Russische Investigativ-Journalistin "Sie können uns nicht alle umbringen"

In Moskau wird ein Blogger brutal ins Koma geprügelt, Präsident Medwedew fordert besseren Schutz für Journalisten - "alles nur Gerede", kritisiert die Reporterin Elena Milaschina von der "Nowaja Gaseta". Im Interview spricht sie über die Feinde der Presse und den Tod von Kollegen.

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Elena Milaschina sitzt in der wohlig beleuchteten Lobby des Hamburger Atlantik-Hotels und schaut prüfend auf ihre perfekt manikürten Fingernägel. Gerade hat die Journalistin der "Nowaja Gaseta" einen Preis bekommen, den Alison Des Forges Award von Human Rights Watch. Für die Beharrlichkeit, mit der sie über Menschenrechtsverletzungen und Korruption in Russland berichtet. Für ihr Durchhaltevermögen, ihre Standfestigkeit, ihren Mut.

So richtig genießen kann Milaschina die Auszeichnung nicht. "Kaum bin ich mal aus dem Land, geht es bei uns schon wieder hoch her", sagt sie wütend. Am vergangenen Mittwoch überfielen Unbekannte den Bürgerrechtler und Umweltaktivisten Konstantin Fetisow und schlugen ihn so brutal, dass er im Krankenhaus vorübergehend in ein künstliches Koma versetzt werden musste.

In der Nacht zu Montag traf es einen Redakteur der bei Moskau ansässigen "Schukowskie Westi": Anatoli Adamtschuk erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und zahlreiche Prellungen, als zwei Unbekannte über ihn herfielen, berichtete die Nachrichtenagentur Ria Nowosti unter Berufung auf einen Kollegen des Verletzten. Kurz vor dem Überfall hatte der Umweltschützer noch ein Interview mit einem Beamten der Stadtverwaltung aufgezeichnet. Die Speicherkarte mit der Aufnahme sei ihm gestohlen worden, hieß es.

Für Empörung sorgte der Überfall auf den bekannten Blogger Oleg Kaschin von der Tageszeitung "Kommersant". In der Nacht zum Samstag lauerten ihm vor seiner Wohnung in Moskau zwei Männer auf und prügelten ihn fast tot. Der Hausmeister fand den 30-Jährigen in einer Blutlache. "Zwei Typen sind über mich hergefallen. Sie haben auf mich gewartet", sagte der Reporter noch und verlor dann das Bewusstsein, berichtete der "Kommersant".

"Den Kiefer zermalmt, damit er nichts mehr sagen kann"

"Oleg Kaschin ist ein kritischer Beobachter, der mit Distanz berichtet und wenig wertet, um sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen", beschreibt Milaschina die Arbeitsweise ihres Kollegen. "Dass ausgerechnet er jetzt zum Opfer eines Übergriffs wurde, beweist, dass man in Russland als Journalist nie sicher ist - auch nicht, wenn man sich zurückhält."

Von seinen Kollegen wird Kaschin als handfester Kritiker beschrieben, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging. Gründe, den Journalisten ausschalten zu wollen, gab es offenbar genug: Seit geraumer Zeit berichtete der Reporter über den Kampf Moskauer Umweltschützer, die verhindern wollen, dass für einen Autobahnzubringer zu einem Flughafen der Eichenwald von Chimki abgeholzt wird. Doch auch eine persönliche Fehde könnte zu dem Übergriff geführt haben: In seinem Blog hatte Kaschin den Gouverneur von Pskow, Andrej Turschak, harsch kritisiert und dadurch einen Skandal ausgelöst. Nun vermuten Beobachter, der Politiker könne sich gerächt haben.

Sein Engagement gegen Kreml-treue Jungaktivisten hatte Kaschin schon in der Vergangenheit Probleme bereitet. Erst vor kurzem war auf der Website der "Jungen Garde", einer Organisation der Putin-Partei "Einiges Russland", ein Foto von Kaschin im Ringelshirt zu sehen - darüber ein Stempel mit der Aufschrift "Budet nakasan" - "er wird bestraft werden". Eine Drohung, die nun zu bitterer Realität geworden ist.

"Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen", sagte Wladimir Markin von der Obersten Staatsanwaltschaft. Man konzentriere sich auf das berufliche Umfeld von Kaschin. Für den Arbeitgeber des Journalisten ist die brutale Botschaft allerdings unmissverständlich: "Sie haben ihm die Beine kaputtgeschlagen, damit er nicht mehr dahin geht, wo er nichts zu suchen hat, die Finger, damit er nichts mehr schreiben kann, was er nicht soll, man hat ihm den Kiefer zermalmt, damit er nichts mehr sagen kann", empörte sich der Chefredakteur des "Kommersant", Aser Mursalijew.

Zahlreiche Journalisten hatten in einem offenen Brief auf der Titelseite der Zeitung mehr Schutz für Journalisten gefordert, die EU-Kommission verurteilte die Angriffe als "nicht akzeptabel". "Wir hoffen, dass die Verantwortlichen der Justiz überstellt werden", sagte Kommissionssprecherin Pia Ahrenkilde in Brüssel. Auch EU-Außenministerin Catherine Ashton drückte ihre "tiefe Sorge" über die "brutalen Vorfälle" aus.

Selbst der russische Präsident Dmitrij Medwedew hatte seine Sorge um die Unversehrtheit der Berichterstatter kundgetan - zunächst per Twitter. Ob es dem Präsidenten damit ernst sei? "Das sind nur die üblichen Rituale", bedauert Elena Milaschina, eine kleine, resolute Person von bisweilen irritierender Strenge. "Wenn Medwedew es ernst meinte, würde er nicht twittern, sondern sich vor die Fernsehkameras des Ersten Kanals setzen und dem Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bordnikow, erklären, dass er ihn entlassen werde, sollte er nicht innerhalb von drei Tagen die Schuldigen finden." Es gebe bisher keine Hinweise darauf, dass im Fall Kaschin intensiver ermittelt würde als in allen vergleichbaren Fällen zuvor.

"In Russland werden Übergriffe auf Journalisten nicht bestraft"

Die 32-Jährige kennt sich aus. Fünf ihrer Kollegen von der "Nowaja Gaseta" wurden in den vergangenen zehn Jahren ermordet - unter ihnen auch Anna Politkowskaja, die sich mit ihrer kritischen Tschetschenien-Berichterstattung viele Feinde gemacht hatte und Natalja Estemirowa, eine Journalistin, die für die Menschenrechtsorganisation Memorial im Kaukasus tätig war. Beide Frauen wurden erschossen. Keiner der Täter wurde zur Rechenschaft gezogen.

"In Russland werden Übergriffe auf Journalisten nicht bestraft. Im Gegenteil, die Behörden fördern sie noch", ist Milaschina überzeugt. "Bei uns gelten tschetschenische Rebellen, Umweltschützer oder Menschenrechtler als innere Feinde - aber vor allem die Journalisten, die über ihre Aktivitäten berichten."

Auch Milaschina selbst wurde bedroht und verfolgt. Als sie nach der Geiselnahme im nordossetischen Beslan ermittelte, entkam sie nur knapp einem Anschlag. Oft klingelte in den vergangenen Jahren das Telefon, am anderen Ende eine unbekannte Stimme, die unmissverständliche Warnungen formulierte.

"Ich habe schon lange keine Angst mehr", sagt Milaschina und lässt ihre braunen Augen fest auf dem Gegenüber ruhen. "Nur Wut und die Überzeugung, dass ich mich weiter engagieren werde." Dies sei eine prinzipielle Haltung, so unumstößlich wie die Einstellung der Regierung "nichts zu unternehmen oder aufzuklären".

Niemand habe nach dem Tod von Kollegen bei der "Nowaja Gaseta" gekündigt. Niemand habe gesagt, er habe Angst, er könne nicht mehr. "Diese Fragen stellen wir uns nicht. Wir machen einfach weiter." Immer werde es in Russland Opfer wie Anna Politkowskaja oder Natalja Estemirowa geben. "Aber alle können sie schließlich nicht umbringen."

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