Gewalt von rechts Im Angstland

Ein Sprengsatz im Briefkasten, eine Hasskampagne im Internet, ein Angriff im Schnellimbiss: Viele Menschen leiden unter Anfeindungen von Rechten, oft bleibt die Empörung aus. Hier erzählen Betroffene ihre Geschichten.

Rechte Demonstration in Chemnitz
Ralf Hirschberger/DPA

Rechte Demonstration in Chemnitz

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Im Leben von Adriana und Benjamin Wolf gibt es zwei Probleme: Einerseits die Sorge um ihr Bestattungsinstitut, ihren Ruf, ihre Sicherheit - und andererseits die Frage, wer auf Flyern gegen sie hetzt. Beide Probleme hängen eng miteinander zusammen, und zwar seit dem 7. August um 21.37 Uhr.

Auf Google bewertet an diesem Abend ein Nutzer namens Suki Suspectify ein Bestattungshaus im sächsischen Ottendorf-Okrilla. "Diese Leute verteilen Flyer", heißt es in dem kurzen Beitrag, "in denen sie rassistisch gegen Deutsche, alte Männer und die Polizei hetzen."

Erst einen Tag später beginnt Benjamin Wolf zu verstehen, worum es geht. Wolf ist Inhaber des Bestattungshauses Muschter, ihn ruft am Nachmittag des 8. August eine Frau aus dem Nachbarort Pulsnitz an. Sie ist empört, so erzählt er es, beschwert sich über geschmacklose Werbezettel in ihrem Briefkasten. Und das sei erst der Anfang gewesen, sagt Wolf heute: "Wenig später klingelte hier in einer Tour das Telefon."

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Tags zuvor hatten Unbekannte in Pulsnitz Flyer verteilt, die das Bestattungshaus Muschter bewerben - allerdings nur auf den ersten Blick. Oben steht: "Gern erledigen wir für Sie die Beerdigung Ihrer Verstorbenen." Unten steht: "Noch lieber tragen wir Deutschland zu Grabe!"

Die Wolfs sind mutmaßlich keine Zufallsopfer: Seit Jahren engagieren sich die beiden gegen Rechtsextremismus, unter anderem auf Demos gegen das Anti-Islam-Bündnis Pegida in Dresden. Dort entstanden wohl auch einige der Fotos der beiden, die auf den Flyern aufgedruckt sind. Wer die Zettel im Format A5 produziert und verteilt hat, ist unklar. Inzwischen ermittelt der Staatsschutz der Kriminalpolizei in Görlitz, zuständig für politisch motivierte Kriminalität, gegen unbekannt - wegen Verleumdung, übler Nachrede, Beleidigung.

An einem sonnigen Novembertag sitzen die Wolfs auf einer Couch in ihrem Bestattungsinstitut. Die Flyer, sagt der 30-Jährige, seien erst im 15 Kilometer entfernten Pulsnitz aufgetaucht, dann auch in Ottendorf-Okrilla, zuletzt nur drei Straßen entfernt vom Bestattungsinstitut.

Die Wolfs auf dem Friedhof in Ottendorf-Okrilla
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Die Wolfs auf dem Friedhof in Ottendorf-Okrilla

Die Sache hat sich rasch herumgesprochen, sagt Benjamin Wolf. Dass es merkwürdige Werbeflyer für Wolfs Betrieb gibt. Dass es sich mutmaßlich um eine Rufmordkampagne von Rechten handelt, offenbar nicht.

Viele empörte Anrufer hätten zunächst nicht geglaubt, dass die Zettel Fälschungen seien, sagt Benjamin Wolf. "Die Flyer waren schon ziemlich clever gemacht." Und die Zettel, offenbar ausgedruckt auf einem handelsüblichen Tintenstrahldrucker, fanden weiter Verbreitung - laut Wolf nicht nur in Papierform: Auf Facebook teilten demzufolge eine Bürgerinitiative, mehrere NPD-Stadträte und andere rechte Gruppen Fotos der Flyer.

In Ottendorf-Okrilla ist der Rechtsruck kein verschwurbeltes Feuilleton-Thema, sondern ein reales Problem. Noch in der Nacht, in der er von den Flyern erfuhr, ging Benjamin Wolf zur Polizei - doch die tut sich mit den Ermittlungen schwer. Es lägen "nur wenige wirklich zielführende Ermittlungsansätze" vor, sagt Behördensprecher Thomas Knaup. Es hätten sich nur wenige Zeugen bei der Polizei gemeldet.

Ein Zeuge habe einen mutmaßlichen Flyer-Austräger beschrieben als "Mann mit dunklem T-Shirt, Fleece-Jacke, Brille und Bart" - darüber hinaus gibt es aber offenbar keine Spur. Die Beschreibung könnte auf viele Männer zutreffen, sogar auf Benjamin Wolf selbst. Die Polizei geht nach eigenen Angaben freilich nicht davon aus, dass die Wolfs eine Rufmordkampagne gegen sich selbst angezettelt haben. Es seien auch keine vergleichbaren Fälle aus der Region bekannt, sagt Polizeisprecher Knaup.

Eine Aufklärung des Falls ist unwahrscheinlich, und die Wolfs sind verunsichert, verängstigt. Nach dem Auftauchen der Flyer, sagt Benjamin Wolf, habe er über Sicherheitsvorkehrungen nachgedacht, über Videokameras am Bestattungshaus und Pfefferspray in der eigenen Wohnung. Er entschied sich gegen beides - und für eine Gegenoffensive.

Er machte einen Aushang an seinem Laden in Ottendorf-Okrilla, auf dem er sich von den Zetteln distanzierte. Wenig später schaltete er eine Anzeige im Amtsblatt, um das Gerede kleinzukriegen. Dass ihm das gelingt, dürfte aber eher unwahrscheinlich sein - Gerüchte haben eine beachtliche Haltbarkeit.

Anzeige im Amtsblatt Ottendorf-Okrilla (Screenshot)
Amtsblatt Ottendorf-Okrilla

Anzeige im Amtsblatt Ottendorf-Okrilla (Screenshot)

Die Geschichte der Wolfs ist eine von vielen über Menschen, die betroffen sind von rechter Einschüchterung, Gewalt, Panikmache. Es sind Geschichten aus dem Alltag von Kellnern, Bürgermeistern, Künstlern und Schülern. Sie handeln von Angst und Aggression, Engstirnigkeit und Elan, Gewalt und Gelassenheit.

Mögen diese Geschichten auch nicht repräsentativ sein, so zeigen sie doch: Der Rechtsruck hat sehr konkrete Auswirkungen. An vielen Orten der Republik ist er spürbar, aber oft gibt es keine kreativen Solidaritätsaktionen, keine Onlinepetitionen, keine Massenproteste. Sondern gar nichts.

In den Dorfkneipen und Amtsstuben aber sind die Folgen mitunter dramatisch - auch dann, wenn niemand verletzt oder getötet wird: Lokalpolitiker treten aus Angst zurück oder ziehen fort, andere Betroffene verbergen ihre Angst oder ziehen sich ins Privatleben zurück. Drohungen und Einschüchterungsversuche wirken wie ein unsichtbares Gift, das in die Gesellschaft einsickert.

Die Wolfs suchen noch nach dem richtigen Umgang mit der Situation. Unklar ist dem Ehepaar zufolge, ob die Flyer dem Geschäft schaden - Schwankungen seien in der Branche normal. Vielleicht habe die Sache aber ja auch etwas Gutes, sagt Adriana Wolf: "Jetzt ist halt klar, wer wir sind und wofür wir stehen. Anders wäre demokratischer Dialog ja eh nicht möglich."

Die Idee vom demokratischen Dialog stößt jedoch an Grenzen, zum Beispiel an Montagabenden im nahen Dresden, wo die Wolfs nach wie vor regelmäßig für Menschenwürde und Toleranz demonstrieren. "Unsere größte Sorge war, dass diese Flyer bald hundertfach auf Pegida-Demos verteilt werden", sagt Benjamin Wolf.

So weit kam es bislang offenbar nicht. Die Wolfs sind nun allerdings in der Szene bekannt. Bei einer Demo in Dresden hätten Pegida-Anhänger seinen Namen und Sprüche wie "Geh sterben!" gerufen, sagt Benjamin Wolf. In Chemnitz hätten mutmaßliche Rechtsextreme ihn angesprochen, woraufhin er sich ahnungslos gestellt habe: Sie würden ihn offenbar verwechseln. "Da hatte ich zum ersten Mal richtig Angst", sagt Wolf, "echte Panik."

Seine Frau erzählt von ähnlichen Gefühlen: "Wenn ich abends spät nach Hause gehe, schleiche ich mich hinten am Haus entlang und nehme nicht den normalen Weg." Wirkt das Gift der Einschüchterung? Adriana Wolf wiegt den Kopf. "Angst darf man haben", sagt die 43-Jährige, "aber ich will aktiv dagegenhalten."

Bleibt nur die Frage, wie das bei unsichtbaren Widersachern funktionieren soll.

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