Rassismus in Louisiana "Da lauert etwas unter der Oberfläche"

Sie saß mit dem Ku-Klux-Klan am Küchentisch und wurde in einem schwarzen Armenviertel mit der Waffe bedroht: Fotografin Hannah Modigh bereiste Louisiana. Die Trennung von Schwarz und Weiß traf sie völlig unvorbereitet.

Hannah Modigh/ Max Ström

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Anfang Juli erschießt ein Polizist in Baton Rouge im US-Bundesstaat Louisiana den CD-Verkäufer Alton Sterling auf offener Straße. Das Opfer: ein 37-jähriger Schwarzer. Nur Stunden später stirbt bei einem ähnlichen Vorfall in Minnesota der 32-jährige Philando Castile durch die Kugeln eines Polizisten.

Zwei Fälle, die stellvertretend für Gewalt von Polizisten an schwarzen US-Bürgern stehen - und zu landesweiten Protesten führten. Bei einer Demonstration im texanischen Dallas tötete daraufhin ein ehemaliger US-Soldat aus dem Hinterhalt fünf Polizisten und verletzte mehrere schwer. Nun hat am Wochenende in Baton Rouge erneut ein Heckenschütze drei Polizisten ermordet. Beide Täter waren schwarz.

Besonders im Süden der USA scheint ein tief sitzender Rassismus die Gesellschaft zu entzweien. Eine Erfahrung, die Hannah Modigh schon vor vier Jahren machte. Für ihr Projekt "Hurricane Season" reiste sie drei Monate durch Louisiana. Die Gewalt, die sich dort nun Bahn bricht, überrascht Modigh nicht.

Zur Person
  • Siri Lindén
    Hannah Modigh, Jahrgang 1980, ist schwedische Fotografin und lebt in Stockholm. Ihre Arbeiten wie "Hillbilly Heroin Honey", "Sunday Mornin' Comin' Down" oder "The Milky Way" haben mehrfach Preise gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Modigh, die Bilder Ihrer Reihe "Hurricane Season" sehen aus, als stammten sie aus der TV-Serie "True Detective". So unheilvoll und bedrückend.

Modigh: Stimmt, die Ästhetik ist schon sehr ähnlich. Besonders bei den Landschaftsaufnahmen. Meine ganze Erfahrung gründete sich aber bei meiner Reise auf andere Medien. Ich hatte ein paar Krimis von James Lee Burke gelesen, in denen die Kultur Louisianas erklärt wird. Und dann natürlich der Blues. Wenn ich fotografiere, ist Musik extrem wichtig für mich. Als ich da war, habe ich Hip-Hop aus Louisiana gehört: Bootsie Badazz und 3D Natee. Die singen viel über Frustration - wie es ist, am Abgrund der Dinge zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollten Sie denn überhaupt dort hinreisen?

Modigh: Zu Beginn war ich interessiert an dieser Macho-Kultur. In meinen Büchern wurden die Leute dort als ziemlich stiernackig beschrieben. Gefühle zu zeigen ist ihnen nicht erlaubt, sie unterdrücken sie. Das wollte ich mir näher anschauen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum der Titel "Hurricane Season"?

Modigh: Damals ging es überhaupt nicht um Hurrikans - geht es eigentlich immer noch nicht. Der Hurrikan ist für mich eher eine Metapher für das Leben am Rande der Eruption. Als ich durch Louisiana reiste, spürte ich dieses Gefühl sehr stark bei den Menschen, die ich getroffen habe.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine bestimmte Situation, die Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Modigh: Als ich da war, tobte der Hurrikan "Isaac". Ich war gerade bei einer Familie, die in einem Trailer nahe Baton Rouge lebte, in der Mitte Louisianas. Einen Teil meiner Kindheit habe ich in Indien verbracht. Da gab es auch oft Stürme, aber wir lebten als weiße Privilegierte in einem großen Haus. Wenn Stürme wüteten, zündeten wir Kerzen an, und ich fühlte mich behütet. In diesem Trailer war das nicht der Fall. Niemand hilft diesen Menschen. Nicht nur, wenn es stürmt. Jederzeit kann etwas über sie hereinbrechen. Alles ist ruhig, friedlich - aber da lauert etwas unter der Oberfläche.

SPIEGEL ONLINE: Was lauert da genau?

Modigh: Als ich durch Louisiana reiste, begegnete ich einem tief sitzenden Rassismus. Eine Begegnung traf mich besonders. Ein Mann sagte zu mir: "Ich bin ein geborener Rassist." Ich glaube, man entscheidet sich dafür, wie man leben will. In Louisiana habe ich das Gegenteil kennengelernt. Dieser Mann war Mitglied des Ku-Klux-Klans. Er meinte, er habe sich nicht dafür entschieden, Rassist zu sein. Es war einfach ein Teil seines Aufwachsens. Etwas, das er von seinen Eltern mitbekommen hatte. Ein Sicherheitsanker, an dem er sich seit seiner Kindheit festhielt. Darüber habe ich sehr viel nachgedacht.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieser Glaube an das Schicksal typisch für Louisiana?

Modigh: Ich weiß nicht, ob die Mehrheit so denkt. Aber viele haben realisiert, dass es sehr schwer ist, aus diesem Kreis auszubrechen. Es gibt halt diesen Hurrikan, der dich zu Boden drückt. Das hat mich schon immer interessiert. Unser Erbe und wie es uns beeinflusst.

SPIEGEL ONLINE: Die Kluft zwischen Menschen scheint das Fundament von "Hurricane Season" zu sein.

Modigh: Natürlich hatte ich einige Dinge gelesen, aber die Realität war viel schlimmer, als ich es erwartet hatte. Es gibt Rassismus von beiden Seiten - und ich war weder auf den einen noch den anderen vorbereitet.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie Vorurteile in der schwarzen Bevölkerung kennengelernt?

Modigh: Einige der härtesten Gegenden waren schwarze Bezirke in New Orleans. Ich dachte, es sei kein Problem, da herumzulaufen. Aber ich war ein Eindringling, ein Platzhalter für all die schlechten Dinge, die Weiße ihnen angetan hatten. In einer Situation wurde ich mit einer Waffe bedroht und aufgefordert, zu verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Ihren Blick auf die Menschen dort verändert?

Modigh: Als ich sah, wie sie lebten, konnte ich ihre Wut und Verzweiflung verstehen. Bob Marley sang: "Die Menschen sind frei, aber sie sind angekettet durch Armut." Das trifft das Leben der Menschen im Süden ganz gut. Das Gefängnissystem in den Südstaaten ist ein Beispiel dafür. Die privat betriebenen Gefängnisse bekommen Geld für jeden, der einsitzt. Wenn schwarze Häftlinge durch die Felder laufen und arbeiten, sieht das aus wie Bilder aus der Zeit der Sklaverei in den Bauwollplantagen.

SPIEGEL ONLINE: Nackte Körper und nackte Erde - Ihre Bilder zeigen auch viel Verletzliches.

Modigh: Ich arbeite viel mit Haut und Natur, die verlassen wurden. Es gibt eine Verbindung zwischen beiden und wie sie entblößt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Menschen aus Louisiana verlassen? Entblößt?

Modigh: Im Fall von Hurrikan "Kathrina" waren sie das. Die Menschen konnten live im TV sehen, dass man sie verlassen hatte. Aber das trifft ja auf eine ganze Menge armer Menschen in Amerika zu. Sie kämpfen für sich selbst und bekommen kaum Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt alles sehr bedrückend. Gab es auch schöne Momente?

Modigh: Wenn der Sturm vorbei war, machte die Familie, bei der ich nahe Baton Rouge lebte, aus der Ladefläche eines Pick ups ein Schwimmbad für die Kinder. Obwohl sie am Abgrund stehen, leben sie den Moment. Und es wird viel gelacht.

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  • Hannah Modigh:
    Hurricane Season

    Verlag Bokforlaget Max Strom; Englisch; 128 Seiten; 24,30 Euro

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
ruhepuls 18.07.2016
1. Latent rassistisch...
Alle Menschen sind latent rassistisch. Nur kommt der Rassismus meist erst zum Vorschein, wenn äußere Umstände ihn hervorlocken. Beispielsweise, wenn "Fremde" Ängste auslösen oder tatsächlich oder scheinbare Nachteile mit sich bringen. Menschen tun sich generell schwer, Fremdes zu akzeptieren, weil es das eigene oft in Frage stellt. Wie urteilen wir beispielsweise über strenggläubige Muslime? Nicht viel anders als sie über uns "Ungläubige".
nsmith 18.07.2016
2.
Sorry. There is nothing hidden about 'Rassismus' in Louisiana...
hartmutbuhck 18.07.2016
3.
Wer interessiert ist am alltäglichen Rassismus in den US-Südstaaten, dem seien die Bücher von Greg Iles empfohlen, beginnend mit 'The Quiet Game'. Übrigens ist der Autor weiß.. Das Grundmodell ist heute wie vor 150 Jahren die Angst der weißen Mehrheit vor dem '(preferably young) black male' und dessen nicht immer angemessene Gegenreaktion. Alle sind schuld und keiner ist schuld, aber besser wird es erst, wenn die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Worauf wir, nach meiner bescheidenen Schätzung, noch 2-3 Generationen werden warten müssen. Aber es wird passieren, es sei denn ein nicht näher bezeichneter Vollpfosten bekommt es hin, die Grundangst meiner Jugend vor dem Atomkrieg im Nachhinein zu rechtfertigen. Keep the Donald off the trigger, pretty please!
NewYork76 18.07.2016
4. Nein
Zitat von ruhepulsAlle Menschen sind latent rassistisch. Nur kommt der Rassismus meist erst zum Vorschein, wenn äußere Umstände ihn hervorlocken. Beispielsweise, wenn "Fremde" Ängste auslösen oder tatsächlich oder scheinbare Nachteile mit sich bringen. Menschen tun sich generell schwer, Fremdes zu akzeptieren, weil es das eigene oft in Frage stellt. Wie urteilen wir beispielsweise über strenggläubige Muslime? Nicht viel anders als sie über uns "Ungläubige".
Es steht Ihnen natuerlich frei Ihre eigene Meinung zu haben, aber mit Ihrer Aussage zu "ALLEN" Menschen behaupten Sie implizit, dass auch ich latent rassistisch bin. Das ist falsch! Bitte schliessen Sie nicht von Ihrem direkten Umfeld auf "alle" Menschen. Es gibt durchaus viele Menschen, die differenzieren koennen zwischen Hautfarbe, Religion, sozialem und oekonomischen Hintergrund, Bildungsstand etc.pp.
EMU 18.07.2016
5.
Zitat von ruhepulsAlle Menschen sind latent rassistisch. Nur kommt der Rassismus meist erst zum Vorschein, wenn äußere Umstände ihn hervorlocken. Beispielsweise, wenn "Fremde" Ängste auslösen oder tatsächlich oder scheinbare Nachteile mit sich bringen. Menschen tun sich generell schwer, Fremdes zu akzeptieren, weil es das eigene oft in Frage stellt. Wie urteilen wir beispielsweise über strenggläubige Muslime? Nicht viel anders als sie über uns "Ungläubige".
Ich denke, man sollte die Furcht vor "Fremdem" und Rassismus nicht vermischen. Wenn wir "fremd" für diese Diskussion mal auf "anders aussehend" reduzieren, kann man sagen, dass Rassismus das ist, was bleibt, wenn die Angst vor dem (so definierten) "Fremden" durch Gewöhnung abgeklungen ist.
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