Ratzinger-Schüler im Interview "Der Papst lebt immer von gefilterter Luft"

Papst Benedikt XVI.: "Die Kirche tut sich da sehr schwer"
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Papst Benedikt XVI.: "Die Kirche tut sich da sehr schwer"

2. Teil: "Jeder Machthaber lebt natürlich in einer Sonderwelt"


SPIEGEL ONLINE: Viele Katholiken bewegen die Themen Ökumene, Zölibat und Sexualmoral. Wie wichtig ist dem Papst die Meinung der Basis?

Beinert: Ich weiß, dass Benedikt sehr wohl über diese Dinge intensiv nachdenkt. Wie weit er selber noch Änderungen anstoßen wird, da bin ich eher skeptisch. Er hat eine im Wesentlichen konservative Persönlichkeitsstruktur. Er wird also versuchen, die Dinge zu bewahren, so lange es geht. Er ist um Gottes Willen kein Fundamentalist. Aber er wird sehr vorsichtig vorgehen, das liegt in seinem Wesen.

SPIEGEL ONLINE: Gegenüber der Pius-Bruderschaft zeigt sich Benedikt durchaus offen. Ist er ein Papst für die Konservativen?

Beinert: Die Geschichte mit der Pius-Bruderschaft - das weiß ich von persönlichen Gesprächen - raubt ihm den Schlaf. Die ist für ihn eine ganz schlimme Sache. Denn es ist Kern seines Amtes, die Einheit der Kirche zu wahren. Ich glaube, dass es ihm ein Herzensanliegen ist, die bisher einzige Gruppe, die sich durch die Beschlüsse des Zweiten Vatikantischen Konzils aus der Kirche weitgehend entfernt hat, nun wieder mit der Kirche zu versöhnen. Aber ich glaube nicht, dass er nun bereit ist, jeden Preis zu bezahlen, um mit den Pius-Brüdern wieder in Frieden zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Die Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Richard Williamson hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Hat die Kirche damit nicht schon einen hohen Preis bezahlt?

Beinert: Ich glaube, das große Problem in Benedikts Pontifikat sind die Pius-Brüder. Wenn ich etwas haben will, muss ich mich immer fragen, ob der Preis angemessen ist. Um es einmal volkswirtschaftlich zu sagen: Der Papst hat möglicherweise das Preis-Leistungs-Verhältnis in der Pius-Brüder-Geschichte nicht richtig eingeschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das auch daran, dass er im Vatikan auf einem eigenen Planeten lebt und sein Umfeld Kritiker nicht an ihn heranlässt?

Beinert: Das dürfte der Fall sein und ist menschlich verständlich. Jeder Machthaber lebt natürlich in einer Sonderwelt. Nun hat sicher ein Staatsoberhaupt in einem modernen demokratischen Staat wesentlich weniger Möglichkeiten, sich total abzuschotten, als ein Papst. Und bei Audienzen begegnen Benedikt meist Menschen, die ihm zugeneigt sind. Auch Post und Anfragen kann er nicht allein bewältigen. Das heißt, er lebt immer von gefilterter Luft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich beim Papst habilitiert und kennen ihn schon lange. Hat er sich verändert in seinem Amt?

Beinert: Ratzinger war früher ein sehr distanzierter, fast verschlossener Mann, der kaum auf andere offen zugegangen ist. Da hat er sich nun wirklich gewandelt. Mit ausgestreckten Armen geht er auf die Leute zu, und das entspricht auch diesem neuen Wesen. Ich habe Gelegenheit, ihn jedes Jahr anlässlich des Schülerkreistreffens im Sommer zu sehen. Und da erlebe ich ihn als erstaunlich in sich ruhenden und im Großen und Ganzen glücklichen Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie denn bei den Schülerkreistreffen auch kritische Fragen der katholischen Basis an ihn heran?

Beinert: Nein. Diese Schülerkreistreffen sind Treffen eines Professors mit seinen Schülern. Und da werden wissenschaftliche Themen nach der Art und Weise eines Universitätsseminars behandelt. Für andere Themen ist da kein Raum. Beim nächsten Treffen werden wir aber auf Wunsch der Schüler das Thema Konzil behandeln. Und da kann man natürlich voraussehen, dass da angesichts der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils sehr brisante Fragen zur Sprache kommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Er nimmt dann also auch Kritik von seinen Schülern an?

Beinert: Ich kenne auf wissenschaftlicher Ebene wenige Leute, die so diskussions- und dialogbereit sind wie er. Das kann man bei diesen Diskussionen im Schülerkreis sehen. Die allerdings, das muss man schon sagen, nicht über kirchenpolitische Themen kreisen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, er trennt dann zwischen seinen Rollen als Papst und Wissenschaftler?

Beinert: Es macht ihn glücklich, wenn er als Professor auftreten kann. Es ist für ihn sehr wichtig, einmal im Jahr seiner Erstberufung als Wissenschaftler folgen zu können und die Bürde der Kirchenleitung wenigstens kurz beiseitelegen zu dürfen.

Das Interview führte Maria Marquart

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Seite 1
Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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