Rikscha-Zirkus in Islamabad Kriegskinder in der Manege

Annika Schmeding knattert mit einer Motorrikscha und zwei Freunden von Afghanistan über Pakistan und Iran in die Türkei. Unterwegs machen die drei Zirkus für Kinder, die sonst wenig zu lachen haben. Die Tour ist gefährlich - und Begleitung durch die Polizei Pflicht.

Rickshaw Circus

Von , Islamabad


Wo steckt Adnan? Stundenlang hören Annika Schmeding, 25, und Peter Gatehouse, 39, nichts von ihm. Die deutsche Studentin und der britische Computerfachmann sind per Flugzeug von Kabul nach Islamabad gekommen. Sie haben von den Behörden keine Genehmigung bekommen, auf dem Landweg über die Grenze zu fahren, durch die gefährlichen pakistanischen Stammesgebiete, wo Stammesälteste und Extremisten das Sagen haben. Menschen aus dem Westen trifft man dort so gut wie nie.

Aber Adnan Khan, 41, ihr pakistanischer Freund, von Beruf Journalist, ist mit der Motorrikscha unterwegs von Kabul nach Islamabad, die Route führt ihn mitten durch ein Gebiet, das als Rückzugsort von Terroristen gilt. Mit der Rikscha will das Trio in den kommenden sechs Wochen eine rund 8000 Kilometer lange Tour zurücklegen. Das Mobil hat drei Sitze, außerdem einen Tisch, auf dem man einen Laptop festzurren kann und viel Stauraum für Gepäck und Material zum Jonglieren. "Rickshaw Circus" steht darauf. Die bunte Sonderanfertigung wurde in der ostafghanischen Stadt Jalalabad gebaut.

Die Grenzbeamten staunten, als Khan sich ihnen mit dem knatternden, dreirädrigen Gefährt näherte. Er erzählte ihnen von der Idee: Zu dritt wollen sie mit der Rikscha von Islamabad über Teheran bis nach Istanbul fahren. Unterwegs wollen sie auftreten, Erwachsene zu Zirkuslehrern ausbilden und Kindern Kunststücke beibringen.

Stundenlange Kontrolle an der Grenze

Stundenlang halten ihn die Grenzer auf, lassen ihn warten, prüfen Papiere und Fahrzeug. Als Khan endlich weiterfahren darf, geschieht ganz in der Nähe ein Terroranschlag. Die Straße wird gesperrt, er steckt jetzt in den Stammesgebieten fest. Das Handy hat keinen Empfang. In Islamabad hören Schmeding und Gatehouse von dem Anschlag. Vor Sorge finden sie keinen Schlaf. Doch Khan genießt das Abenteuer: "Die Polizisten am Grenzübergang in Torkham sagten, ihnen wäre hier noch nie jemand mit Touristen-Passierschein begegnet. Und in den Stammesgebieten kamen Menschen auf mich zu und wollten wissen, was für eine lustige Rikscha ich da habe." Mit zehn Stunden Verspätung erreicht Khan Islamabad.

In den nächsten Tagen werden die drei Halt machen in den pakistanischen Städten Faisalabad und Quetta. "Wir freuen uns riesig darauf", sagt Schmeding. Doch die Tour ist auch gefährlich. In der Krisenprovinz Belutschistan, deren Hauptstadt Quetta ist, wurden in den vergangenen Monaten mehrere Ausländer entführt. Es gilt eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Auf weiten Teilen der Strecke in Pakistan benötigen die drei Polizeischutz. Mit ihrem schrägen Mobil fallen sie auf. Das Vorhaben wirkt naiv und leichtsinnig, Eltern und Freunde haben sie gewarnt. Aber die drei sagen, sie wüssten, worauf sie sich einließen.

"Wir wollen, dass die Leute kommen und Fragen stellen. Wir können ihnen dann Kunststücke zeigen und ihnen etwas beibringen", sagt Khan. Vorbild der drei ist der seit zehn Jahren aktive "Mobile Mini Circus for Children" (MMCC) in Afghanistan, der Hunderttausenden von Kindern in dem kriegsgeschüttelten Land frohe Stunden verschafft und zu Unterricht verholfen hat. "Sozialer Zirkus" sei das, eine Art therapeutische Betreuung von Kindern in Krisengebieten, sagt Schmeding.

"Macht das auf keinen Fall zu Hause nach"

Doch inzwischen wird beim MMCC das Geld knapp, der Zirkus musste Personal entlassen und eine Schule im westafghanischen Herat schließen. Schmeding, Khan und Gatehouse wollen ihre Einnahmen dieser Organisation spenden. 12.000 Dollar kostet ihre Tour bis Istanbul, inklusive Benzin und Übernachtungen. "Wir schlafen überwiegend bei Freunden, Bekannten und Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten", erzählt Schmeding. Etwa drei Viertel der Summe haben sie schon durch Spenden eingenommen. "Ich denke, am Ende werden wir mit einem guten Plus rauskommen", sagt Khan.

Schmeding hat nach einem Bachelor in Anthropologie die afghanische Regierung bei der Medienarbeit beraten. Als nächstes möchte sie einen Master in Regionalwissenschaften, Schwerpunkt Südasien, im niederländischen Leiden machen. Zurück nach Europa musste sie also sowieso. "Da hatten wir den Einfall, bis nach Istanbul mit der Rikscha zu fahren." Khan lebt derzeit in der Türkei, dort wollen sie das Gefährt verkaufen.

Die erste Aufführung in Islamabad läuft glatt. Gatehouse ist Feuerschlucker, Kinder aus allen Schichten sind mit ihren Eltern gekommen. Mit offenen Mündern schauen sie zu, wie Gatehouse seine Zunge an die Flamme hält. So etwas sieht man selten in Pakistan. Gatehouse warnt sie: "Macht das zu Hause auf keinen Fall nach!" Auch Schmeding und Khan zeigen Kunststücke mit Fackeln. Nach der Aufführung dürfen die Zuschauer auch jonglieren - ohne Feuer.

In Faisalabad und Quetta und später in Iran wollen sie vor taubstummen Kindern auftreten, vor Straßenkindern, Waisen und Kindern mit schweren Krankheiten. "Es sind Mädchen und Jungen in Krisenregionen, denen wir ein wenig Spaß vermitteln und Raum zum Träumen geben wollen", sagt Schmeding. Sie hätten die Erfahrung gemacht, dass Kinder, denen sie akrobatische Nummern beibrachten, noch Monate später davon zehrten.

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callistonairi 25.07.2012
1.
Zitat von sysopRickshaw CircusAnnika Schmeding knattert mit einer Motorrikscha und zwei Freunden von Afghanistan über Pakistan und Iran in die Türkei. Unterwegs machen die drei Zirkus für Kinder, die sonst wenig zu lachen haben. Die Tour ist gefährlich - und Begleitung durch die Polizei Pflicht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,845738,00.html
Tolle und mutige Aktion. Ich wünsche den Dreien alles Gute auf ihrer Reise!
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