Morde an Frauen in Russland Wo Gewalt zu Hause ist

In Russland werden jährlich mehr als 12.000 Frauen von Angehörigen getötet. Doch die Gesetze gegen häusliche Gewalt sind ungenügend. Auch Kateryna Menschikowa wurde von ihrem Partner misshandelt - und will etwas tun.

Der Schlag trifft Kateryna Menschikowa in den Bauch. Sie holt Luft, versucht an ihr Mobiltelefon zu gelangen, das Igor ihr aus der Hand gerissen hat. Der packt sie. Fäuste prasseln auf ihr Gesicht ein, einmal, zweimal, dreimal. Wie oft, kann sie nicht sagen. Sie schaut nur auf ihre beiden Kinder, drei Jahre und zwei Jahre alt. Sie weinen. Wie sie.

"Geh", ruft Menschikowa, "verschwinde". Doch Igor haut wieder auf sie ein. Dann nimmt ihr Ex-Mann das Telefon, mit dem sie versucht hat, zu filmen, wie er sie bedroht. Er verlässt die Wohnung. Endlich.

Wenn Menschikowa am Telefon davon erzählt, wie ihr Ex-Mann in die Wohnung eingedrungen ist und sie verprügelt hat, spricht sie nicht von dem eigentlichen Datum, dem 16. September 2019, sondern nur vom "Tag der Schläge". Die 25-jährige Modedesignerin lebt in Kstowo, einer Stadt mit 68.000 Einwohnern, 400 Kilometer östlich von Moskau gelegen.

Menschikowa spricht in kurzen Sätzen, überlegt und nüchtern, so als ob sie versuche, ihre Gefühle weit von sich zu halten. Sie sucht nach Worten, atmet hörbar ins Telefon: "Ich hatte solche Angst, dass er wiederkommt. Wieder zuschlägt."

Kateryna Menschikowa: "Ich hatte solche Angst"

Kateryna Menschikowa: "Ich hatte solche Angst"

Foto: Kateryna Menschikowa

Bei einer Nachbarin ruft sie Polizei und Krankenwagen, später kommt ein Beamter, zuständig für Kindesbelange. Sie wolle nicht, dass sich Igor ihr und den Kleinen nähert, sagt sie. "Ein solches Gesetz gibt es nicht", sagen die Beamten.

Gesetzentwurf Nummer 43

Bis heute hat Russland kein Gesetz, das Frauen und Kinder gegen häusliche Gewalt schützt. 42 Versuche gab es laut Frauenrechtlerinnen in den letzten zehn Jahren, ein Gesetz ins Parlament einzubringen. Alle scheiterten. Jetzt wird Versuch Nummer 43 unternommen, gerade wurde ein neuer Entwurf veröffentlicht.

Mit dem Schutz von Frauen und Kindern habe der wenig gemein, sagen Frauenrechtlerinnen. Der Gesetzestext sei rechtlich so formuliert, dass er erhebliche Mängel aufweise: Zum einen falle nach jetziger Fassung körperliche Gewalt nicht unter die Bestimmung von häuslicher Gewalt. Zum anderen werden Partner, die ohne Trauschein zusammenleben, nicht so geschützt wie Ehepartner.

Der Gesetzentwurf gehe viel zu weit, sagen dagegen Vertreter der orthodoxen Kirche und Erzkonservative. Das geplante Vorhaben zerstöre das Familienleben und die "traditionellen geistig-moralischen Werte".

Bis zum Ablauf der Frist am vergangenen Sonntag gingen Tausende Änderungsvorschläge im Parlament ein, sie sollen nun begutachtet und "ausbalanciert werden". Was das heißt, ist unklar. Premier Dimitrij Medwedew spricht inzwischen von einem Gewalt-Problem in Familien. Nur wie die Regierung darauf reagieren will, sagt er nicht. Einmal mehr tobt ein Kampf um die gesellschaftliche Deutungshoheit in Russland - und er wird von den Ultrakonservativen mit allen Mitteln geführt.

Angebliche Feinde der Nation

Frauenrechtlerinnen wie Aljona Popowa, die sich seit Jahren für ein wirksames Gesetz einsetzt, erhalten Drohungen bis hin zu Mord. "Sie zeigen auf uns, nennen uns Feinde der Nation. Auf Plakaten werden wir als jene dargestellt, die es gilt zu erschießen."

Sie werde weiterkämpfen, sagt Popowa. Der Umgang mit der Gewalt macht die Juristin wütend. Wenn etwa der Napoleon-Forscher Oleg Sokolow seine Partnerin und Studentin Anastasia Jeschtschenko im November erschießt, ihren Körper zerstückelt und dann das Staatsfernsehen Teile seines Verhörs zeigt, in dem er Reue bekennt. Oder die drei Schwestern Chatschaturjan, die von ihrem Vater jahrelang missbraucht und geschlagen werden, bis sie ihn erstechen, weil sie nicht mehr weiter wissen und dafür nun wegen Mords angeklagt werden könnten. "Das zeigt die Haltung unserer Führung", sagt Popowa, "sie steht immer auf der Seite der Täter, sucht sogar Gründe, um die Frauen zu bestrafen".

Angelina (vorn) und Krestina Chatschaturjan (hinten) im Gericht: Ihnen drohen bei Anklage wegen Mords bis zu 20 Jahre Haft

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Foto: ITAR-TASS/ imago images

Hohe Dunkelziffer

Kateryna Menschikowa hat vor Kurzem öffentlich gemacht, was ihr ehemaliger Mann ihr angetan hat. Lange sprach sie nur mit ihrer besten Freundin darüber. Unter #tyneodna - Du bist nicht allein  und #Janechotelaumerat - Ich will nicht sterben , Hashtags, unter denen russische Frauen auf ihre Schicksale aufmerksam machen, hat sie darüber auf Instagram  geschrieben. "Ich bin eigentlich eher verschlossen. Das aber war notwendig, zu schweigen ist nicht richtig. Wir brauchen Schutz."

Den hat Menschikowa nicht bekommen. Sie versucht auf Abstand zu ihrem Mann zu gehen. Nach drei Jahren Ehe zieht sie 2018 aus der gemeinsamen Wohnung. Ihr Partner sei ständig betrunken gewesen, alle ihre Hilfsangebote habe er abgelehnt. Immer wieder habe sie mit ihm versucht, darüber zu sprechen, warum er trinkt. "Einmal hat er seine Faust an meinem Kopf vorbei gegen die Wand gehauen". Ihr Mann verfolgt sie. Sogar im Bus zur Arbeit passt er sie ab, verhöhnt sie als Prostituierte. Keiner der Fahrgäste hilft ihr, sie flieht aus dem Bus, rennt, bis sie ihn abschütteln kann. Im August 2019 lässt sie sich scheiden. Er bedroht sie wieder. Sie versucht ihn wieder anzuzeigen. Es gibt ja keine Spuren, sagen Polizisten.

Häusliche Gewalt in Zahlen zu fassen, ist in Russland schwierig, nicht nur weil die Polizei es oft ablehnt, Anzeigen aufzunehmen, viele Opfer schämen sich. Die Dunkelziffer ist hoch, aber allein die Zahlen, die bekannt sind, geben zu denken:

  • 40 Prozent der Gewaltverbrechen passieren laut Innenministerium zu Hause.
  • Jährlich werden Tausende Frauen durch Angehörige getötet, sagen Frauenrechtlerinnen. Ihnen zufolge sind es rund 12.000 bis 14.000 bei einer Bevölkerung von 145 Millionen, sie berufen sich auf frühere offizielle Angaben. Das Innenministerium erklärte zuletzt, dass 2018 insgesamt rund 21.400 Fälle häuslicher Gewalt aufgenommen wurden, darunter fielen auch Todesfälle. Da bis heute nicht definiert ist, was häusliche Gewalt ist, schwanken die Zahlen sehr, worauf auch die Vorsitzende des Föderationsrates hinweist. Sie kritisiert, dass entweder keine Angaben von Behörden vorliegen oder diese unvollständig seien. In den USA sterben bis zu 1800 Frauen im Jahr durch Gewalt ihrer Nächsten, dort leben mehr als doppelt so viele Menschen wie in Russland. In Deutschland wurden 122 Frauen im vergangenen Jahr getötet, bei rund 83 Millionen Bewohnern.
  • 79 Prozent aller wegen Mords verurteilten Frauen in Russland wehrten sich einer Untersuchung des Kremlkritischen Online-Portals Mediazona gegen gewalttätige männliche Angehörige.

Einen Monat verlässt sie nicht die Wohnung

Lange schaute man weg in Russland. Das geht uns nichts an, hört man noch heute. Oder: "Wenn er dich schlägt, liebt er dich". Kateryna Menschikowa lacht kurz auf, als sie das russische Sprichwort hört, es klingt bitter: "Was für ein Unsinn." Zuletzt gingen vor allem Frauen auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren. "Es reicht", stand auf Plakaten. Gerade Jüngere lehnen häusliche Gewalt ab.

Nachdem Igor sie im September verprügelt hat, verlässt Menschikowa einen Monat lang nicht das Haus. "Ich habe immer gedacht, er lauert mir wieder auf." Immerhin wird ihr Ex-Mann danach verurteilt - zu Sozialarbeit, 120 Stunden. Häusliche Gewalt gilt im Erstfall seit zwei Jahren nur noch als Ordnungswidrigkeit. Seitdem werden weniger Taten erfasst.

"Es schmerzt mich sehr, dass meine Kinder miterleben mussten, dass er mich geschlagen hat", sagt Menschikowa. Ihr Sohn Kostja ist in ärztlicher Behandlung, ihrer Tochter Lilija gehe es soweit gut. Menschikowa wohnt mit den Kindern in der Wohnung ihres Vaters. In der gemeinsamen Wohnung lebt noch immer ihr Ex-Mann, auch wenn sie die Hypothek bezahlt.

Menschikowa würde gern weg aus dem kleinen Kstowo. Sie will Igor nicht mehr begegnen.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja
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