SM-Bestseller "Shades of Grey" Passt das Hundegeschirr auch meiner Frau?

Frauen lesen das Sadomaso-Buch "Shades of Grey", für uns Männer hat das verheerende Folgen. Wir müssen Folterknechte auf CIA-Niveau werden. Wie gut, dass es wenigstens bei Tchibo Beißschienen gibt.
Von Daniel Haas
Gefesselt und geknebelt: "Du hast alles vermasselt!"

Gefesselt und geknebelt: "Du hast alles vermasselt!"

Foto: Corbis

Bei Tchibo haben sie sogenannte Themenwelten, diese Woche sind es Hunde. Es gibt Sachen, damit die Hunde sich gut fühlen, zu Hause, in den Ferien, eine schöne Idee. Ich kann solche Dinge jetzt allerdings nur noch mit einem Schaudern betrachten. Der Grund ist das Buch "Shades of Grey", das, wie ich begriffen habe, ein superliberales, feministisches Werk über eine sadomasochistische Beziehung darstellt.

Ein Milliardär darf eine Frau zu beiderseitigem Vergnügen triezen. Es gibt aufwendige Verträge und sehr komplizierte Techniken, die sowohl die Belastbarkeit von moralischen Vorstellungen als auch von Körperteilen auf eine grobe Prüfung stellen. Dieses Quälspiel habe etwas Befreiendes, so schrieben vor allem weibliche Kritiker. Das ganze romantische Verschmelzungsgetue sei eh Quatsch. Lieber eine klar gegliederte, ordentliche SM-Nummer, da wissen alle, was sie kriegen, und keiner ist hinterher enttäuscht.

Ich komme also an der Themenwelt Hunde von Tchibo vorbei, mein Blick fällt auf die genoppte Beißschiene in mysteriösem Taubenblau. Und schon stellen sich verstörende Fragen ein: Wäre das ein passendes SM-Utensil für meine Frau? Gibt es bei diesen Knebeln und Schienen verschiedene Größen, so wie es verschiedene Zahnspangengrößen gibt? Was ist eigentlich mit der Zahnspange? Hat die jetzt auch ihre Unschuld verloren?

Kerzen? Nur für Schmerzen!

Wer eine progressive, aufgeklärte Sexbeziehung führen will, der muss jetzt, dank "Shades of Grey", sadomasochistische Spiele lernen. Es genügt nicht mehr, nach Hause zu kommen mit ein paar Blumen: "Sorry, Schatz, ich weiß, ist spät geworden, aber hey, mach doch mal nette Musik an und ein paar Kerzen, dann schauen wir weiter."

Auch der Satz "Ach bitte, heute nicht, ich bin so erschöpft, die Überstunden, mein Chef ist einfach ein Sadist" ist Makulatur. Dann sagt sie womöglich: "Einen Sadisten, den hätte ich auch gern zu Hause. Aber du willst es ja immer spontan oder romantisch. Und am Ende muss noch über Gefühle geredet werden!"

So stehe ich vor der Hundewelt bei Tchibo und starre auf die Beißschiene. Auch zum Gassigeschirr mit Plastikgurten und Klettverschlüssen kommen mir finstere Gedanken. Krieg ich da meine Frau rein? Ist das nicht zu eng? Wenn ich ihr das mitbringe, dann freut sie sich als frisch gebackene Masochistin natürlich enorm, aber hinterher passt das nicht, und was sage ich dann? Du bist zu dick? Das wäre sadistisch, aber vielleicht nicht im richtigen Sinn. Was ist denn richtiger und was falscher Sadismus? Und wie entscheidet man so was?

Je länger ich drüber nachdenke, desto wütender werde ich. Wie ein geknebelter Fetischist, dem die Ledermaske zu knapp sitzt, kriege ich keine Luft, und dann, nach ein paar grässlichen, atemlosen Minuten, in denen meine Gedanken - zugegeben - kurz abschweifen zur reizvollen Möglichkeit, meine Frau mit dem Tchibo-Hundeintelligenzspiel zu demütigen (kleine Spielsteine ordnen), da platzt es aus mir heraus: "Ich will doch nicht auch noch im Bett arbeiten müssen!"

Denn das ist es doch: Arbeit. Komplizierte Geräte bedienen (Geißelstuhl, Strafbox), eine Fachsprache lernen (Bonding, Gagging), Verträge aushandeln, riskante Entscheidungen fällen (den Riemen weiterziehen oder lockerlassen?) - nach gängiger Definition sind das Prozesse, die nach der Logik der Arbeit ablaufen.

Ich will aber nicht Codewörter auswendig lernen. Mir reichen schon die vielen Passwörter von E-Mail-, Facebook- und Twitter-Accounts. Ich entsperre mein Handy mit einer vierstelligen Zahlenkombination, logge mich mit einer sechsstelligen Nummer beim Online-Banking ein, und demnächst entriegele ich dann die elektronischen Handschellen meiner Frau mit einer Zahlen-Buchstaben-Kombination, die jeden Kabbalisten in die Verzweiflung treiben würde.

Triezen, bis der Arzt kommt

Oder das medizinische Know-how, das nötig ist, um so eine SM-Beziehung ordentlich auf die Reihe zu kriegen. Dafür muss man ein Fernstudium machen! Ich bin Autor, ich verdiene mein Geld mit Texten, muss ich jetzt auch noch Hobbygynäkologe sein oder Freizeitorthopäde? Diese Metiers müsste man dann nämlich beherrschen, damit man weiß, wie weit man gehen kann, belastbarkeitstechnisch gesehen. Bricht das Schlüsselbein, wenn ich mich da nun draufsetze, oder genügt es, einfach die Springerstiefel auszuziehen? Nicht dass sie hinterher sagt: "Gerade, als es richtig lauschig wurde, hast du alles vermasselt!"

Das Peitschen und Prügeln, das ist noch schwieriger. Nicht umsonst lernen das die Leute bei der CIA oder in Rumänien. Ich habe es für den Anfang mit einer kleinen Reitgerte versucht und eine Melone versohlt. Jetzt muss ich die Küche neu streichen.

Das mit der Beißschiene lasse ich lieber. Die Verkäuferin hatte abgeraten: "Der Geschmack lässt zu wünschen übrig." Ihr Lächeln wird mich bis in den Schlaf verfolgen.