Überlastete Feuerwehren "Letztlich leidet der Bürger"

Die Berliner Feuerwehr arbeitet am Limit, vor allem der Rettungsdienst. Brandschutz-Präsident Dirk Aschenbrenner erklärt, warum die Zahl der Einsätze rasant steigt - und wann es gefährlich wird.
Feuerwehr-Rettungswagen in Berlin (Archivfoto)

Feuerwehr-Rettungswagen in Berlin (Archivfoto)

Foto: imago/ Marius Schwarz

Seit Wochen kämpfen Feuerwehrleute in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen: Die Zahl der Einsätze steigt von Jahr zu Jahr, die Retter klagen über zu wenig Personal. Im Durchschnitt des vergangenen Jahres war jeder Feuerwehrmann 48 Tage krank, täglich fehlte einer von fünf. Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat inzwischen Verbesserungen zugesagt, doch die Situation bleibt angespannt, die Belastung hoch.

Vor allem im Rettungsdienst stoßen die Einsatzkräfte an ihre Grenzen. Von Januar bis April rief die Feuerwehr 27 Mal den "Ausnahmezustand Rettungsdienst" aus, das heißt: Mindestens 90 Prozent aller Rettungswagen waren im Einsatz. Ein Einzelfall? Nein, sagt Dirk Aschenbrenner und warnt: Auch in anderen Teilen Deutschlands ächze der Rettungsdienst.

Zur Person
Foto: Feuerwehr Dortmund

Dirk Aschenbrenner ist Präsident der Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes (VFDB) und Direktor der Feuerwehr Dortmund. Die VFDB beobachtet neben dem Brandschutz auch den Rettungsdienst in Deutschland, veranstaltet Tagungen und fördert Forschungsvorhaben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Aschenbrenner, wie viel Sorgen müssen die Berliner sich machen, dass im Notfall die Hilfe nicht mehr rechtzeitig kommt?

Dirk Aschenbrenner: Ich kenne nicht alle Details aus Berlin, aber auch bei uns in Dortmund steigen die Fallzahlen im Rettungsdienst an, wir haben jedes Jahr fünf bis zehn Prozent mehr Einsätze. In manchen Phasen ist die Belastung noch höher - während der Grippewelle haben sich die Einsatzzahlen an manchen Tagen verdoppelt oder verdreifacht. Trotzdem sind auch diese Lagen noch zu stemmen, das ist in Berlin sicher ähnlich wie in Dortmund. Die Bürger müssen sich keine Sorgen machen.

SPIEGEL ONLINE: Fünf bis zehn Prozent mehr Einsätze pro Jahr - woher kommt dieser rapide Anstieg?

Aschenbrenner: Es gibt mehrere Gründe: Unsere Gesellschaft altert, es gibt immer mehr Single-Haushalte, der Rettungsdienst wird zunehmend als Dienstleister wahrgenommen. Was hinzukommt: Die medizinische Versorgung vor Ort durch Hausärzte hat in den letzten Jahren abgenommen, diese Versorgungslücke füllt der Rettungsdienst. Zudem haben sich die Wege verlängert - im Zuge der Privatisierung ist die Zahl der Krankenhäuser gesunken. Nicht zuletzt haben die Kliniken sich umstrukturiert und einzelne Abteilungen ausgelagert, der Rettungsdienst muss also auch immer mehr Fahrten zwischen Klinikstandorten bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Besserung in Sicht?

Aschenbrenner: Nein. Absehbar stellt die Situation uns vor Probleme. Die Einsatzzahlen steigen schneller als der Rettungsdienst wächst. In einigen Bereichen Deutschlands merkt man jetzt schon, dass man gar nicht schnell genug ausreichend Personal qualifizieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das konkret?

Aschenbrenner: Es hat gerade eine Umfrage gegeben unter allen Kreisen und kreisfreien Städten in Nordrhein-Westfalen. Nur in ganz wenigen erfüllt der Rettungsdienst demnach seine Schutzziele. Beispiel Hilfsfrist: In Ballungsgebieten sollen Retter innerhalb von acht Minuten vor Ort sein, auf dem Land innerhalb von zwölf, und das in 90 Prozent der Einsätze. Dieses Ziel wird zumindest im Großteil von NRW derzeit nicht erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt gefährlich.

Aschenbrenner: Das kommt auf den Einzelfall an. Aber grundsätzlich gilt: Wenn die Schutzziele erreicht werden, hat der Patient sehr gute Chancen, rechtzeitig gerettet zu werden und keinen dauerhaften Schaden zu nehmen. Wenn die Schutzziele nicht erreicht werden, nehmen diese Chancen ab.

Rettungsdienst in Deutschland

SPIEGEL ONLINE: Wie lassen sich die Probleme angehen?

Aschenbrenner: Zunächst müsste die Politik die ärztliche Versorgung vor Ort stärken, das würde viele Fälle abfangen, die derzeit beim Rettungsdienst landen. Kliniken sollten verpflichtet werden, Intensivtransporte zwischen ihren Häusern selbst zu organisieren. Und natürlich wird man den Rettungsdienst selbst weiter stärken müssen - die Alterung der Gesellschaft lässt sich kaum aufhalten. Das Gesetz müsste vorsehen, den Bedarf jährlich neu zu analysieren und anzupassen. Dafür sollten auch die Krankenkassen bereitwilliger Mittel zur Verfügung stellen. Zudem muss man an die Bevölkerung appellieren und die Selbsthilfe stärken.

SPIEGEL ONLINE: Sind sich die Verantwortlichen des Handlungsbedarfs bewusst?

Aschenbrenner: Ich glaube nicht. Bislang schrillen weder bei der Bundes- noch bei der Landespolitik die Alarmglocken. Ich habe zudem den Eindruck, dass die Gesundheitspolitik noch immer vom Aspekt der Wirtschaftlichkeit getrieben ist. Wahrscheinlich ist es für die Krankenkassen günstig, den Rettungsdienst zwischen den Kliniken hin- und herfahren zu lassen. Für die wirklichen Notfälle steht er dann aber nicht mehr zur Verfügung. Auch angesichts der Milliardenüberschüsse der Krankenkassen halte ich das für fragwürdig. Letztendlich leidet der Bürger - und ich behaupte, irgendwann auch das System. Bei einem zu spät behandelten Verletzten sind die Folgekosten deutlich höher.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren, damit sich etwas ändert?

Aschenbrenner: Wahrscheinlich muss erst ein kritischer Punkt überschritten werden. Ich befürchte, bis dahin wachsen die Probleme weiter, zumal Gegenmaßnahmen nicht sofort wirken. Früher oder später aber wird man reagieren müssen - sonst fällt das Sicherheitsniveau in Deutschland irgendwann rasant in die Tiefe.

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