Regenbogenfamilien Mama, Mami, Kind

Linda und Kathrin K. mit Sohn Hugo: "Einen Mann finden, der das mit uns durchzieht"
Julia Troesser

Linda und Kathrin K. mit Sohn Hugo: "Einen Mann finden, der das mit uns durchzieht"

Von Julia Troesser

2. Teil: Ein Baby wird gezeugt - per Anleitung aus dem Internet


Spätabends kam Thomas bei den Frauen zu Hause vorbei, um den ersten Versuch zu starten. Mit einem leeren Becher verschwand er im Nebenzimmer, mit vollem Becher und rotem Kopf kam er wieder hinaus. Dann ging er schnell wieder, er hatte seinen Teil der Abmachung erfüllt.

Den Rest erledigten Linda und Kathrin allein. Mit einer Spritze und der zugehörigen Anleitung aus dem Internet. Der erste Versuch blieb erfolglos, Thomas kam in den beiden folgenden Monaten erneut vorbei. Nach dem dritten Versuch dann die gute Nachricht: Kathrin war schwanger.

Die Schwangerschaft verlief normal - Geburtsvorbereitungskurs besuchen, Kinderzimmer einrichten, Arzttermine wahrnehmen. Thomas hielt sich im Hintergrund. "Der kann mit den ganzen Kinderthemen nicht so viel anfangen", sagt Linda. "Einmal war er mit im Babymarkt, aber mehr aus praktischen Gründen."

Kathrin ist "Mama", Linda ist "Mami"

Bei der Geburt war Thomas nicht dabei. "Als wir uns in der Klinik vorgestellt haben, haben die Pfleger zuerst gefragt, ob wir Schwestern seien", erzählt Kathrin. "Ich habe dann jedes Mal gesagt, Linda sei meine Lebenspartnerin, und dann war alles klar."

Wenige Monate später führt die Kölner Regenbogenfamilie ein typisches Familienleben mit Baby: Linda kommt nach einem langen Arbeitstag nach Hause und findet, dass Hugo im T-Shirt auf dem Boden liegen kann, Kathrin meint, so sei es zu kalt und holt eine Decke. "Ich bin eben eher eine Glucke, immer übervorsichtig", sagt sie.

Damit Hugo bei zwei Müttern nicht durcheinander kommt, ist Kathrin "Mama", Linda ist "Mami", "das machen alle lesbischen Paare mit Kindern so, die wir kennen", sagt Kathrin. Thomas wird Papa genannt.

Thomas kommt ab und zu vorbei und bringt Hugo Geschenke mit. Er hat aber noch nie die Windeln seines Sohnes gewechselt oder allein auf ihn aufgepasst. Das muss er auch gar nicht, finden die beiden Mütter. "Wir wollen eine männliche Bezugsperson für Hugo, einen Halli-Galli-Wochenend-Papa", sagt Linda. "Der soll ab und zu kommen und Blödsinn mit ihm machen. Und eine Vaterfigur für ihn sein."

"Wir bewerten das Kindeswohl, alles andere ist unwichtig"

Linda findet, sie sei lockerer im Umgang mit dem Kind als Kathrin. Bei Elterntreffen unterhält sie sich meistens mit den Vätern über die zu besorgten Mütter. Sie habe eine andere Beziehung zu Hugo als die leibliche Mutter Kathrin, sagt sie. "Ihr fällt es natürlich auch viel leichter, ihn zu beruhigen. Aber das ist eben so." Das zweite Kind des Paares wird Linda austragen.

Bevor die Frauen offiziell die Eltern des kleinen Hugo werden können, kommt die Bürokratie. Kathrin ist als leibliche Mutter des Jungen eingetragen, Thomas als Vater. Er hat seinen Sohn zu Adoption freigegeben, damit Linda ihn nun adoptieren kann. Das Jugendamt entscheidet, ob ihr Antrag auf "Stiefkindadoption" durchgeht.

Die Chancen dafür stehen gut. Bei homosexuellen Elternpaaren werden "selbstverständlich" die gleichen Maßstäbe angelegt wie bei heterosexuellen, sagt Klaus-Peter Völlmecke vom Jugendamt Köln. "Wir bewerten immer das Kindeswohl, alles andere ist unwichtig."

Problematisch könne es bei Regenbogenfamilien nur werden, wenn die Rollen nicht eindeutig geklärt seien. Gibt es beispielsweise zwei Mütter und zwei Väter, die als Erziehungsberechtigte fungieren wollen, erheben die Amtsmitarbeiter Bedenken. Ein Kind müsse wissen, "wer seine Mutter und wer sein Vater ist", welche Elternteile für die Erziehung zuständig sind, sagt Völlmecke. "Wir gucken dann: Kann das Kind durch die Rollenaufteilung verwirrt werden?" Ist das nicht der Fall, wird der Adoption zugestimmt.

"Hugo wird sich sicher blöde Sprüche anhören müssen"

Das Bundesjustizministerium hat 2006 eine Studie beim Bayerischen Staatsinstitut für Familienforschung an der Uni Bamberg und beim Staatsinstitut für Frühpädagogik in München in Auftrag gegeben. Ziel war, herauszufinden, wie sich Kinder in Regenbogenfamilien entwickeln. 2009 wurden die Ergebnisse vorgelegt: Kinder mit homosexuellen Eltern entwickeln demnach stabilere Persönlichkeiten als Kinder aus anderen Familienformen. Sie besitzen nachweislich ein höheres Selbstwertgefühl und mehr Autonomie.

Allerdings machten 46 Prozent der befragten Söhne und Töchter Erfahrungen mit Diskriminierung. Sie wurden vor allem in der Schule gehänselt, weil ihre Familien anders sind.

Auch Linda und Kathrin wissen, dass ihr Sohn es nicht immer leicht haben wird. "Wir machen uns gar nichts vor, Hugo wird sich sicher blöde Sprüche anhören müssen, so was wie 'Dein Papa ist ne Schwuchtel'", sagt Linda. "Aber bei anderen Kindern heißt es 'Deine Mutter ist fett' oder 'Du hast gar keinen Papa' - und das ist mindestens genauso schlimm."

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 563 Beiträge
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Seite 1
Renardmalin 08.11.2010
1. Toll!
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
Das ist also eine moderne Familie! Toll!
muhammaned 08.11.2010
2. Ungewöhnlich ...
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
... noch gar keine dummen Kommentare. Kommt Jungs, Ihr könnt mich doch nicht so enttäuschen!
Michael Giertz, 08.11.2010
3. "Modern"?!
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
Vornweg: ich bin gewiss kein "Homohasser" und begrüße auch die Homoehe. Mehrere meiner Freunde bekennen sich zur Homosexualität oder Bisexualität. Trotzdem bleibt mir schon beim Spoiler ein bitterer Geschmack im Mund. Und zwar mehrfach: 1. "moderne Familie"? Bitte was? Was daran soll "modern" sein, wenn zwei Homosexuelle ein Kind bekommen dürfen? Sind demnach also "normale" Familien mit Vater, Mutter, Kind(er) Auslaufmodell weil nicht mehr "modern"? Es wird ja inzwischen auch die "Patchwork-Familie" als "modern" bezeichnet. Und weder die "Patchwork-Familie" noch die "Regenbogen-Familie" sollte als "modern" oder gar erstrebenswert gelten, weil sehr zum Schaden der Kinder. 2. Es hat seinen Grund, wieso zur Fortpflanzung beim Menschen zwei Partner unterschiedlichen Geschlechts vonnöten sind. Ja, der Mensch pfuscht da gern drin rum mit seinen Arbeiten zum Thema DNS & Klonen, aber effektiv gilt noch immer die Formel: Weiblein + Männlein = Nachwuchs. Weiblein + Weiblein = gibt nix und Männlein + Männlein = gibt auch nix. Entsprechend sieht's übrigens dann auch aus mit der Erziehung. Da mögen jetzt Homosexuelle und "Emanzen" auf und nieder springen, aber für eine gesunde Erziehung / Kindheit sind Mama und Papa Voraussetzung. Alleinerziehende dürften eigentlich ein Lied von singen, dass sie sich mit schwer erziehbaren Rabauken abschaffen müssen - oder mit dem völlig introvertierten kleinen Jungen, der nicht mehr aus sich rauskommt, je nach dem. Einfach weil so'ne Scheidung ja auch ein Trauma ist, aber vielmehr, weil zur gesunden Entwicklung die Einflüsse beiden Geschlechts nötig sind - fehlt ein Teil, stimmt das Endergebnis vielfach (aber nicht immer) nicht mehr. Und wie sieht's bei Homosexuellen Partnern mit Kind aus? Ein Kind, das nur "Papa und Papa" kennt oder nur "Mama und Mama" wird zwar ein gesundes Verständnis zum Thema "Homosexualität" entwickeln, weil das ja "völlig normal" sei, aber dafür u.U. es sehr schwer in der Schule haben, wenn sie dort wegen der Andersartigkeit der Eltern verspottet, gehänselt oder gar ausgegrenzt werden. Und dass sich da bestimmte Ethnien besonders hervortun, ist auch nicht unbekannt. Also ... meine Frage ist: was ist an einer "Regenbogen-Familie" so modern und wieso wird das auch noch gefördert, wenn es doch eher zum Schaden des Kinds ist? Ich könnte auch ziemlich bösartig unterstellen, dass der Kinderwunsch in diesem Falle reiner Egoismus ist - aber da lehne ich mich zu weit aus dem Fenster. Egoistische Eltern (Mama + Papa) gibt's nachweislich genug, die ihr Kind nur als Mittel zur "Selbstverwirklichung" sehen ...
Fettnäpfchen 08.11.2010
4. Ohne Titel
Mich gruselt's! Gibt es wirklich Frauen, die ein Kind von einem anonymen Mann haben wollen, den das Kind gar nicht interessiert, der keinerlei Verantwortungsbewußtsein für seinen Sprößling zeigt und seinen Samen aus reiner Geldgier spendet? Ich sehe darin charakterliche Defizite, die einen Mann als Vater disqualifizieren. Bei einem männlichen Freund oder Bekannten, dessen Eigenschaften die zukünftige Mutter einschätzen kann und der auch nach der Geburt sein Kind mehr oder weniger (unauffällig) begleiten möchte, wäre der Kinderwunsch eher verständlich. Da dieses Thema sehr persönlich ist, muß jeder die Antwort für sich selbst finden. Richtig und falsch gibt es nicht, solange das Kindeswohl nicht beeinträchtigt ist.
AUXEROIS 08.11.2010
5. Moderne Familie?
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
Alter Hut. Richtig modern wäre es, wenn es gelänge ex vitro befruchtete Eizellen in die Bauchhöhle der einen Hälfte eines schwulen Ehepaares zu setzen und so bis zum 4. Monat auszutragen. Bevor das zu kompliziert würde. Die restliche Zeit bis zum ca. 9. Monat könnte man das Kind in einem Brutkasten zubringen lassen. Das wäre mal modern! Immer dieser alte Käse.
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