S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Die verlorene Unschuld

Es gibt Nacktbilder von Kindern, mit denen ganz legal gehandelt werden darf - das ändert sich womöglich bald, und das ist gut. Doch die Debatte nach dem Fall Edathy führt auch dazu, dass wir Kindern Körperlichkeit als Tabu vermitteln.

Wenn Empörung groß ist, soll schnell gehandelt werden. Die Empörung ist besonders groß, wenn Kinder Opfer sind, entsprechend zügig purzeln die Vorschläge, was man den Missständen entgegensetzen könnte. Der Fall Edathy hat zu Überlegungen geführt, wie man mit dem Umstand umgehen soll, dass der Handel mit Nacktbildern von Kindern nicht zwangsläufig strafbar ist, auch wenn die Motive von Käufer und Verkäufer auf der Hand liegen.

Justizminister Heiko Maas (SPD) hat sich Gedanken gemacht und schlägt vor, den Handel mit Foto- und Filmmaterial generell unter Strafe zu stellen, auf dem Kinder und Jugendliche nackt sind. Maas' zentraler Ansatz: den Handel, das Geschäft mit der Lust auf Kinder, zu unterbinden.

Dem Tausch von Bildern übers Internet ist damit nicht beizukommen und auch nicht dem Umstand, dass es manchem Pädophilen vielleicht schon reicht, ein Kind ein Eis lecken zu sehen, um erregt zu sein. Ein erster, richtiger Schritt ist dieser Vorschlag immerhin.

Dummerweise hat Empörung noch eine andere Kraft: Mitunter setzt sie Hysterie frei. Im Fall der Vorstellung, dass Aufnahmen von Kindern von Pädophilen zum Ausleben ihres Sexualtriebs genutzt werden und dagegen ganz schnell etwas passieren muss, rotiert die gesellschaftliche Alarm-Maschine auf vollen Touren.

Vorsicht bei der Schweinebaumel

Wir drehen eh schon durch, was unsere Kinder anbelangt. Lassen sie ohne Helm nicht im Garten Fahrrad fahren und wenn ein Mitschüler "Arschloch" zu ihnen sagt, rennen wir zum Schuldirektor. Und mit dem Bewusstsein, dass selbst harmlose Fotos dem Bösen Nahrung sind und der Frage, ob man Kinder noch nackt fotografieren darf, werden wir Kinderschänder mit Kamera all über all vermuten. An jeder Ecke werden wir die potentiellen Spanner und Fotografierer herumstehen sehen, die Bilder von unseren Liebsten machen.

Jeder Kita-Mitarbeiter, jede Hortbetreuerin, der oder die im Sommer Fotos von dem im Planschbecken spielenden Nachwuchs macht, wird uns verdächtig erscheinen. Wir werden unsere Unschuld verlieren und hinter allem das Böse vermuten. Das wird dazu führen, dass wir die Kinder nicht mehr am Strand nackt herumtoben lassen, dass wir ihnen etwas anziehen, wenn sie bei 30 Grad Hitze im Sommer an der Wasserpumpe auf dem Spielplatz spielen.

Wir werden es merkwürdig finden, wenn wir sehen, dass Eltern ihre unbekleideten Kinder fotografieren und besonders aufmerksam sein, wenn ein Vater im Schwimmbad seine Tochter abtrocknet. Wir werden es grenzwertig finden, wenn Eltern und Kinder gemeinsam in die Badewanne steigen und die Erwachsenen unbekleidet in der Wohnung herumlaufen.

Eltern werden darauf achten, dass ihr Mädchen stets mit geschlossenen Beinen sitzt. Sie werden ihre Kinder anhalten, Schweinebaumel nur dann zu machen, wenn das T-Shirt nicht aus der Hose rutschen kann. Wir werden aus den Augen verlieren, dass die meisten Missbräuche im Nahfeld stattfinden, dass es die Väter, Opas, Onkel und gute Freunde sind, die die Kinder missbrauchen und oft genug die Eltern, die Fotos und Filme ihrer Kinder dem Pädophilenmarkt anbieten.

Verlust des Grundvertrauens

Stattdessen werden wir in jedem Kerl, der am Laternenpfahl steht, einen potentiellen Pädophilen ausmachen. Wir werden unsere Kinder noch mehr überwachen und von allem fernhalten, was mit Körperlichkeit zu tun hat. Schon jetzt sind mir Kinderbücher untergekommen, in denen Mädchen nackt, aber ohne Geschlecht dargestellt sind.

In der Folge der vermeintlichen allgegenwärtigen Bedrohung durch Menschen, die Kinder fotografieren, werden wir eine neue alte Verklemmung kultivieren und sie auf die Kinder übertragen, die merken, dass man Dinge, die mit dem Körper zu tun haben, lieber heimlich macht. Und weil wir völlig hysterisch werden und unser Grundvertrauen verlieren, werden wir, wenn wir mitbekommen, dass sie Doktor spielen, beim Missbrauchsnotdienst anrufen und fragen, ob das ein Zeichen dafür ist, dass das Kind etwas Schlimmes erlebt hat.

Sehen, was wir nicht sehen wollen

Ich will so eine Gesellschaft nicht. Ich will das Gute, das die 68er hervorgebracht haben, nicht verdammen. Die Befreiung. Das Verschwinden einer Prüderie und Verklemmung, aus der heraus alles Körperliche als Sünde abgetan wurde und die vermittelten: Der Körper selbst sei das Verderben.

Ich will eine offene Gesellschaft, die die Menschen in ihrer sexuellen Orientierung so nimmt, wie sie sind inklusive der einen, unverrückbaren Grenze: kein Sex mit Kindern. Kinder sind tabu, genau wie alle anderen Menschen, mit denen "Sex" nicht "Sex" ist, sondern Missbrauch.

Es macht mich unglaublich sauer, wenn ich überlege, welche Macht die Täter, diejenigen, die übers Netz Kinderfickermaterial bestellen, über uns haben. Ihr Tun wird dazu führen, dass große Teile der Gesellschaft bereitwillig die erlangten Freiheiten opfern. Dass Kinder selbst am Meer nicht mehr nackt sein dürfen, dass das Verhältnis von Eltern und ihren Kindern wieder verklemmt.

Und die Täter? Sie machen weiter. Missbrauchen Kinder direkt oder sind Nutznießer eines Missbrauchs, den andere ausgeführt haben. Statt der blinden Hysterie zu verfallen und den Kindern am Strand eine Burka überzuwerfen, täten wir besser daran, diese Verantwortlichen ins Visier zu nehmen.

Hinzuschauen und zu sehen, was wir nicht sehen wollen und auszuhalten, was nur schwer auszuhalten ist, und was Heike Faller in ihrem Artikel "Der Getriebene" im "Zeit-Magazin" so großartig beschrieben hat: Sie sind in unserer Mitte. Es sind auch arme Schweine. Aber etlichen kann man helfen, mit ihrer Neigung zu leben, ohne zum Täter zu werden.

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Foto: SPIEGEL ONLINE