Kampftraining für den "Tag X" Interesse an rechtsextremen Sportgruppen wächst

Mit Kampfsportgruppen verbessern Rechtsextreme ihre Einnahmen und ihre Schlagkraft. Besonders bei jungen Neonazis sind die Angebote beliebt. Sicherheitsbehörden sind alarmiert.
Ein Mann trägt eine Unterstützerjacke zum rechten Kampfsportevent "Kampf der Nibelungen": Auch mit Fanartikeln verdient die Szene Geld

Ein Mann trägt eine Unterstützerjacke zum rechten Kampfsportevent "Kampf der Nibelungen": Auch mit Fanartikeln verdient die Szene Geld

Foto: Thomas Frey / dpa

Von Januar bis August hat sich das Gemeinsame Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum von Bund und Ländern bereits 14-mal mit der rechtsextremen Kampfsportszene befasst. Fast zweimal im Monat waren entsprechende Trainingsgruppen und Wettkämpfe Thema der geheim tagenden Runde. Dabei war die Szene wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nur eingeschränkt handlungsfähig, größere Veranstaltungen waren gar nicht möglich.

Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hervorgeht, befassen sich die deutschen Sicherheitsbehörden seit 2018 immer häufiger mit dem Problem: Gab es 2018 noch elf Besprechungen zu dem Thema im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum-Rechts, waren es 2019 bereits 22 und damit doppelt so viele. "Insbesondere junge Rechtsextremisten interessieren sich zunehmend für gemeinsame sportliche Aktivitäten", stellt das Innenministerium fest. Beliebt seien neben Kampfsport auch Krafttraining und Bergsteigen.

Die Grünen erwarten angesichts dieser Erkenntnisse eine sportpolitische Antwort, um die Unterwanderung des Extremkampfsportes zu stoppen. Beliebt in der Szene sind etwa die "Mixed Martial Arts" und "Free Fights", brutale Ringkämpfe, bei denen fast alles erlaubt ist. "Uns muss klar sein, dass die extreme Rechte Kampfsport nicht als Selbstzweck betreibt", sagte Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Als Gegenmaßnahme schlägt sie Lizenzierungsverfahren für Sportstudios und Trainer vor.

Auch Verfassungsschützer warnen seit Langem vor einer gefährlichen Mischung aus Kampfsportlern, Neonazis und Hooligans. Die extreme Rechte agiere in diesem Bereich zunehmend professionell und auch international. Mit Veranstaltungen wie dem 2019 erstmals verbotenen "Kampf der Nibelungen" und Kampfschulen werde Nachwuchs rekrutiert und Geld beschafft. Letztlich solle die Szene trainiert werden für den "Endkampf der Kulturen" und den Umsturz am "Tag X", schreibt der Brandenburger Verfassungsschutz in seinem jüngsten Bericht . Auch der Bundesverfassungsschutz konstatiert in seinem Jahresbericht für 2019 ein "Erstarken der rechtsextremistischen Kampfsportszene".

Die Kompetenzgruppe Fankulturen und sportbezogene Soziale Arbeit sieht ebenfalls dringenden innen- und sportpolitischen Handlungsbedarf bis hin zu Verboten entsprechender Vereine, Events und Bekleidungslabels. Die Entwicklung und Vernetzung der extremen Rechten im Kampfsport sei "gefährlich und besorgniserregend ", heißt es in einer Analyse für den Bundestag.

Unterstützung durch Bundeswehrangehörige

Zu den Kampfsportgruppen im rechtsextremen Spektrum zählen laut Verfassungsschutz unter anderem "Baltik Korps" aus Rostock und "Knockout 51" aus Eisenach in Thüringen. Personelle Überschneidungen und Kontakte zwischen rechtsextremen Kampfsportlern und der Hooliganszene sehen die Verfassungsschützer beispielsweise in Dortmund, Cottbus und Chemnitz.

Nach Kenntnis der Bundesregierung haben in den vergangenen Jahren auch aktive Bundeswehrangehörige auf Facebook Likes zum "Kampf der Nibelungen" abgegeben und als Besucher an diesem größten rechtsextremen Kampfsportevent teilgenommen. "Die Anzahl der Kennverhältnisse liegt im knapp zweistelligen Bereich", schreibt das Innenministerium dazu. "Völlig inakzeptabel" für Lazar. Hier müssten dringend Konsequenzen gezogen werden.

Ende September hatte die Polizei in Magdeburg den diesjährigen "Kampf der Nibelungen" verboten und aufgelöst. Rund 90 angereiste Teilnehmer und Besucher aus zehn Ländern mussten das Veranstaltungsgelände verlassen. Rund 140 Beamte waren im Einsatz. Ein Boxring wurde sichergestellt. Nach dem Verbot im Vorjahr (wegen "Vorbereitung eines politischen Kampfes") und wohl auch aufgrund der Corona-Beschränkungen hatten die Veranstalter diesmal einen kleineren, öffentlich nicht angekündigten Wettbewerb geplant, der später online zu sehen sein sollte.

löw/dpa
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