Samenbanken "Eine befriedigende Sache"

Rund 30.000 Ampullen verlassen jedes Jahr die California Cryobank. Inhalt: qualitativ hochwertiges Sperma. Es soll Frauen einen langgehegten Kinderwunsch erfüllen. Mancher Mann hat so schon Dutzende Kinder gezeugt - die doch nicht seine sind. Warum? Spender Nummer 11604 gibt Auskunft.


SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie Samenspender geworden?

Spender 11604: Natürlich spielt das Geld dabei eine Rolle, schließlich muss ich dafür Zeit in meinem Terminkalender freiräumen. Aber es gibt eben auch noch dieses altruistische Element. Ich fragte mich, was würde ich tun, wenn ich Probleme dabei hätte, eine Familie zu gründen? Natürlich würde ich dann gerne mit beeinflussen, was für ein Kind es wird. Als Samenspender helfe ich, den Leuten eine größere Auswahl zu bieten.

Samenproben in der Cryobank: "Ich helfe, eine größere Auswahl zu bieten"
REUTERS

Samenproben in der Cryobank: "Ich helfe, eine größere Auswahl zu bieten"

SPIEGEL ONLINE: Was, glauben Sie, ist das Besondere an Ihrem Sperma? Warum sollten sich Kunden mit Babywunsch für Sie entscheiden?

Spender 11604: Alle Samenspender haben das Gefühl, dass sie es nie durch das Auswahlverfahren geschafft hätten, wenn sie nicht die richtigen Personen wären. Leute, die den Familien letztendlich genau das geben können, wonach sie suchen. Ich bin stolz darauf, dass mich die Samenbank ausgewählt hat - und auch darauf, dass ich den zukünftigen Familien etwas bieten kann. Irgendwie ist das schmeichelhaft. Und außerdem ist es doch eine befriedigende Sache, etwas abgeben zu können, das andere begehrenswert finden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie denn das Bewerbungsverfahren bei der Samenbank erlebt?

Spender 11604: Es ist sehr interessant, was die so alles von einem wissen möchten: Medizinischer Hintergrund, Familiengeschichte und so weiter. Alle Spender genießen allerdings ein Recht auf Anonymität. Beim Ausfüllen der Fragebögen muss man sich dann manchmal schon zurückhalten, damit man hinterher nicht identifiziert werden kann. Man ertappt sich selbst dabei: Oh, das war jetzt aber etwas zu bezeichnend. Natürlich will man vermitteln, was für ein Mensch man ist. Gleichzeitig möchte man nicht zu sehr ins Detail gehen. Man beschreibt seine Vorlieben und Abneigungen, Aktivitäten in denen man hervorragend ist, und die Dinge, die man nicht so gut beherrscht, die Ziele die man sich setzt. Eine der Fragen, die sie mir stellten, war: "Wenn Sie etwas an sich ändern könnten, was wäre das?" Ich sagte ihnen, dass ich immer zu spät komme. Vielleicht wollte ich die Eltern darauf gefasst machen, dass ihre Kinder später niemals pünktlich sein werden.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie, ob Sie schon Vater sind?

Spender 11604: Keine Ahnung. Wenn ich mit dem Spenderprogramm hier durch bin, werde ich aber bestimmt fragen. Ich bin sehr neugierig. Es ist doch schon interessant zu wissen, ob es ein Kind gibt, das von mir abstammt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie irgendwelche Gefühle gegenüber Ihren potentiellen Kindern?

Spender 11604: Ich denke nicht, dass ich hier ein Kind zeuge, um das sich niemand kümmert. Es wächst bei Eltern auf, die unbedingt ein Baby haben wollten, die sich kümmern - sonst hätten sie diesen zeitaufwendigen und kostspieligen Prozess ja gar nicht auf sich genommen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Samenspender sind hochbeliebt und haben 20, 30, sogar 50 Kinder...

Spender 11604: Das kommt schon vor. Ich weiß, das klingt verrückt. Da schwingt der Gedanke mit, dass der Spender für all diese Kinder die Verantwortung trägt. Wenn es tatsächlich 20, 30 oder 50 Kinder sind, dann muss man bedenken, dass diese Kinder in 20, 30 oder 50 sehr gewissenhaften Familien aufwachsen. Sie werden dort individuell großgezogen. Sie sind nicht Brüder oder Schwestern. Im biologischen Sinne natürlich schon, aber in der Realität eben nicht. Das ist wie bei adoptierten Kindern. Wenn diese Kinder nun genetisch von mir abstammen, ist das eben so. Ich denke nicht, dass sich ein Samenspender darüber wahnsinnig lange Gedanken macht. Zu einem bestimmten Zeitpunkt haben wir uns damit auseinandergesetzt und mit dem Thema Frieden geschlossen. Ich habe nicht lange gezögert. Hier passiert doch nichts Unverantwortliches.

SPIEGEL ONLINE: Viele Spender räumen ihren Kindern die Möglichkeit ein, sie zu kontaktieren, sobald sie volljährig sind. Machen Sie das auch?

Spender 11604: Nein. Ich habe keine Ahnung, wo ich in 18 Jahren sein werde. Ich weiß einfach nicht, ob ich dann in der Lage sein werde, angemessen auf eine Person zu reagieren, die mich aufsucht, weil ich ihr biologischer Vater bin.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Ihre Eltern und Freunde von Ihrem Nebenjob?

Spender 11604: Nein, meiner Familie habe ich davon nichts erzählt. Wenn meine Mutter wüsste, dass sie eventuell schon Großmutter ist... sie ist sehr gefühlsduselig. Und meine Freunde wissen auch nichts davon. Glauben Sie es oder nicht: Auch Los Angeles ist eine kleine Stadt. Man muss schon genau wissen, wie man diese Information unter Kontrolle hält.

Das Interview führte Frank Hornig (Übersetzung: Sarah Girner)


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