Rechtsextremismus in Deutschland Herr Lange hilft Nazis. Und damit uns allen

Der Rechtsruck verändert die Republik - und die Arbeit von Menschen wie Felix Lange. Der Berater hilft Neonazis, die Szene zu verlassen. Ein Gespräch über sympathische Rassisten und die Ängste von Aussteigern.

Rechtsextremist auf NPD-Kundgebung (2003 in Erfurt)
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Rechtsextremist auf NPD-Kundgebung (2003 in Erfurt)

Ein Interview von


Zur Person
    Felix Lange, Jahrgang 1990, ist Ausstiegsberater beim Projekt NinA NRW in Recklinghausen. Der Sozialpädagoge arbeitet seit 2016 mit Menschen aus der rechtsextremen Szene. Er ist Mitglied des Vorstands in der Bundesarbeitsgemeinschaft "Ausstieg zum Einstieg", einem vom Familienministerium geförderten Bundesverband für die zivilgesellschaftliche Ausstiegsarbeit in den Bundesländern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lange, gibt es nette Nazis?

Lange: Natürlich, Nazis können ganz normale Menschen sein. Nazis sind nicht nur Nazis, sondern auch Mutter oder Vater, Bruder oder Schwester, Arbeitskollegin oder Arbeitskollege.

SPIEGEL ONLINE: ...mit verabscheuungswürdigem Weltbild.

Lange: Ich differenziere zwischen der politischen Haltung, die ich ablehne, und der Persönlichkeit eines Menschen. Als Menschen haben auch Nazis ein Recht auf Unterstützung, wenn sie sich ändern wollen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt auch viele andere Menschen, die Hilfe benötigen - die Opfer rechter Gewalt zum Beispiel. Warum helfen Sie Nazis?

Lange: Ich helfe auf struktureller Ebene auch den Betroffenen. Wer mit meiner Hilfe die rechte Szene verlässt, produziert in der Regel keine weiteren Opfer. Und auf individueller Ebene unterstütze ich einfach Menschen - weil ich glaube, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Auch ein Neonazi.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Rechtsextremismus nicht auch bekämpfen, indem man Neonazis kompromisslos ablehnt und möglichst in allen Lebensbereichen außen vorhält?

Lange: Ja, solche Kritik hören wir häufiger. Sie ist auch legitim. Ich verstehe meine Arbeit als Hilfe für meine Klienten, sich selbst zu ändern. Ich akzeptiere weder die politische Haltung dieser Menschen, noch, dass sie Straftaten begehen. Stattdessen setze ich etwas dagegen: demokratische Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft demokratische Kultur, wenn mir etwa bei einer Demo ein aggressiver Neonazi begegnet? Da nützt doch der Gedanke nichts, dass auch dieser Rechtsextremist Familie, Freunde und Kollegen hat.

Lange: Es muss ja nicht jeder für jeden Nazi Verständnis aufbringen. Aber denjenigen, die sich wirklich ändern möchten, sollten wir als Gesellschaft eine ehrliche zweite Chance einräumen. Wer zum Beispiel in der Schule mit Nazis zu tun hat, dem würde ich zu zwei Dingen raten: Zeigt unmissverständlich, dass ihr anderer Meinung seid - und versucht, das von der Person zu trennen, die euch gegenübersteht.

SPIEGEL ONLINE: Man soll also eine Person akzeptieren, deren Weltbild einen anwidert, erschreckt, verängstigt. Wie soll das gelingen?

Lange: Ist schwierig, geht aber. Als Pädagoge und nicht als Privatperson muss ich mit Leuten sprechen, die in solch einer Gedankenwelt stecken. Das würde ich aber nie öffentlich machen und so Nazis eine Bühne bieten.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Lange: Das heißt zum Beispiel, auf einer Familienfeier den rassistischen Witz eines Verwandten nicht zu ignorieren, sondern demjenigen im Einzelgespräch klarzumachen: Das war nicht in Ordnung. Im Plenum würde man damit nur einen großen Streit provozieren, der eine Ablehnungshaltung hervorrufen kann, während man im Einzelgespräch eine Vertrauensbasis entwickeln kann. So in etwa funktioniert auch meine Aufgabe als Ausstiegsberater.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Unterschied, dass Ihre Klienten keine Verwandten sind. Wie finden Sie zueinander?

Lange: Einige werden zu uns vermittelt, etwa von Pädagogen, Lehrern oder Geschwistern. Viele melden sich von selbst, weil sie in einer schwierigen Situation stecken und Hilfe brauchen. Die meisten bringen am Anfang vor allem eines mit: Angst.

SPIEGEL ONLINE: Wovor?

Lange: Vor Repressionen aus der Szene, vor alten Kameraden. Viele fürchten, dass ihr Ausstieg publik wird.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie in solchen Fällen anbieten?

Lange: Dass wir mit niemandem über konkrete Fälle sprechen, dass auf keinen Fall persönliche Daten nach außen dringen, dass wir nicht mit irgendwelchen Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten. Das ist nicht unser Auftrag, wir sind keine staatliche Behörde. Uns geht es erst mal darum, eine Vertrauensbasis zu schaffen - was ziemlich heikel ist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Lange: Wir arbeiten für die pluralistische Gesellschaft, die Aussteiger oft jahrelang bekämpft haben. Das ist ein doppeltes Problem: Wie soll die Gesellschaft wieder einstigen Neonazis trauen - und wie sollen einstige Neonazis wieder der Gesellschaft trauen?

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das zu lösen?

Lange: In der Beratung schaffen wir das, indem wir Verlässlichkeit bieten. Niemand muss bei uns Formulare ausfüllen oder sein Geburtsdatum angeben. Außerdem beschäftigen wir uns nicht nur mit der Ideologie der Menschen, sondern nehmen auch die anderen Probleme ernst: Wir helfen etwa dabei, Arbeitslosengeld zu beantragen oder eine neue Wohnung zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Wohnungssuche mit dem Ausstieg aus der rechten Szene zu tun?

Lange: Am Anfang geht es fast immer um Sicherheit, um Schutz vor Übergriffen. Manche müssen deshalb ihre Stadt verlassen oder sogar in ein anderes Bundesland ziehen. Das können wir mit unserem Netzwerk vertrauensvoll und kurzfristig organisieren. Geld gibt es von uns nicht, aber Know-how - sofort und dauerhaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange?

Lange: So lange wie nötig. In Nordrhein-Westfalen sind es im Schnitt drei bis vier Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Eine lange Zeit.

Lange: Allerdings. Das liegt an den schwierigen sozialen Situationen, in denen Aussteiger stecken. Sie lassen alles zurück, was sie sich seit ihrer Kindheit und Jugend aufgebaut haben. Sich mit Anfang oder Mitte 20 neue Freunde zu suchen, ist wahnsinnig schwierig. Ein Aussteiger hat mir mal erzählt, wie er begonnen habe, Radio zu hören: "Ich musste erst mal anfangen zu verstehen, was andere Leute in meinem Alter in ihrer Freizeit tun."

SPIEGEL ONLINE: Wie half ihm das Radio dabei?

Lange: Er hatte nur rechte Konzerte besucht und ausschließlich rechte Medien gelesen. Aus dieser kleinen, rechtsextremen Welt musste er mühsam aussteigen und sich alles neu aufbauen. Das Radio half ihm, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu begreifen. Das ist ein langwieriger Prozess, der meist schon lange vor dem Entschluss zum Ausstieg beginnt.

SPIEGEL ONLINE: Warum verlassen Neonazis die Szene?

Lange: Oft ist eine Enttäuschung der Auslöser. Das Kernversprechen der rechten Szene umfasst Freundschaft, Vertrauen, Kameradschaft - aber viele machen die Erfahrung, dass dieses Versprechen in schwierigen Situationen eben nicht eingehalten wird. Sobald es einem schlecht geht, ist plötzlich keiner mehr da. In solchen Situationen ziehen viele einen Schlussstrich, und unsere Arbeit beginnt.

SPIEGEL ONLINE: Sie profitieren also gewissermaßen von den Schwächen der rechten Szene.

Lange: Wir haben als demokratische Mehrheitsgesellschaft einfach einen entscheidenden Vorteil: Wo jedes Individuum dem anderen gleichgestellt ist, da bleiben Schwache und Menschen in Krisen nicht so leicht auf der Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft ein Ausstieg ab, wenn jemand Familie hat?

Lange: Im Idealfall entschließen sich Paare gemeinsam dafür. Das passiert relativ häufig, in solchen Fällen steigt dann quasi die ganze Familie aus. Aber natürlich kommt es auch vor, dass eine Beziehung an dieser Frage zerbricht. Politische Enttäuschung über den Partner mischt sich dann mit persönlichem Frust und Emotionen, Umzüge müssen schneller organisiert werden als in anderen Fällen. Richtig kompliziert wird es, wenn Kinder im Spiel sind.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Lange: Dann geht es auch noch ums Umgangs- und Sorgerecht. Wir dürfen natürlich nicht die Betreuung von Heranwachsenden übernehmen. Aber wir können dem aussteigenden Partner dabei helfen, dass sie oder er die Kinder mitnehmen kann. Die sollen ja nicht in rechtsextremen Elternhäusern aufwachsen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie messen Sie denn überhaupt, was rechtsextrem ist? Die Spannbreite zwischen populistischen Positionen und rechtsterroristischen Motiven ist ja enorm groß.

Lange: Das wichtigste Merkmal ist die Feindlichkeit gegenüber Menschen, die vermeintlich einer bestimmten Gruppe angehören - wegen ihrer Sexualität oder ihrer Herkunft etwa. Hinzu kommt zumindest die Akzeptanz von Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Beide Aspekte wirken seit einigen Jahren tiefer in die Mitte der Gesellschaft hinein - das konnte man zuletzt bei den rechten Krawallen in Chemnitz sehen.

Lange: Dass Teile der sogenannten bürgerlichen Mitte an der Seite gewaltbereiter Neonazis auf die Straße gehen, ist tatsächlich neu. Es gibt außerdem ein ausdifferenziertes Spektrum rechter Gruppen, von denen einige ein erhebliches Potenzial haben, größer zu werden. Die "Identitäre Bewegung" gibt sich etwa einen modernen, intellektuellen Touch, vertritt aber im Kern die gleiche Ideologie wie traditionelle Rechtsextremisten. Das kann dazu führen, dass Menschen erreicht werden, die bislang noch unentschlossen sind in ihrer Haltung. Ich hoffe nur, dass das keine anhaltende Entwicklung ist.

SPIEGEL ONLINE: Weil das Ihre Arbeit beträfe?

Lange: Absolut. Für extrem rechte Menschen sinkt die Notwendigkeit, die eigene Ideologie zu reflektieren, wenn ein wachsender Teil der Gesellschaft ähnliche Einstellungen hat. Das erschwert zwar unsere Arbeit, aber Grund zur Panik sehe ich momentan keinen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Lange: Weil ich bei den harten Neonazis keine große Veränderung sehe: Die haben von der gesellschaftlichen Entwicklung bislang zahlenmäßig kaum profitiert.

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