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11. August 2013, 13:54 Uhr

Rassismus-Vorwürfe von Oprah Winfrey

Alle Taschen im Schrank

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Hat eine Zürcher Verkäuferin Oprah Winfrey aus rassistischen Gründen eine Tasche vorenthalten? Ja, sagte die Talkmasterin. Jetzt wehrt sich die Verkäuferin: "Ich habe niemandem etwas zuleide getan." Doch längst geht es um mehr. Zum Beispiel um Tierschutz.

Zürich - Selten hat ein Kundengespräch für derartigen Wirbel gesorgt, wie jenes, das Ende Juli in der Edelboutique "Trois Pommes" in der Zürcher Bahnhofstraße stattfand. Die Protagonisten: Eine namentlich nicht bekannte Verkäuferin und die wohl berühmteste Talkmasterin der Welt, Oprah Winfrey. Der Vorwurf: Rassistisches Verhalten. Die Folge: Ein Imageschaden nicht nur für die Boutique, sondern auch für die Stadt und wenn man so will, für die ganze Schweiz.

Die Kombination von Schweiz und Rassismus findet sich derzeit häufiger in Schlagzeilen, der Umgang mit Asylbewerbern im Schweizer Ort Bremgarten wird international heftig kritisiert. Der Boutiquebesuch von Oprah Winfrey ist eine vergleichsweise belanglose Sache, würde er nicht vielerorts in Kombination mit Bremgarten als aktueller Beleg genommen, wie verbreitet Rassismus in der Schweiz sei.

Zum Kundengespräch: Winfrey war zur Hochzeit von Tina Turner geladen, deshalb war sie in der Stadt. Sie steuerte die Boutique an, soweit, so unstrittig. Was dann geschah, schilderte Winfrey in zwei Interviews: Sie habe sich eine Tasche näher ansehen wollen, doch die Verkäuferin habe sich geweigert, diese aus dem Regal zu holen. Die Begründung: Dieses Stück könne Winfrey sich nicht leisten, es sei zu teuer. Stattdessen habe man ihr kleinere, günstigere Taschen gezeigt.

Sie habe zweimal nachgefragt, die gewünschte Tasche aber nicht bekommen. Daraufhin habe sie den Laden verlassen, ohne zu protestieren. Diese Erfahrung zeige, dass Rassismus weiter ein Problem sei.

"Ich habe niemandem etwas zuleide getan"

"Zürich war unfreundlich zu Oprah Winfrey" titelte der "Tagesanzeiger", die Schweizer Tourismusorganisation entschuldigte sich bei Winfrey und schrieb auf Twitter über die Verkäuferin: "Wir sind wütend - diese Person hat sich schrecklich falsch verhalten."

Hat sie? Die Boutiquebesitzerin Trudie Götz, Freundin von Tina Turner und ebenfalls zu Gast auf deren Hochzeit, hat sich zwar für den Vorfall entschuldigt, die entscheidenden Details stellte sie aber in Frage: "Es war ein Missverständnis zwischen ihr und Oprah", sagte sie der Boulevardzeitung "Blick".

Was genau da von wem missverstanden wurde, blieb unklar. Nun hat sich die Verkäuferin selbst zu Wort gemeldet. In einem Interview mit dem Schweizer Blatt "Sonntagsblick" wehrt sie sich gegen die Anschuldigungen: "Ich habe niemandem etwas zuleide getan."

Die Verkäuferin wollte ihren Namen nicht veröffentlicht wissen, sie habe Angst "vor den Reaktionen der Leute", sie wolle "nicht auf der Straße angegangen werden". Auf die Frage, wie es ihr gehe, sagte sie: "Es ist Horror, was da passiert."

Das Kundengespräch in ihrer Version: Oprah sei in Begleitung eines Mannes in die Boutique gekommen und habe sich nach der Damenabteilung erkundigt. "Sie sagte, sie sei noch nie in einem solchen Laden in der Schweiz gewesen, und hat sich umgeschaut."

Sie habe ihr im oberen Stock eine Jennifer-Aniston-Tasche gezeigt. "Ich erklärte ihr, dass es diese Taschen in verschiedenen Größen und Materialien gibt, so wie ich das immer tue." Winfrey habe auf ein Gestell geschaut, auf dem sich eine 35.000 Franken teure Tasche befunden habe. "Ich sagte ihr, dass es dieselbe Tasche sei wie die, die ich gerade in der Hand hielt. Nur dass sie viel teurer sei. Ich könne ihr gerne noch andere Taschen zeigen."

Tasche mit eigenem Twitter-Kanal

Viel mehr war nach Darstellung der Verkäuferin nicht gewesen. Sie habe Winfrey gefragt, ob sie die anvisierte Tasche genauer ansehen wolle. Winfrey habe aber nichts mehr gesagt. "Sie waren nicht einmal fünf Minuten bei uns im Geschäft." Sie habe nicht gewusst, wer da vor ihr steht.

Oprah ging, die Verkäuferin hatte noch alle Taschen im Schrank.

Ein Kommunikationsproblem räumte sie ein: "Mein Englisch ist okay, aber nicht ausgezeichnet. Leider." Also tatsächlich nur ein Missverständnis?

Sollte Winfrey nun nicht bekanntgeben, dass ihr das Gedächtnis einen Streich gespielt hat, wird der Fall wohl ungelöst bleiben. In Vergessenheit geraten wird er dennoch nicht so schnell: Auf Twitter hat die Tasche bereits einen eigenen Kanal ("Ich bin eine Handtasche mit einem total verrückten Preis. Oprah Winfrey wollte mich kaufen") und unter dem Hashtag #täschligate diskutieren Nutzer über den Fall und seine Folgen.

Winfrey kommt dort inzwischen nicht mehr so gut weg, was weniger mit dem Kundengespräch zu tun hat, als mit dem Objekt ihrer Begierde: Die Tasche war offenbar aus Krokodilleder gefertigt. Und Winfrey war 2008 von der Tierschutzorganisation Peta zur "Person des Jahres" gekürt worden. Weil sie auf die Rechte der Tiere aufmerksam mache. Aber vielleicht war das auch ein Missverständnis.

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