SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

07. Februar 2012, 11:45 Uhr

Rekord-Lottogewinn in spanischem Dorf

Der Mann ohne Los

Aus Sodeto berichtet

Die 250 Einwohner des spanischen Dorfes Sodeto sahnten bei der Weihnachtslotterie "El Gordo" mehr als hundert Millionen Euro ab. Nur einer ging leer aus: der 42-Jährige Costis Mitsotakis. Er hatte als Einziger kein Los gekauft. Trotzdem ist auch er jetzt irgendwie ein Gewinner.

Wer Costis Mitsotakis finden will, muss den Ortskern von Sodeto verlassen, hundert Meter geradeaus fahren, zurück zur Landstraße und schräg gegenüber einbiegen. Ein Schotterweg, rechts vertrocknete Erde und Felsen, links ein Traktor und Rinder in ihren Stallungen, eines liegt tot davor, darüber ein Heer von Fliegen. Daneben zwei Strohballen, ein Misthaufen, keine Menschenseele.

Aus dem Nichts tauchen zwei Steinhäuser auf, versteckt hinter hoch gewachsenem Getreide, eingerahmt von bröckeligen Mauern. Man schleicht um das Anwesen herum, kein Namensschild, keine Klingel, das erste Haus hat keine Fenster, es ist verbarrikadiert mit Holzplatten. Dann ein schwarzes Eisentor, ein vorsichtiger Blick.

Ein schwungvolles "Hola" fliegt dem unangemeldeten Gast entgegen. Ein schmaler Kerl, 1,80 Meter groß, marschiert in staubigen Jeans über den Hof, zwei Hunde rennen zum Tor.

Costis Mitsotakis wohnt etwas außerhalb, und das passt zu dieser Geschichte.

Denn er ist der Mann, der als einziger Bewohner des spanischen 250-Seelen-Dorfs Sodeto bei der Weihnachtslotterie "El Gordo" nicht reich geworden ist. Der banale Grund: Er hatte als Einziger kein Los gekauft. Während auf die Konten seiner Bekannten Anfang Januar insgesamt 128 Millionen Euro flossen, ging er leer aus.

"Naja", sagt Costis Mitsotakis, 42 Jahre alt, geboren in Griechenland, "manchmal denke ich schon: 'Verdammt! Ein bisschen Geld hätte ich gut gebrauchen können.'" Er sitzt auf einem Barhocker am Küchentisch und nippt an seiner Kaffeetasse. Um ihn herum: Chaos. Die Wände sind nicht verputzt, eine Schubkarre steht mitten im Raum, Zigarettenstummel liegen auf dem Boden, ein Gewirr aus Stromkabeln.

Im Hof vor der Tür liegen Baumstämme, Steine und Werkzeug. In einem Plastikeimer ist der Zement abgebunden. Mitsotakis hat das arg restaurierungsbedürftige Haus samt acht Hektar großem Grundstück vor zwei Jahren gekauft. Der Preis: 60.000 Euro. Gegenüber wird einmal sein bester Freund wohnen, aber der schiebt die anstehende Arbeit noch vor sich her.

"In diesem Jahr werde ich mitspielen"

An Mitsotakis' Pullover haften etliche Holzspäne. "Auch wenn ich Millionär wäre, würde es hier nicht anders aussehen. Ich könnte nur schneller fertig werden." Wenn er über die verpasste Chance spricht, grinst er und redet mit fester Stimme: "Ich kann gar nicht glauben, dass alle gewonnen haben. Es ist verrückt." Zweimal sagten Freunde, er solle doch endlich ein Los kaufen, "aber ich wollte nicht. Ich kann nicht mal sagen, warum".

Es wirkt nicht so, als ob ihn die Geschichte um den Schlaf bringt. Mitsotakis scheint im Reinen zu sein mit sich. Seine Augen sind ruhig, sein Lächeln ist verschmitzt. Aber klar ist: "In diesem Jahr werde ich mitspielen." Denn als das ganze Dorf vor Freude tanzte und sang, feierte Costis Mitsotakis zwar mit. "Aber es war schon ein komisches Gefühl."

In Sodeto wird man geboren, und man stirbt hier, sagen die Bewohner. Mitsotakis ist eine Ausnahme. Vor acht Jahren lernte er in Athen seine spätere Freundin Sandra kennen. Sie stammt aus Sodeto. Das Paar kaufte sich ein klappriges Wohnmobil und fuhr los, der einzige Plan war: sich umschauen. Bulgarien, Serbien, Ungarn, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, immer weiter.

Nach drei Jahren sahen sie das Ortsschild von Sodeto. Sandras Oma hatte hier ein großes Haus, sie zogen ein. Als die Oma starb, restaurierten sie das Anwesen. Dann trennten sie sich. Mitsotakis zog aus, aber er hatte genug von der Rumtreiberei, wollte einen Platz zum alt werden. Das Dorf gefiel ihm, die Herzlichkeit der Menschen, die Weiten, die Abgeschiedenheit.

"Was macht man mit dem einen, der nicht gewonnen hat?"

"Trotzdem habe ich hier Arbeit, und zwar genug", sagt er. Unter dem Dachboden stehen zwischen Whiskey- und Bierflaschen fünf Bildschirme, zwei Computer, ein Drucker, ein Scanner, zwei dunkle Drehstühle mit Stoffbezug. Es ist sein Büro. Mitsotakis ist Dokumentarfilmer, er ist der Chef einer Ein-Mann-Firma: filmen, schneiden, vertonen.

Er drehte auf allen Kontinenten, reiste durch Afrika, machte Filme über Sklaven in Ghana und Burkina Faso. "Ich will nichts anderes tun", sagt er, "drei bis viermal im Jahr bin ich für mehrere Wochen unterwegs. Das ist wunderbar." Was er ausdrücken will: Auch ohne die Millionen habe er genug Geld und Beschäftigung zum Glücklichsein.

Sodeto ist jetzt eine sehr wohlhabende Gemeinde. Vor der Lotterie-Ziehung am 22. Dezember mussten sich die Bewohner um das, was kommt, sorgen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die jungen Menschen zieht es in die Städte. Egal, wen man jetzt fragt, die Antwort lautet stets: "Alle Zukunftssorgen sind verschwunden."

"Abgegeben hat mir noch niemand etwas", sagt Mitsotakis.

"Hoffst du noch darauf?"

"Nein."

"Warum?"

"Ich weiß es nicht."

Er will sich nicht zu tief in die Seele blicken lassen. Kurz nach der Ziehung musste er seinen Seat Inca in eine Werkstatt in der nächsten Stadt bringen, weil der alte Kastenwagen ab und zu nicht ansprang.

"Ich will Ihnen ein Geschenk machen"

Diese Geschichte erzählt Mitsotakis gerne, er lächelt wieder. Als er nämlich sein Auto abholen wollte, sagte ihm der Werkstattbesitzer, dass er nicht bezahlen müsse. Die Rechnung habe jemand aus Sodeto beglichen. Wer das war, weiß Mitsotakis nicht.

Es gibt noch mehr Belege dafür, dass die Reichen ihn in ihrer alegria (zu Deutsch: Freude) nicht vergessen haben. Vor ein paar Tagen wurde Mitsotakis von einer älteren Dame angesprochen. Sie fragte: "Was wünschen Sie sich? Ich will Ihnen ein Geschenk machen." Mitsotakis antwortete: "Das müssen Sie doch nicht." Sie erwiderte: "Warten Sie nur ab!"

Und dann wäre da noch die Sache mit dem Land, aus der man schließen muss, dass auch Costis Mitsotakis ein Gewinner ist. Im Herbst vergangenen Jahres hatte er entschieden: Vor mein Haus setze ich einen Gemüsegarten, der Rest vom Land kann weg, ich weiß nichts damit anzufangen. Er erzählte im Dorf, dass knapp acht Hektar Ackerland zum Verkauf stehen. Kopfschütteln, nein danke.

Ein paar Tage nach der Ziehung stand ein Freund von Mitsotakis an dessen schwarzen Eingangstor. Er lächelte und sagte, dass er sich für die Felder interessiere. Sie sprachen nur fünf Minuten miteinander, dann war das Geschäft besiegelt.

Costis Mitsotakis, der Mann ohne Los, sagt: "Er hat mir ein sehr gutes Angebot gemacht."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung