Studie der Kieler Universität Verschickungskinder in Sankt Peter-Ording waren seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt
Christian-Albrechts-Universität in Kiel: Wissenschaftlicher Blick auf menschliche Schicksale
Foto: Carsten Rehder / DPAAb den Fünfzigerjahren wurden Millionen Jungen und Mädchen in Kinderkurheime verschickt – erst in den vergangenen Jahren erhoben zahlreiche von ihnen schwere Vorwürfe gegen das Personal. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat nun die Misshandlungen der sogenannten Verschickungskinder in Sankt Peter-Ording untersucht.
Der Studie zufolge berichteten ehemalige Verschickungskinder sehr häufig von physischer Gewalt wie körperlicher Züchtigung, Einsperren, Essensentzug oder Essenszwang. Die Untersuchung beruht auf mehreren Tausend Seiten Archivmaterial, zehn Einzelinterviews und mehreren Hundert Fragebögen einer externen Erhebung.
Betroffene hätten in den Interviews häufig auch seelische Gewalt genannt, hieß es. Dazu gehören etwa Beschimpfungen, Nichtbeachtung, Bloßstellen, Vorführen, Herabsetzen oder Verbote. Sehr selten seien auch sexualisierte Gewalt oder Arbeitszwang genannt worden.
Nach Angaben von Helge-Fabian Hertz vom Historischen Seminar der CAU dienten die gewalttätigen Maßnahmen aus Sicht der damals Verantwortlichen der Fürsorge. So sollte mit dem Kontaktverbot zu den Eltern, das unter seelische Gewalt falle, Heimweh reduziert werden. »Damals war das so, das geht hin bis zur Körperstrafe. Das ist heutzutage natürlich undenkbar.«
»Jede Gewalterfahrung ist eine zu viel«
Die Berichte aus Sankt Peter-Ording können nach Angaben der Autoren hingegen nicht belegen, dass es systematische Gewaltanwendungen aus niederen oder ideologischen Beweggründen gab, wie etwa Sadismus. Sie unterscheiden sich nach Hertz` Angaben auch substanziell von den Erziehungsheimskandalen, wo es häufig um sexuellen Missbrauch geht. Das habe auch etwas mit der Dauer des Aufenthalts zu tun. Dennoch: »Natürlich ist jede Gewalterfahrung eine zu viel.«
Die Kinderkuren von drei bis sechs Wochen Dauer begannen bereits kurz nach dem Krieg, um sogenannten Bunkerkindern Erholung zu verschaffen. In der Blütezeit der Verschickung in den 1950er- und 1960er-Jahren gab es etwa 30 Heime in Sankt Peter-Ording. Die Studie geht von insgesamt etwa 325.000 Kindern aus, die den nordfriesischen Ort für Erholungskuren besuchten.
Für alle Bundesländer der damaligen Bundesrepublik wird die Zahl der in Kuren verschickten Kinder von 1945 bis 1990 nach unterschiedlichen Berechnungen auf sechs bis acht Millionen oder sogar auf zwölf Millionen geschätzt.