Bertelsmann-Studie Muslime sind besser integriert - aber nicht akzeptiert

In Deutschland leben etwa 4,7 Millionen Muslime. Verglichen mit anderen westeuropäischen Ländern sind viele von ihnen vor allem auf dem Arbeitsmarkt besser integriert - als Nachbarn aber nicht gern gesehen.
Muslime beim Nachmittagsgebet in Nürnberg (Archiv)

Muslime beim Nachmittagsgebet in Nürnberg (Archiv)

Foto: Daniel Karmann/ picture alliance / dpa

Deutschland schneidet bei der Integration muslimischer Einwanderer im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten gut ab. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Verglichen wurde dafür die Situation von Muslimen, die vor 2010 nach Deutschland, in die Schweiz, nach Österreich, Frankreich und Großbritannien kamen. Untersucht wurden vier Kategorien: Arbeit, Sprachkompetenz, Bildung und soziale Kontakte.

1. Arbeit

Bei der Integration der Einwanderer auf dem Arbeitsmarkt schneidet Deutschland am besten ab: Rund 60 Prozent der Muslime arbeiten wie der Bundesdurchschnitt Vollzeit, 20 Prozent in Teilzeit, und auch die Arbeitslosenquote gleicht sich immer mehr an.

Schwerer haben es in Deutschland hochreligiöse Muslime. Sie finden nur selten einen Job, der ihrem Qualifikationsniveau entspricht und verdienen erheblich weniger als Muslime, die ihre Religion nicht praktizieren. In Deutschland lebten Ende 2015 etwa 4,7 Millionen Muslime. Den Angaben zufolge bezeichnen sich 40 Prozent von ihnen als sehr religiös.

In Großbritannien sind praktizierende Muslime bei gleicher Qualifikation in den gleichen Berufsfeldern vertreten wie weniger fromme Muslime. "Muslime im Vereinigten Königreich profitieren offensichtlich von einer Chancengleichheit, die wesentlich durch die dortige institutionelle Gleichstellung des Islam mit anderen Religionen befördert wurde", sagte Yasemin El-Menouar, Islam-Expertin der Bertelsmann-Stiftung. Beispielsweise dürften britische Polizistinnen schon seit zehn Jahren im Dienst ein Kopftuch tragen.

2. Sprachkompetenz

73 Prozent der in Deutschland geborenen Kinder muslimischer Einwanderer wachsen der Studie zufolge mit Deutsch als erster Sprache auf. Der Anteil steige von Generation zu Generation. Von den eingewanderten Muslimen nannte rund ein Fünftel Deutsch als ihre erste Sprache.

Auch in Frankreich, Großbritannien, Österreich und der Schweiz verbessern sich die Sprachkompetenzen mit jeder Generation, wie es in der Studie heißt.

3. Bildung

In Frankreich verlassen nur elf Prozent der Muslime vor dem 17. Lebensjahr ohne Abschluss die Schule. In Deutschland sind es 36 Prozent. Als Grund vermuten die Forscher unterschiedliche Schulsysteme: So lernen Kinder in Frankreich länger gemeinsam, und Einwanderer haben auch durch die Kolonialgeschichte oft gute Französisch-Kenntnisse. Die höhere Abschlussquote schützt Muslime in Frankreich aber nicht vor einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit und weniger Vollzeitstellen.

"Der internationale Vergleich zeigt, dass nicht Religionszugehörigkeit über die Erfolgschancen von Integration entscheidet, sondern staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen", sagt Stephan Vopel, Experte der Bertelsmann-Stiftung für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

4. Soziale Kontakte

87 Prozent der befragten Muslime in der Schweiz gaben an, häufig beziehungsweise sehr häufig Freizeitkontakte zu Nichtmuslimen zu haben. Auch in Deutschland und Frankreich ist dieser Anteil mit 78 Prozent hoch. Seltener sind die häufigen oder sehr häufigen Freizeitkontakte außerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft unter Muslimen in Großbritannien (68 Prozent) und in Österreich (62 Prozent).

96 Prozent der Muslime in Deutschland gaben den Angaben zufolge an, sich mit Deutschland verbunden zu fühlen.

"Wen lehnen Sie als Nachbarn ab?"

Die Studie mit dem Titel "Muslime in Europa - integriert aber nicht akzeptiert?" zeigt aber auch, wie groß die Vorbehalte gegenüber Muslimen noch immer sind. Bei der Frage, "wen lehnen Sie als Nachbarn ab?" sprachen sich in allen fünf Ländern deutlich mehr Befragte gegen Muslime aus als gegen Familien mit vielen Kindern, Ausländer/Gastarbeiter, Homosexuelle, Juden, Menschen mit anderer Hautfarbe, Atheisten und Christen.

Nur die Ablehnung der Briten gegenüber kinderreichen Familien erreicht mit 28 Prozent vergleichbar schlechte Werte. In Deutschland gaben 19 Prozent der Befragten an, keine Muslime als Nachbarn haben zu wollen.

Um die Integration zu fördern, werden in der Studie drei zentrale Ansatzpunkte genannt. Die Forscher raten dazu, ...

  • ... die Chancen auf Teilhabe zu verbessern, insbesondere im Bildungssystem.
  • ... den Islam als Religionsgemeinschaft institutionell gleichzustellen und somit religiöse Vielfalt anzuerkennen.
  • ... interkulturelle Kontakte und interreligiösen Austausch in Schule, Nachbarschaft und Medien zu fördern.

Zur Studie: Die Bertelsmann-Stiftung hat nach 2007 und 2013 zum dritten Mal einen "Religionsmonitor"  veröffentlicht. Sie untersucht damit anhand von Umfragen die Rolle von Religion im gesellschaftlichen Zusammenhang. An der repräsentativen Befragung haben sich Ende 2016 mehr als 10.000 Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und der Türkei beteiligt.

Die Studie "Muslime in Europa - Integriert aber nicht akzeptiert?" nimmt die Ergebnisse der Befragung zum Ausgangspunkt. Der verwendete Datensatz besteht für jedes der fünf untersuchten Länder aus einer allgemeinen Bevölkerungsstichprobe (etwa 1000 bis 1500 Befragte pro Land) und einer Stichprobe der muslimischen Befragten. Flüchtlinge, die erst nach 2010 nach Europa gekommen sind, wurden nicht befragt. Ergebnisse aus der Türkei fanden keine Berücksichtigung.

aar/dpa
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