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Gelebte Zivilcourage: Die Hass-Jägerin

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Rechtsextremismus Politputze gegen Nazidreck

Mit Nagellackentferner und Spachtel gegen Neonazis: Eine Berlinerin entfernt fremdenfeindliche Schmierereien von Hauswänden, Stromkästen, U-Bahn-Sitzen. Immer wieder wird sie deshalb von Passanten angezeigt - die Geschichte eines endlosen Kampfs.
Von Arne Orgassa

Berlin - Eine Kleinstadtidylle am nördlichen Rand von Berlin. Niedrige Häuser säumen die Straßen, alle mit akkurat gepflegten Vorgärten. Vereinzelt eilen Anwohner über die sauber gefegten Gehwege, Fremde werden kritisch beäugt.

Wer hier hinter den kleinen Zäunen wohnt, möchte unerkannt bleiben, seine Ruhe haben. Irmela Mensah-Schramm weiß das, aber es ficht sie nicht an.

Langsam läuft die 63-Jährige durch das Viertel, untersucht dabei Stromkästen und Straßenschilder. Vor ihrem Bauch baumelt eine Spiegelreflexkamera, in der Hand hält sie einen weißen Stoffbeutel. In großen roten und schwarzen Buchstaben hat sie darauf "Gegen Nazis" geschrieben.

Putzzwang der besonderen Art

An einem Laternenmast bleibt sie stehen, schüttelt verärgert den Kopf. Ein kleiner Sticker mit der Aufschrift "Gute Heimreise" klebt an dem Pfahl, darunter schließt sich ein Logo der NPD an. Reflexartig fährt sie mit ihrer Hand in die Tasche, zieht einen silbernen Schaber hervor. Sie drückt das Gerät fest gegen die Aluminiumstange und beginnt zu putzen.

Energisch fährt sie über das Papier, das dumpfe Kratzen hallt durch die Straße. "Hier in dieser betuchten Gegend hängt mehr Nazidreck als in jeder Berliner Plattenbausiedlung", sagt sie, während immer mehr Schnipsel zu Boden fallen, die der Wind in die feinen Vorgärten weht. Dann ist der Sticker weg - Mensah-Schramm lächelt zufrieden. Sie ist auf der Jagd.

Seit mehr als 20 Jahren zieht die Berliner Polit-Aktivistin gegen rechtsextreme Hass-Schmierereien zu Felde. Im Amtsdeutsch werden derartige Parolen oder Symbole "verfassungsfeindliche Kennzeichen" genannt. Sie bilden mit Abstand das Gros rechtsextremistischer Straftaten, die beim Bundesamt für Verfassungsschutz schlicht unter den Punkten "Propagandadelikte" und "Andere Straftaten, insbesondere Volksverhetzung" zusammengefasst werden.

Über 17.000 Schmierereien hat die Behörde für das Jahr 2008 gezählt. Doch Polizei und Justiz ermitteln gegen die Verursacher nur selten. So entgehen sie ihrer Strafe. Irmela Mensah-Schramm ist damit nicht einverstanden. Die Einzelgängerin straft Rechtsextremisten daher auf ihre Weise - durch Vernichtung der Parolen.

"Beschlossen, nicht mehr wegzusehen"

Angefangen hat ihre Mission im Sommer 1986. Direkt vor der Haustür. Im bürgerlichen Berlin-Wannsee klebte an einem Laternenpfahl der Aufkleber "Freiheit für Rudolf Hess". Mensah-Schramm war auf dem Weg zur Arbeit, als sie den Sticker sah. Mit Abscheu stand sie davor, wollte das Papier abreißen - doch ihr Bus wartete bereits. Die gelernte Heilpädagogin wollte nicht zu spät zur Arbeit kommen, ließ den Sticker hängen.

Den ganzen Tag lang dachte sie an nichts anderes. "Ich habe mich geärgert, dass ich den Aufkleber nicht abgekratzt habe", erinnert sie sich. Am Abend kehrte sie zurück, das Stück Papier hing immer noch da. Sie verstand nicht, warum die vielen Leute, die tagsüber an der Haltestelle standen, es nicht entfernt hatten, "da habe ich beschlossen, nicht mehr wegzusehen".

Seither sucht die "Polit-Putze der Nation", wie sie sich selber nennt, nach "Nazidreck". Bewaffnet mit Spachtel, Nagellackentferner, Lappen und Kamera schrubbt und schabt sich die Rentnerin mehrmals pro Woche durch Berliner Viertel wie Pankow und Lichtenberg, Treptow und Rudow - aber auch durch andere deutsche Städte.

Aus ihrem freiwilligem Engagement ist im Laufe der Jahre eine Manie geworden. Wo immer sie Nazi-Parolen findet, legt sie Hand an: in Unterführungen, an Hauswänden oder auf U-Bahn-Sitzen. Was sich nicht entfernen lässt, wird übermalt, bevorzugt mit brauner Farbe. "Ich bin immer im Einsatz. Da muss man dranbleiben, nicht nur sporadisch unterwegs sein."

Über 80.000 Aufkleber und Schmierereien hat Mensah-Schramm nach eigenen Angaben in den vergangenen 23 Jahren entfernt - rechtsextreme, schwulenfeindliche, antisemitische oder rassistische Parolen. Nach diesem Tag werden es 78 Sticker mehr sein.

"Sie sind abartig, Sie müssen doch auch andere Meinungen akzeptieren"

Mensah-Schramm steht mittlerweile auf Zehenspitzen vor einem Stoppschild. Sie reckt sich, zieht sich an der Stange noch ein Stück weiter nach oben. Sie flucht und prustet, ihre Finger erreichen den Aufkleber immer noch nicht. Dass neben ihr ein schwarzer Kleinwagen hält, bemerkt sie nicht. Verwundert beobachtet ein junger Mann am Steuer das Schauspiel.

Dann endlich bekommt Mensah-Schramm eine Ecke des Papiers zu fassen, reißt einen großen Teil herunter. Jetzt begreift auch der Fahrer und kurbelt die Fensterscheibe runter. "Das ist ja super, was Sie da machen! Wie gut, dass es Leute gibt, die nicht wegschauen", ruft er. Außer Atem nickt sie ihm zufrieden zu.

Doch solche Zustimmung erhält Mensah-Schramm nur selten.

Viele ihrer Freunde sind von ihrem Engagement genervt, haben sich bereits von ihr verabschiedet, wie sie sagt. Und ihr Mann finde die Arbeit zwar "in Ordnung", habe aber zu große Angst, selber mitzukommen. Deswegen bestreitet sie ihre Touren alleine - und wird dabei häufig bedroht.

"Sie sind abartig, Sie müssen doch auch andere Meinungen akzeptieren", sagte einmal eine Passantin zu ihr, ein anderer wollte sie lieber "in der Gaskammer" sehen. In Cottbus wollte ein Neonazi sie daran hindern, ein Hakenkreuz von einem Stromkasten zu beseitigen.

"Das bleibt dran", habe er gebrüllt. "Nein es kommt ab", habe sie mit ruhiger Stimme erwidert, während sie heftig mit Nagellackentferner und Lappen putzte. "Dann war es weg, und wir standen ganz allein auf dieser langen Straße", erinnert sie sich. "Der Jugendliche war außer sich vor Wut, kam bedrohlich auf mich zu." Sie sei ihm entgegengegangen und habe ihm fest in die Augen geschaut. "Was sollte ich auch anderes tun? Um Hilfe schreien? Da war ja niemand." Der Junge habe sich letztlich nicht getraut, sie anzugreifen, sei schimpfend davongelaufen.

Nur wenige Wochen später habe an einer Hauswand in Rudow "Zeckenoma, wir kriegen Dich" gestanden - "erst war ich schockiert, dann habe ich es einfach übermalt".

Engagement am Rande der Legalität

Mensah-Schramm nimmt einen großen Schluck Wasser aus ihrer Plastikflasche. Die Sonne steht tief, seit acht Stunden ist die Polit-Putze jetzt unterwegs. Erschöpft streicht sie sich ihre weiß-grauen Haare aus der Stirn. Doch die Pause ist nur von kurzer Dauer.

Sie eilt zu einem Kleidercontainer, der eingerahmt von Büschen in einer kleinen Parkanlage steht. Auf der Einschubklappe prangt ein schwarz-weißes Papier mit der Aufschrift "National befreite Zone". Wieder muss der Schaber herhalten. Nach ein paar Handgriffen ist der Sticker weg, aber auch Teile des Betreiberlogos sind zerstört.

"Beim Abkratzen von Parolen geht schon mal etwas kaputt. Glasscheiben bersten, Firmenlogos zerkratzen und die farbigen Flächen auf Häuserwänden gefallen auch nicht jedem", sagt sie und kann sich dabei ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Dass das als Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch gilt, ist ihr klar - regelmäßig wird sie auf ihren Touren von Passanten angezeigt.

Die Nazis hätten doch damit angefangen, verteidigt sich die Rentnerin dann. "Was beim Putzen kaputtgeht, kann man reparieren. Die verletzte Menschenwürde nicht." Das Argument wirkt - bisher wurden alle Verfahren und Ermittlungen gegen Mensah-Schramm wieder eingestellt.

Polit-Putze auf Lebenszeit

Auch die Auszeichnungen mit der Bundesverdienstmedaille 1994 und dem Erich-Kästner-Preis 2005 bewahren sie vor voreiligen Strafmaßnahmen. Ihre Arbeit wird vom Staat akzeptiert und geduldet, offiziell aber nicht unterstützt - das macht sie wütend.

300 Euro investiere sie pro Monat für Material und Fahrtkosten, sie spart sogar am Essen, um ihrer Lebensaufgabe nachgehen zu können.

Für ihre Wanderausstellung "Hass vernichtet" erhält sie ebenfalls keine Fördermittel. Seit Mitte der neunziger Jahre zeigt sie darin eine Auswahl an Parolen, die sie vor dem Wegputzen fotografiert hat. Dazu bietet sie antirassistische Workshops für Schüler an. Doch ohne Spenden und ihre Ersparnisse gäbe es das Projekt schon lange nicht mehr, sagt sie. "Einfach aufgeben" wolle sie aber nicht, "irgendwie klappt immer alles".

Als es an diesem Tag langsam dunkel wird und sich Mensah-Schramm auf den Heimweg macht, entdeckt sie noch einen letzten NPD-Aufkleber - dieser klebt an der Oberkante eines Vorfahrtsschilds. "Die Rechten hängen die manchmal extra so hoch, weil sie wissen, dass ich da nur schwer rankomme." Doch anstatt verärgert darüber zu sein, setzt sie wieder ihr verschmitztes Lächeln auf. "Morgen bringe ich einfach eine Verlängerung für den Schaber mit, der Sticker bleibt da nicht hängen", sagt Irmela Mensah-Schramm.

Die Jagd geht weiter.


Die Ausstellung "Hass vernichtet" ist im November in der Elisabethkirche in Marburg zu besichtigen.

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