Mutter von zum Tode verurteilter Iranerin "Manchmal wurde ich vor Angst fast ohnmächtig"
Reyhaneh Jabbari vor Gericht (Foto von 2008): Höchst umstrittenes Verfahren
Foto: GOLARA SAJADIAN/ AFPShole Pakravan, 51, kämpft seit Jahren um das Leben ihrer Tochter Reyhaneh Jabbari. Die heute 26-Jährige sitzt seit rund sieben Jahren in einem iranischen Gefängnis. Sie soll Morteza Abdolali Sarbandi, 47, mit einem Messer tödlich verletzt haben.
Mord, sagt die iranische Justiz - und verurteilte Jabbari 2009 zum Tode durch Erhängen.
Notwehr, sagt die 26-Jährige - Sarbandi habe sie vergewaltigen wollen.
Das Urteil sollte Ende September vollstreckt werden, doch die iranische Justiz verschob die Hinrichtung - wohl auch angesichts der internationalen Proteste gegen das Urteil. Pakravan hat ein wenig Zeit gewonnen, das Leben ihrer Tochter zu retten.
SPIEGEL ONLINE konnte Kontakt zu der 51-Jährigen aus Teheran aufnehmen und über eine Dolmetscherin anderthalb Stunden mit ihr sprechen. Manche von Pakravans Aussagen sind schwer nachzuprüfen, decken sich aber mit den Informationen, die etwa Amnesty International, die EU, das US-Außenministerium und die Vereinten Nationen zum Fall Jabbari zusammengetragen haben. All diese Institutionen haben Iran aufgefordert, das Urteil aufzuheben.
Jabbaris Rettung könnte ausgerechnet von Sarbandis Angehörigen ausgehen. Wenn sie der 26-Jährigen vergeben, könnte sie nach iranischem Recht begnadigt werden. Dass die Familie des Toten Jabbari verzeiht, gilt aber als unwahrscheinlich.
SPIEGEL ONLINE: Wann hatten Sie zuletzt Kontakt zu Ihrer Tochter?
Pakravan: Zuletzt habe ich Reyhaneh am Sonntag vor zwei Wochen gesehen, und heute Morgen habe ich mit ihr etwa zehn Minuten telefoniert.
SPIEGEL ONLINE: Wie geht es ihr?
Pakravan: Den Umständen entsprechend gut, sie ist gefasst. Im Gefängnis wird Reyhaneh langsam zur Philosophin. Wir haben über die Bedeutung der Freiheit gesprochen. Sie sagte, die Freiheit sei wie eine Krone. Solange wir nicht in Gefahr sind, solange wir nicht wie sie kurz vor der Hinrichtung stehen, wissen wir nicht, dass wir sie aufhaben. Aber sobald man in einer solchen Situation ist, merkt man, dass die Krone schnell weggenommen werden kann.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine neue Entwicklung in Reyhanehs Fall?
Pakravan: Es war ein erster Hinrichtungstermin angesetzt, bei dem ist alles anders gelaufen als es üblich ist. Reyhaneh wurde plötzlich, ohne jede Vorwarnung, an einem Nachmittag mitgenommen, ohne dass man ihr sagte, worum es geht. Sie wurde in ein anderes Gefängnis gebracht und ihr wurde dort gesagt: 'Jetzt wirst du hingerichtet.' Auf internationalen Druck wurde die Hinrichtung nicht vollzogen, sondern aufgeschoben. Ein Gefängniswärter hat gesagt, so etwas habe er in 25 Jahren noch nicht erlebt.
SPIEGEL ONLINE: Und seither?
Pakravan: Die vergangenen zehn, zwölf Tage waren sehr kritisch. Der iranische Justizminister Mostafa Pour-Mohammadi hatte in einem Interview gesagt, Reyhanehs Hinrichtung sei aufgeschoben, sie solle aber innerhalb dieser Frist hingerichtet werden. Man kann sich vorstellen, wie sich Reyhaneh in der Zeit gefühlt hat. In den Tagen, als die Frist ablief, sagte sie zu mir: 'Wenn heute und morgen alles normal läuft, bin ich froh - dann bin ich noch am Leben.' Aber Reyhaneh hat Angst, weil sie ohne Vorwarnung jederzeit wieder mitgenommen werden kann.
SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nun weiter?
Pakravan: Wir wissen es nicht, es gibt keine Signale von den Behörden. Angeblich sollte die Prüfung der Akte zu Reyhanehs Fall erst im November abgeschlossen sein. Das hat man mir und ihrem Anwalt gesagt. Und trotzdem hat man meine Tochter schon einmal zur Hinrichtung mitgenommen. Ob die Akte immer noch geprüft wird, weiß keiner. Wir haben überhaupt kein Vertrauen mehr in die iranische Justiz.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie Beispiele geben?
Pakravan: Da werden Lügen erzählt. Als Reyhaneh verhaftet wurde, saß sie zwei Monate lang in einer engen, dunklen, feuchten Zelle in Einzelhaft - ohne Kontakt zu ihrer Familie oder einem Anwalt. Man hat ihr gesagt, dass die Familie sie verstoßen hat und mit ihr nichts mehr zu tun haben will, weil sie eine Mörderin ist. Sie galt sofort als schuldig.
SPIEGEL ONLINE: Woran macht die Justiz das fest?
Pakravan: Zum Beispiel am Vorwurf, Reyhaneh sei ein oberflächliches Mädchen, weil sie nicht wie eine religiöse Person gekleidet war. Wir sind eine offene Familie, Reyhaneh ist ein modernes Mädchen, sie trug nicht unbedingt einen Schleier. Damit sind wir das Gegenteil der Familie von Morteza Abdolali Sarbandi (des Getöteten - d. Red.). Deren Frauen trugen alle schwarze Schleier. Es gibt viele Unstimmigkeiten in dem Fall, aber statt sachlicher Anhaltspunkte zieht das Gericht solche Dinge in Betracht.
SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie auf internationale Hilfe?
Pakravan: Ich hoffe auf die Menschen. Ich glaube daran, dass sie sich in Reyhanehs Lage und in die Lage unserer Familie versetzen können. Hoffnung auf Hilfe durch Organisationen oder Regierung habe ich nicht - Reyhanehs Fall ist nicht politisch.
SPIEGEL ONLINE: Seit rund sieben Jahren ist Reyhaneh in Haft. Haben Sie noch Hoffnung, dass sie irgendwann freikommt?
Pakravan: Man lebt, weil man Hoffnung hat. Ich werde immer hoffen, dass Reyhaneh freikommt. Um diese Hoffnung wahr werden zu lassen, werde ich alles tun, was in meiner Macht steht. Es gab Situationen, in denen wir nächtelang nicht geschlafen, geweint, uns allein gefühlt haben. Manchmal wurde ich vor Angst fast ohnmächtig. Aber wir sind stärker geworden.
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