Ratzinger-Schüler im Interview "Der Papst lebt immer von gefilterter Luft"

Fünf Jahre nach dem Amtsantritt von Papst Benedikt XVI. steckt die katholische Kirche in einer tiefen Krise. Der ehemalige Ratzinger-Schüler Wolfgang Beinert erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wo der Pontifex Fehler macht - und weshalb ihn Kritik kaum erreicht.

Papst Benedikt XVI.: "Die Kirche tut sich da sehr schwer"
dpa

Papst Benedikt XVI.: "Die Kirche tut sich da sehr schwer"


SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Beinert, laut einer Umfrage bewertet nur noch ein Drittel aller Deutschen die Arbeit von Papst Benedikt als gut. Selbst 45 Prozent der Katholiken geben ihm eine schlechte Note. Sehen Sie den Pontifex in der Lage, diese Krise der katholischen Kirche zu meistern?

Wolfgang Beinert: Die Kirche ist in einer sehr schweren Krise, wie sie sie schon seit längerem nicht mehr hat durchmachen müssen. Ich denke aber schon, dass sie das - auch unter Leitung des Papstes - meistern wird. Allerdings muss man auch sagen: Die Kirche tut sich da sehr schwer. Bisher hat sie es für selbstverständlich gehalten, dass sie innerkirchliche Probleme selbst löst. Aber der Missbrauch von Kindern ist eben nicht nur ein kirchliches Problem, sondern ergreift alle Kreise.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie denn - gerade im Missbrauchskandal - eine Bereitschaft der Kirche, wirklich Hilfe von außen zuzulassen?

Beinert: Es mehren sich auch bei den Bischöfen die Rufe nach einer neutralen Instanz. Das ist ein großer Wandel in der Kirche, solches Umdenken von jahrhundertelangen Verhaltens- und Vorstellungsmustern zu neuen Weltsichten, das braucht seine Zeit. Ich denke aber, dass man nach einiger Zeit begreifen wird, dass hier offenere Verhaltensweisen notwendig sind.

SPIEGEL ONLINE: Der Papst hat sich zwar zum Missbrauchskandal in Irland geäußert, zu Deutschland direkt aber nicht. Stößt er damit nicht die Menschen vor den Kopf?

Beinert: Man muss auch auf die Persönlichkeit des Papstes schauen. Als Wissenschaftler und sehr scharf nachdenkender Mann neigt Benedikt sicher nie zu Schnellschüssen. Das kann natürlich von Seiten der Öffentlichkeit als Zögern oder als unangemessen angesehen werden. Aber ich glaube, man muss jedem sein Recht lassen, auf seine Weise zu reagieren. Was den Hirtenbrief an die Iren angeht: Ich habe das nicht so empfunden, dass man sagen kann, wir Deutschen sind davon überhaupt nicht betroffen. Der Papst hat Missbrauch ja grundsätzlich angeprangert.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch haben viele Menschen das Vertrauen in die Kirche verloren. Gerade im Zuge der Missbrauchsvorwürfe traten viele Katholiken aus. Stellt man sich in Rom dieser Entwicklung?

Beinert: Da kann man sicher Defizite feststellen. Es gibt da ein Denken des Gesundschrumpfens, nach dem Motto: Das waren ohnehin keine eifrigen Mitglieder unserer Gemeinschaft. Da müsste man in Rom umdenken. Aber wir dürfen nicht nur die deutsche Perspektive sehen. In Afrika und Asien treten viele Menschen ein. Die Kirche aufs Ganze gesehen wächst laut den statistischen Jahrbüchern.

SPIEGEL ONLINE: Als Benedikt vor fünf Jahren gewählt wurde, sagten Sie über ihn: "Wer brillant denken kann, der kann auch brillant umdenken." Sehen Sie denn Kursänderungen in wichtigen Punkten?

Beinert: Wer brillant denken kann, kann auch brillant umdenken. Er muss es aber nicht. Selbstverständlich hat der Papst Kursänderungen vorgenommen - aber eben nicht in die Richtung, die die meisten erwartet haben. Er ist schließlich von Kardinälen gewählt worden, die ein Fortdauern des Kurses von Johannes Paul II. erwartet haben. Benedikt ist nicht gewählt worden, um das Steuer des Kirchenschiffs herumzureißen.

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Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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