Leben auf Hausbooten vor Sausalito Anker der Freiheit

Das Leben? Kann sich auch mit wenig Platz sehr frei anfühlen. Auf schrammeligen Booten vor Sausalito haben sich Aussteiger eine ganz eigene Welt geschaffen. Die Fotografin Bente Stachowske hat sie besucht.

Bente Stachowske

Von Gesa Mayr


Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Bente Stachowske, Jahrgang 1981, studierte Visuelle Kommunikation in Hamburg. Heute arbeitet sie als freie Fotografin. Für ihre Fotoreportagen geht sie regelmäßig auf Reisen, unter anderem war sie schon im Südsudan und in Malawi.
Geh da nicht raus, haben die Leute an Land zu Bente Stachowske gesagt. "Die sind gefährlich." Verbrecher, Drogenabhängige, Diebe. Die Leute hatten jede Menge Geschichten über die Menschen zu erzählen, die auf alten Booten in der Bucht vor Sausalito leben. Die Fotografin aus Hamburg wollte das nicht so recht glauben, wenn sie die Bewohner manchmal aus der Ferne zu ihren Booten paddeln sah. Sie fragte weiter, schließlich traf sie auf die Fahrerin eines Wassertaxis, Misty. Misty brachte sie zu ihrem ersten Boot.

Etwa 120 Boote liegen in der Bucht zwischen San Francisco und Sausalito, dem Ort direkt hinter der Golden Gate Bridge. Anchor Outs werden sie genannt. Die, die draußen vor Anker liegen.

Kaum irgendwo in Kalifornien ist Wohnen so teuer wie in der Bucht von San Francisco. Seit Langem steigen die Mieten, der Zorn auch. Nur wenige können sich noch leisten, dort zu leben. So wurde auch Misty zum Anchor Out. Früher, erzählte sie Stachowske, wohnte sie mit ihrer Freundin Jennalyn in San Francisco im Stadtteil Marina. Heute leben sie zu zweit auf einem Boot, überall stapeln sich Maschinen, altes Essen, Erinnerungen. Geldprobleme hätten sie zu den Anchor Outs geführt - und das Gefühl, dass sie keinen Platz in der Gesellschaft finden.

Drei Wochen war Stachowske da, fuhr mit Misty von Boot zu Boot. Sie wollte dokumentieren, wer hier so verborgen lebt. Kein Boot war wie das andere. Einige sind noch funktionstüchtig, bei anderen steht der Motor schon seit Jahren still. Auf manchen Booten sei sie in aufgeräumte kleine Zimmer getreten, in anderen stapelte sich wie bei Misty und Jennalynn das Chaos. Manche Bewohner gehen arbeiten, andere bekommen ihre Mahlzeiten bei einer Einrichtung für Bedürftige am Ufer. Viele Menschen seien vorher obdachlos gewesen, sagt Stachowske. Andere seien klassische Aussteiger, Typen, die in der Bucht ihre Freiheit und ihren Frieden suchen. Typen wie Ale Ekstrom.

Krieg der Hausboote

Ale Ekstrom hat sein Boot nach einem Beatles-Song benannt: "Yesterday". Seit den Sechzigern wohnte Ekstrom auf seinem Boot. Ein old salt, wie die Amerikaner sagen. Ein alter Seebär. Er war schon da, als die Anchor Outs noch gar nicht Anchor Outs hießen und nur aus einer kleinen Hippie-Enklave aus schwimmenden Wohnbooten am Ufer bestanden.

In den Siebzigern versuchte die Polizei, die Abtrünnigen zu bewegen, Miete zu zahlen. Noch heute sprechen sie hier vom Krieg der Hausboote. "Sie fanden es einfach schrecklich, dass jemand eine Alternative zum Mieten und Kaufen von Besitz hatte", sagte Ekstrom dem "Independent Journal".

Ekstrom und der trotzige Teil gingen vor Sausalito vor Anker. Der Rest blieb und zahlte. Heute kosten diese "Floating Homes" am Ufer ein Vermögen, über die Holzstege schieben sich zu jeder Jahreszeit Touristen.

Hübsche, teure Uferwelt: die "Floating Homes" in Sausalito
Bente Stachowske

Hübsche, teure Uferwelt: die "Floating Homes" in Sausalito

Ale Ekstrom war ein drahtiger Mann, immer in karierte Hemden und Cordhosen gekleidet, die Haare wirr, seine Vergangenheit auch. Er habe bei der Navy gearbeitet, erzählt er Stachowske und Lokalmedien. Er sei bei den Atomtests auf dem Bikini-Atoll dabei gewesen. Er sei nie darüber hinweggekommen, was er der Menschheit angetan habe. In diesem Sommer starb Ekstrom im Alter von 78. Bevor Stachowske ihn zu ihrer Fotoausstellung in Sausalitos Bücherei einladen konnte.

Die Anchor Outs zahlen keine Miete. Die Boote haben sie meistens günstig irgendwo gekauft. Boote, die keiner mehr will, die irgendwo übrig blieben. Viele sind Rostlauben, bei denen man sich fragt, wie sie sich überhaupt noch über Wasser halten, sagt Stachowske.

"Es ist nicht nur idyllisch"

Doch sie halten sich in der Bucht, dümpeln vor den Villen am Ufer. Ein Panorama wie eine Sozialstudie. So mancher Anwohner in Sausalito fühlt sich von den Anchor Outs gestört. Alle paar Jahre gibt es einen neuen Aufreger. Meist geht es um Probleme wie Abwasserentsorgung und Müll. Die Stadt kümmert sich mittlerweile darum. An der Kritik an den Anchor Outs hat sich nichts geändert.

Manchmal blieb Stachowske über Nacht, manchmal stürmte es. "Es ist nicht nur idyllisch", sagt die Fotografin. "Es ist auch gefährlich, und dafür muss man sich gut mit dem Schiff auskennen." Manchmal reißen sich die Schiffe trotz Anker los, knallen gegeneinander, werden an Land gespült. Manchmal gibt es Berichte über Tote. Bewohner, die im Winter bei Sturm über Bord fielen und ertranken.

Die Anchor Outs nehmen das Risiko auf sich. Viele haben das Gefühl, hier würden sie akzeptiert. Jeder kann so sein, wie er möchte, sagt Stachowske. Nicht allen gehe es gut, nicht alle seien offen. Einige hätten tatsächlich Probleme mit Drogen. "Aber die Gemeinschaft hat sich trotzdem einen schönen Ort geschaffen."

Als sie wieder an Land kam, warteten dort schon Leute aus dem Hafen auf sie. "Sie wollten unbedingt meine Fotos sichten", sagt Stachowske. Sie hatten die Anchor Outs noch nie aus der Nähe gesehen.

Die Autorin auf Twitter:



insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
womo88 08.10.2015
1. Dazu muss niemand nach Kalifornien fahren ...
Wer Menschen erleben will, die auf einem Hausboot leben, braucht doch nur nach Avignon zu fahren. Auf der Ile de Barthelasse liegen genügend bewohnte - vermutlich nicht fahrbereite - Hausboote vor Anker. Und wie es sich lebt mit wenig Platz, weiß jeder, der im Wohnwagen auf einem Campingplatz gewohnt hat. Wir haben 2 Jahre im Wohnwagen gelebt. Es war ok.
Pedronini 08.10.2015
2.
Hier in London gibt es über 3000 Hausboote.
.Arno Nym 08.10.2015
3. Hamburg
Man kann auch einfach nach Hamburg fahren, dort liegen auch jede Menge Hausboote (z.B. im Holzhafen). Zwar nicht vor Anker und es werden normal Liegegebühren bezahlt, aber trotzdem sind sie von Hamburg nur geduldet. Nur die schicken von Architekten durchgestylten Boote an offiziellen Plätzen (z.b. am Eilbekkanal) will man haben. Dort gibt es allerdings nur wenige Plätze und Erschließungskosten von mehreren zehntausend Euro und Auflagen wie die Boote auszusehen haben...
Mr Bounz 08.10.2015
4.
Mal wieder ein Beispiel dafür wie weit es in den USA mit Freiheit und Tolleranz her ist. ... nicht weit. Es sind mal wieder die typischen Randgruppen betroffen, z.B. Transsexuelle usw. die in der US Gesellschaft einfach keinen Platz haben. Zu erkennen ist diese Intoleranz auch an im Artikel erwähnten nicht enden wollenden Beschwerden der Küstenbewohner. Schade eigentlich.
DJ Bob 08.10.2015
5.
Zitat von Mr BounzMal wieder ein Beispiel dafür wie weit es in den USA mit Freiheit und Tolleranz her ist. ... nicht weit. Es sind mal wieder die typischen Randgruppen betroffen, z.B. Transsexuelle usw. die in der US Gesellschaft einfach keinen Platz haben. Zu erkennen ist diese Intoleranz auch an im Artikel erwähnten nicht enden wollenden Beschwerden der Küstenbewohner. Schade eigentlich.
Wenn in D die Hausboote in ein relative gutbürgerliche Gegend wäre..hätten wir schon längst Bürgerinitiaive gegen diese Housboote LOL..Wie zb die gegenwärtie Flüchtlingskrise zeigt. Weinheim in D mehr brauche ich nicht zu sagen .In den USA dürfen Schwule heiraten übrigens und haben laut der Supreme Court die vollen rechte wie andere verheirate hier in D NICHT Gerade die Deutschen sind die grössten Meckerheinis wenn in ihre Nachbarschaft nicht alles "Grün" ist Kehr bitte vor der eigene Haustür...Den in kürzested Zeit werden wir hier VIEL zu kehren haben
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.