Fotograf unter US-Rechtsextremen "Sie wollen einen Nazi-Präsidenten"

Die Gewalt in Charlottesville hat gezeigt, wie gefährlich US-Nazigruppen sind. Der Fotograf Johnny Milano begleitet sie seit Jahren. Seine Bilder geben Einblick in eine verstörende Parallelwelt.

Johnny Milano

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Milano, Sie fotografieren seit fünf Jahren Rassisten, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, Nazis in den USA. Was reizt Sie an dem Thema?

Milano: Ich hatte vorher nicht wirklich verstanden, wie diese Organisationen funktionieren. Wie die meisten Menschen kannte ich nur ihr öffentliches Gesicht. Ich wusste nicht, was diese Leute machen, wenn sie gerade keine Kreuze anzünden. Jetzt weiß ich, dass sie dann eben in die Kirche gehen oder arbeiten oder jagen. Über die Zeit wurde mein Zugang zu den Gruppen besser. Ich war bei Grenzkontrollen, Hochzeiten und der Einführung neuer Mitglieder dabei. Es wurde immer mehr. Und ich wollte all diese Gruppen abbilden. Die kleinen und die großen.

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Brennendes Hakenkreuz: Unterwegs mit dem Ku-Klux-Clan

SPIEGEL ONLINE: In den USA werden Rechtsextreme unter dem Begriff "White Supremacists" zusammengefasst. Was sind Ihnen für Gruppen begegnet?

Milano: Die zwei Hauptgruppen sind die Neonazis und der Ku-Klux-Klan (KKK), die sich sehr unterscheiden. Die Neonazis sind Nationalsozialisten mit einer Ideologie, die aus Deutschland in die USA importiert wurde. Das ist grundsätzlich keine religiöse Vereinigung. Sie sind sehr militärisch strukturiert, mit Rängen, Uniformen und einer sehr klaren Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Und wie unterscheidet sich der Ku-Klux-Klan davon?

Milano: Der KKK ist ein Eigengewächs der USA und sehr religiös. Die Familie spielt hier eine große Rolle. Wenn der Großvater ein Klansmann war, ist der Vater ein Klansmann und der Sohn auch. Die Nazis sind deutlich politischer. Sie machen Pläne für die Wirtschaft und eine eigene Regierung. Sie haben Leute, die auf staatlicher und lokaler Ebene für Ämter kandidieren: für die Schulvertretung, das Sheriff-Amt oder als Kongressabgeordneter. Sie wollen einen Nazi-Präsidenten.

Wache auf dem Hotelflur
Johnny Milano

Wache auf dem Hotelflur

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen Frauen in diesen Gruppen?

Milano: Es gibt bedeutend mehr Männer in ihren Rängen, aber bei den Neonazi-Gruppen übernehmen auch Frauen Positionen. Beim KKK habe ich keine Frauen in höheren Positionen kennengelernt.

SPIEGEL ONLINE: Woraus rekrutieren sich die Hassgruppen?

Milano: Bei den Nazis gibt es viele Mitglieder aus dem klassischen Arbeitermilieu. Der KKK hat viele Mitglieder aus ländlichen Regionen im Südwesten der USA, die oft Handwerker sind. Aber bei ihnen gibt es auch Polizisten und Politiker, Finanzberater und Postmitarbeiter.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben von Grenzkontrollen durch rassistische Gruppen gesprochen. Wie muss man sich die vorstellen?

Milano: Es gibt diesen Typen in Arizona, der südlich von Tucson lebt. Er bringt Mitglieder verschiedener Organisationen raus in die Wüste. Diese weißen Milizen campen dann dort für eine Woche. Ab und zu finden sie Drogenverstecke oder sehr selten Migranten. Meistens sammeln sie Müll auf.

SPIEGEL ONLINE: Und was passiert, wenn sie dort auf Flüchtlinge treffen?

Milano: Sie dürfen niemanden festhalten. Das wäre Kidnapping. Aber sie haben eine sehr einschüchternde Präsenz, sie sehen mit ihrer Tarnkleidung aus, als seien sie die Nationalgarde. Da rennt man nicht weg. Sie informieren dann die Grenzkontrolle, damit die Leute abgeholt werden - eine inoffizielle Zusammenarbeit also.

 Neonazis in Texas
Johnny Milano

Neonazis in Texas

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben diese Menschen wie eine paramilitärische Einheit. Fühlten Sie sich bei Ihrer Arbeit bedroht?

Milano: Der Anführer einer KKK-Gruppe, die an die bevorstehende Apokalypse glaubt, drohte mal, er schieße mir ins Gesicht, wenn ich ihn oder seine Leute fotografieren würde. Aber meist sind sie mir gegenüber relativ friedlich, ich fühle mich nicht bedroht. Ich fange auch keine Diskussionen über Hass und Rassismus mit ihnen an. Sie wissen, wo ich stehe. Als ich das Projekt begann, versuchten sie noch, mich zu rekrutieren. Das haben sie aber mittlerweile aufgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Sehen die Rassisten in Ihnen ein Werkzeug, das sie benutzen können, um ihre Botschaft zu verbreiten? Oder jemanden, der zeigt, wie sie wirklich sind?

Milano: Ich denke, wir sind uns im Klaren darüber, dass sie mich als Plattform nutzen. Es ist ein Balanceakt, dass das nicht in den Mittelpunkt meiner Arbeit gerät. Es muss auch einen gewissen Grad an Vertrauen geben. Es gibt Dinge, die ich nicht zeigen darf, wenn ich dieses Projekt weitermachen will. Die Gesichter ihrer Kinder zum Beispiel. Manchmal musste ich auch den Raum verlassen oder durfte an Treffen nicht teilnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich die klassischen rassistischen Organisationen im Laufe der Jahre in den USA verändert?

Milano: Sie sind nicht annähernd so stark, wie sie mal waren. Sie versuchen, diese alte Stärke wiederzuerlangen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Donald Trumps Wahlsieg etwas für die Gruppen verändert?

Milano: Sie hängen sich an ihn ran, aber das würde ich nicht nur an Trump festmachen. Es fing wohl mit 9/11 an, dass ihre Botschaft für die Öffentlichkeit schmackhafter wurde. Sie glauben schon, dass Trump die meisten ihrer Interessen verkörpert. Er ist für sie ein Schritt in die richtige Richtung.

SPIEGEL ONLINE: Ein interessanter Widerspruch: Die Mitglieder der alten Hassgruppen werden weniger, gleichzeitig sickert ihre Botschaft in den Mainstream durch.

Beschädigtes Autos einer Nazi-Gruppe
Johnny Milano

Beschädigtes Autos einer Nazi-Gruppe

Milano: Zu einem gewissen Teil wird der Hass gesellschaftsfähiger. Dass Neonazis immer noch wenige Menschen anziehen, liegt an ihrem dauernden Gebrauch des Hakenkreuzes. Das verschreckt viele Menschen. Wenn sie sich öffentlich zeigen, verzichten daher inzwischen viele Nazis auf das Zeichen, um Teil der großen Nationalisten-Bewegung zu werden, der "Alt Right" (mehr zu den Gruppen und ihrer schwierigen Unterscheidung lesen Sie hier und hier).

SPIEGEL ONLINE: Sind diese Gruppen nur eine laute Minderheit oder tatsächlich gefährlich für die Gesellschaft?

Milano: Sie sind eine Minderheit, aber eine mächtige. Die Spannungen in unserer Gesellschaft wären auch zutage getreten, wenn Trump verloren hätte.

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