Konferenz in Rom Papst will Missbrauch bekämpfen - und greift Kritiker an

"Hören wir den Schrei der Kleinen": Der Papst hat das historische Antimissbrauchstreffen mit deutlichen Worten eröffnet. Kirchenkritiker nannte er zuvor noch "Freunde des Teufels".


Im Vatikan hat eine große Antimissbrauchskonferenz begonnen. Bischöfe aus aller Welt wollen erörtern, wie sie Kindesmissbrauch bekämpfen können. Papst Franziskus forderte zum Auftakt "konkrete und wirksame Maßnahmen", um den vom deutschen Kardinal Reinhard Marx als "Übel" bezeichneten sexuellen Missbrauch zu bekämpfen.

Der Papst sagte in der Synodenaula des Vatikans: "Hören wir den Schrei der Kleinen, die Gerechtigkeit verlangen." Er erinnerte die Chefs der Bischofskonferenzen an ihre Verantwortung und verlangte "Mut und Konkretheit". Ein nun vorgestellter Bericht aus dem Bistum Augsburg belegt derweil weitere grausame Übergriffe in einem früheren katholischen Kinderheim.

An dem Treffen nehmen bis Sonntag neben den rund 110 Bischöfen auch die Spitzen der römischen Kurie und Ordensvertreter teil. Der erste Tag begann mit einem Gebet. In Arbeitsgruppen sollen die Themen Verantwortung, Rechenschaftspflicht und Transparenz besprochen werden.

Der bisherige Umgang mit den zahlreichen Missbrauchsvorfällen hatte der katholischen Kirche viel Kritik eingebracht. Mitunter zu viel - findet offenbar Papst Franziskus. Menschen, die die Kirche ständig und "ohne Liebe" kritisierten, seien "die Freunde, Cousins und Verwandten des Teufels", hatte der Papst laut "Guardian" vor Pilgern aus Süditalien gesagt.

Papst hat genug von "beschuldigen, beschuldigen, beschuldigen"

Zwar müssten Defizite benannt werden, damit man sie beseitigen könne. Er versprach eine "Null Toleranz"-Haltung gegenüber Missbrauch. Man könne jedoch nicht ein ganzes Leben lang "die Kirche beschuldigen, beschuldigen, beschuldigen", sagte Papst Franziskus vor dem Treffen.

"Das ist ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden", sagte Judy Larson von der Organisation "Survivors Network of Those Abused by Priests" der "New York Post". Mit Statements dieser Art gebe es keine Hoffnung auf Besserung.

Doch genau die versucht die Kirche mit der historischen Konferenz. Der Papst sagte: "Die Jungfrau Maria möge uns erleuchten, um diese schweren Wunden zu heilen, die der Skandal der Pädophilie sowohl den Kleinen als auch den Gläubigen zugefügt hat."

Wenige Tage vor der Konferenz setzte er ein Zeichen, indem er den Ex-Kardinal und früheren Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, nach Missbrauchsvorwürfen aus dem Klerikerstand entließ. Erst vor wenigen Tagen hatte Papst Franziskus zudem auch den Missbrauch von Nonnen durch Geistliche eingeräumt.

Opferverbände verlangen jedoch mehr: Konkret fordern sie eine Änderung des Kirchenrechts, damit pädophile Geistliche nicht mehr als Priester arbeiten dürfen. Kritische Theologen sprechen sich darüber hinaus für eine Gewaltenteilung und eine stärkere Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern aus.

Opferschutzverband verärgert

Die Zeit der "salbungsvollen Worte" sei vorbei, sagte Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband Eckiger Tisch. Er war verärgert, dass der Papst bei einem Vorabtreffen zwischen Opfern und dem Vorbereitungskomitee am Mittwoch nicht dabei war.

Missbrauch ist in der Kirche schon lange ein Thema. Bereits in den Achtzigerjahren waren erste Missbrauchsfälle durch Geistliche bekannt geworden. Skandale in Deutschland, Irland, Chile und den USA erhöhten nach und nach den Druck. Viele Gläubige haben sich deshalb von der Kirche abgewandt.

Zahlreiche Opfer wiederum leiden zusätzlich auch an der Vertuschung nach dem Missbrauch. Der deutsche Pater Hans Zollner, der den Gipfel mit vorbereitet hat, verlas zum Auftakt nun die Worte: "Keiner hat mir zugehört, ... keiner hat mein Weinen gehört, ich frage mich, warum hat Gott mir nicht zugehört."

Der deutsche Kardinal Marx erhofft sich von dem Treffen Impulse. "Ein Ziel muss sein, dass alle Bischöfe begreifen, das ist eine Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen. Überall, in der Kirche und in der Gesellschaft natürlich auch", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in Rom.

apr/dpa/AFP

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