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07. April 2010, 12:30 Uhr

Ratzinger-Schüler im Interview

"Der Papst lebt immer von gefilterter Luft"

Fünf Jahre nach dem Amtsantritt von Papst Benedikt XVI. steckt die katholische Kirche in einer tiefen Krise. Der ehemalige Ratzinger-Schüler Wolfgang Beinert erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wo der Pontifex Fehler macht - und weshalb ihn Kritik kaum erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Beinert, laut einer Umfrage bewertet nur noch ein Drittel aller Deutschen die Arbeit von Papst Benedikt als gut. Selbst 45 Prozent der Katholiken geben ihm eine schlechte Note. Sehen Sie den Pontifex in der Lage, diese Krise der katholischen Kirche zu meistern?

Wolfgang Beinert: Die Kirche ist in einer sehr schweren Krise, wie sie sie schon seit längerem nicht mehr hat durchmachen müssen. Ich denke aber schon, dass sie das - auch unter Leitung des Papstes - meistern wird. Allerdings muss man auch sagen: Die Kirche tut sich da sehr schwer. Bisher hat sie es für selbstverständlich gehalten, dass sie innerkirchliche Probleme selbst löst. Aber der Missbrauch von Kindern ist eben nicht nur ein kirchliches Problem, sondern ergreift alle Kreise.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie denn - gerade im Missbrauchskandal - eine Bereitschaft der Kirche, wirklich Hilfe von außen zuzulassen?

Beinert: Es mehren sich auch bei den Bischöfen die Rufe nach einer neutralen Instanz. Das ist ein großer Wandel in der Kirche, solches Umdenken von jahrhundertelangen Verhaltens- und Vorstellungsmustern zu neuen Weltsichten, das braucht seine Zeit. Ich denke aber, dass man nach einiger Zeit begreifen wird, dass hier offenere Verhaltensweisen notwendig sind.

SPIEGEL ONLINE: Der Papst hat sich zwar zum Missbrauchskandal in Irland geäußert, zu Deutschland direkt aber nicht. Stößt er damit nicht die Menschen vor den Kopf?

Beinert: Man muss auch auf die Persönlichkeit des Papstes schauen. Als Wissenschaftler und sehr scharf nachdenkender Mann neigt Benedikt sicher nie zu Schnellschüssen. Das kann natürlich von Seiten der Öffentlichkeit als Zögern oder als unangemessen angesehen werden. Aber ich glaube, man muss jedem sein Recht lassen, auf seine Weise zu reagieren. Was den Hirtenbrief an die Iren angeht: Ich habe das nicht so empfunden, dass man sagen kann, wir Deutschen sind davon überhaupt nicht betroffen. Der Papst hat Missbrauch ja grundsätzlich angeprangert.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch haben viele Menschen das Vertrauen in die Kirche verloren. Gerade im Zuge der Missbrauchsvorwürfe traten viele Katholiken aus. Stellt man sich in Rom dieser Entwicklung?

Beinert: Da kann man sicher Defizite feststellen. Es gibt da ein Denken des Gesundschrumpfens, nach dem Motto: Das waren ohnehin keine eifrigen Mitglieder unserer Gemeinschaft. Da müsste man in Rom umdenken. Aber wir dürfen nicht nur die deutsche Perspektive sehen. In Afrika und Asien treten viele Menschen ein. Die Kirche aufs Ganze gesehen wächst laut den statistischen Jahrbüchern.

SPIEGEL ONLINE: Als Benedikt vor fünf Jahren gewählt wurde, sagten Sie über ihn: "Wer brillant denken kann, der kann auch brillant umdenken." Sehen Sie denn Kursänderungen in wichtigen Punkten?

Beinert: Wer brillant denken kann, kann auch brillant umdenken. Er muss es aber nicht. Selbstverständlich hat der Papst Kursänderungen vorgenommen - aber eben nicht in die Richtung, die die meisten erwartet haben. Er ist schließlich von Kardinälen gewählt worden, die ein Fortdauern des Kurses von Johannes Paul II. erwartet haben. Benedikt ist nicht gewählt worden, um das Steuer des Kirchenschiffs herumzureißen.

"Jeder Machthaber lebt natürlich in einer Sonderwelt"

SPIEGEL ONLINE: Viele Katholiken bewegen die Themen Ökumene, Zölibat und Sexualmoral. Wie wichtig ist dem Papst die Meinung der Basis?

Beinert: Ich weiß, dass Benedikt sehr wohl über diese Dinge intensiv nachdenkt. Wie weit er selber noch Änderungen anstoßen wird, da bin ich eher skeptisch. Er hat eine im Wesentlichen konservative Persönlichkeitsstruktur. Er wird also versuchen, die Dinge zu bewahren, so lange es geht. Er ist um Gottes Willen kein Fundamentalist. Aber er wird sehr vorsichtig vorgehen, das liegt in seinem Wesen.

SPIEGEL ONLINE: Gegenüber der Pius-Bruderschaft zeigt sich Benedikt durchaus offen. Ist er ein Papst für die Konservativen?

Beinert: Die Geschichte mit der Pius-Bruderschaft - das weiß ich von persönlichen Gesprächen - raubt ihm den Schlaf. Die ist für ihn eine ganz schlimme Sache. Denn es ist Kern seines Amtes, die Einheit der Kirche zu wahren. Ich glaube, dass es ihm ein Herzensanliegen ist, die bisher einzige Gruppe, die sich durch die Beschlüsse des Zweiten Vatikantischen Konzils aus der Kirche weitgehend entfernt hat, nun wieder mit der Kirche zu versöhnen. Aber ich glaube nicht, dass er nun bereit ist, jeden Preis zu bezahlen, um mit den Pius-Brüdern wieder in Frieden zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Die Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Richard Williamson hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Hat die Kirche damit nicht schon einen hohen Preis bezahlt?

Beinert: Ich glaube, das große Problem in Benedikts Pontifikat sind die Pius-Brüder. Wenn ich etwas haben will, muss ich mich immer fragen, ob der Preis angemessen ist. Um es einmal volkswirtschaftlich zu sagen: Der Papst hat möglicherweise das Preis-Leistungs-Verhältnis in der Pius-Brüder-Geschichte nicht richtig eingeschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das auch daran, dass er im Vatikan auf einem eigenen Planeten lebt und sein Umfeld Kritiker nicht an ihn heranlässt?

Beinert: Das dürfte der Fall sein und ist menschlich verständlich. Jeder Machthaber lebt natürlich in einer Sonderwelt. Nun hat sicher ein Staatsoberhaupt in einem modernen demokratischen Staat wesentlich weniger Möglichkeiten, sich total abzuschotten, als ein Papst. Und bei Audienzen begegnen Benedikt meist Menschen, die ihm zugeneigt sind. Auch Post und Anfragen kann er nicht allein bewältigen. Das heißt, er lebt immer von gefilterter Luft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich beim Papst habilitiert und kennen ihn schon lange. Hat er sich verändert in seinem Amt?

Beinert: Ratzinger war früher ein sehr distanzierter, fast verschlossener Mann, der kaum auf andere offen zugegangen ist. Da hat er sich nun wirklich gewandelt. Mit ausgestreckten Armen geht er auf die Leute zu, und das entspricht auch diesem neuen Wesen. Ich habe Gelegenheit, ihn jedes Jahr anlässlich des Schülerkreistreffens im Sommer zu sehen. Und da erlebe ich ihn als erstaunlich in sich ruhenden und im Großen und Ganzen glücklichen Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie denn bei den Schülerkreistreffen auch kritische Fragen der katholischen Basis an ihn heran?

Beinert: Nein. Diese Schülerkreistreffen sind Treffen eines Professors mit seinen Schülern. Und da werden wissenschaftliche Themen nach der Art und Weise eines Universitätsseminars behandelt. Für andere Themen ist da kein Raum. Beim nächsten Treffen werden wir aber auf Wunsch der Schüler das Thema Konzil behandeln. Und da kann man natürlich voraussehen, dass da angesichts der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils sehr brisante Fragen zur Sprache kommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Er nimmt dann also auch Kritik von seinen Schülern an?

Beinert: Ich kenne auf wissenschaftlicher Ebene wenige Leute, die so diskussions- und dialogbereit sind wie er. Das kann man bei diesen Diskussionen im Schülerkreis sehen. Die allerdings, das muss man schon sagen, nicht über kirchenpolitische Themen kreisen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, er trennt dann zwischen seinen Rollen als Papst und Wissenschaftler?

Beinert: Es macht ihn glücklich, wenn er als Professor auftreten kann. Es ist für ihn sehr wichtig, einmal im Jahr seiner Erstberufung als Wissenschaftler folgen zu können und die Bürde der Kirchenleitung wenigstens kurz beiseitelegen zu dürfen.

Das Interview führte Maria Marquart

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