heißt im Klartext: mehr Absatzchancen. Mehr als fünf Milliarden Euro setzt die Branche im Jahr um. "Viele Angehörige möchten das Geld ausgeben", sagt Schaaf. "Das Individuelle hilft Angehörigen bei der Verarbeitung des Verlustes."

Man könnte die Sache auch anders sehen: Wer den schönsten Grabstein und die tollste Urne küren lässt, suggeriert Hinterbliebenen, dass eine Bestattung mit Standardsarg, Durchschnittsurne und 08/15-Grabstein unangemessen ist. Oder, noch viel schlimmer: lieblos, des Toten unwürdig. Vielleicht hat eine Riesenauswahl an Grabsteinen für Hinterbliebene nichts Tröstendes, sondern überfordert sie - oder verleitet sie dazu, sich vom schlechten Gewissen freikaufen zu wollen: Wenn wir Opa schon nicht im Pflegeheim besucht haben, soll er wenigstens einen Deluxe-Grabstein bekommen.

"Wir wollen niemandem vorschreiben, was pietätvoll ist", sagt Schaaf, "ich kann akzeptieren, dass es Leute gibt, die den Award geschmacklos finden." Er finde es aber eher pietätlos, den Kunden vorzuschreiben, wie eine Bestattung auszusehen habe.

Vielleicht ist die sehr geschäftsmäßige Perspektive für einen gelernten Betriebswirt wie Schaaf einfacher einzunehmen. Er macht jedenfalls den Eindruck, als habe er jeden Einwand, jede Kritik schon gehört und pariert routiniert. "Kritik am Ranking kann man immer äußern."

Die Individualitätswelle hat auch das Sterben erfasst, und Schaaf will mit seiner Firma darauf reiten: "Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten." Im Tod sind eben nicht alle Menschen gleich.

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