Scheidungshotel "Manche schreien sich an - und das ist gut so"

Scheidungsprozesse kosten Zeit, Geld und oft viele Nerven. Die Mediatorin Carola Stenger macht Ex-Paaren ein Angebot: Ein Wochenende in einem Hotel, kein Entkommen vor den Problemen, dafür die Chance auf schnelle Einigung. Kann das gutgehen?

Rrratsch: Scheiden tut weh - hilft der Gang ins Hotel?
DPA

Rrratsch: Scheiden tut weh - hilft der Gang ins Hotel?

Ein Interview von Catalina Schröder


Zur Person
  • Carola Stenger
    Carola Stenger, 56, arbeitet seit 23 Jahren als Familienanwältin in Hamburg. Seit dem vergangenen Jahr vermittelt sie auch als Mediatorin zwischen Paaren, die sich scheiden lassen wollen und die über das Sorgerecht für die Kinder, das gemeinsame Haus oder ihr Vermögen streiten.
SPIEGEL ONLINE: Frau Stenger, wieso laden Sie Scheidungswillige ins Hotel? Reden könnten Sie doch auch in Ihrer Kanzlei.

Stenger: Ein Hotel ist neutrales Terrain für beide. Jeder hat ein eigenes Zimmer, für die Besprechungen treffen wir uns in einem Konferenzraum. Ich organisiere aber keine gemeinsamen Abendessen, es geht nur um die Scheidung. Viele Leute konzentrieren sich besser auf ein langes unangenehmes Gespräch, wenn sie aus ihrer Alltagsumgebung rauskommen und nicht abends einfach nach Hause gehen können.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach strapaziösen Tagen.

Stenger: Das Wochenende ist tatsächlich alles andere als erholsam. Langfristig soll das Scheidungshotel aber für Entspannung sorgen, indem es den Scheidungsprozess eines Ehepaares beschleunigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert das?

Stenger: Ich bin Anwältin und Mediatorin und unterstütze Scheidungspaare, die sich beispielsweise bei der Frage nicht einigen können, wer das Haus behält oder wer sich wann um die Kinder kümmert. Statt eines Scheidungskrieges, der sich vor Gericht ewig hinzieht, treffen wir uns von Freitag bis Sonntag. Wenn alles gut läuft, haben wir am Ende gemeinsam einen Vertrag formuliert, in dem alle Streitpunkte geregelt sind. Wenn das Paar das möchte, kommt am selben Abend noch ein Notar dazu, der den Vertrag beglaubigt. Dieser Vertrag geht dann ans Gericht, und der Scheidungsprozess selbst ist nur noch ein formaler Akt. Ohne lange, unangenehme Verhandlung.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein bisschen zu einfach. Sitzen Sie da nicht mit Leuten zusammen, die sich permanent anschreien?

Stenger: Die Leute schreien sich an, manche zumindest. Andere rennen wutentbrannt aus dem Zimmer. Und das ist auch gut so. Nur wenn die Leute ihren Emotionen freien Lauf lassen, habe ich eine Chance rauszuhören, was ihnen wirklich wichtig ist. Vereinfacht gesagt ist es meine Aufgabe, auf jeden Vorwurf einzugehen, mir die Gegenseite dazu anzuhören und dann bei beiden Parteien um etwas mehr Verständnis für den anderen zu werben. Sind die Gefühle erst mal raus, kann man langsam anfangen, über die Formalitäten zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wohnung, Kinder, Haustiere und Vermögen: Bei einer Scheidung gibt es beliebig viele Streitpunkte. Wie können Sie die alle an nur einem Wochenende regeln?

Stenger: Das geht nur, wenn alle Parteien gut vorbereitet sind: Das Paar muss sich darüber klar sein, welche Punkte besprochen werden sollen. Und ich muss vorher die entsprechenden Unterlagen kennen: Gibt es Immobilien und was sind sie wert? Was verdienen die beiden Partner? Wie hoch sind die Unterhaltsansprüche? Oder wie groß ist das gemeinsame Vermögen?

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn man sich über alles einig wird - sollte man über so wichtige Entscheidungen nicht noch einmal schlafen?

Stenger: Es wird niemand dazu gezwungen, den gemeinsam erarbeiteten Vertrag gleich am Ende des Wochenendes zu unterschreiben. Wenn es nötig ist, mache ich mit dem Paar ein paar Tage später einen weiteren Termin aus, bei dem dann alles festgezurrt wird. Aber manche sind froh, es hinter sich zu haben und den Vertrag sofort zu unterschreiben. Die wollen mit dem Wochenende finanzielle und emotionale Schadensbegrenzung betreiben. Viele haben ja vor einer Scheidung keine Ahnung, was auf sie zukommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt können Sie warnen.

Stenger: Ich habe schon Verhandlungen begleitet, die acht Jahre gedauert haben. Da streiten sich Paare sogar um das vergoldete Kaffeeservice von Oma, das früher keiner leiden konnte. Das ist absurd. Wenn es darum geht, wer sich wie intensiv um die Kinder kümmert, lügen die Leute, dass sich die Balken biegen. Da behaupten dann beide Seiten, dass der andere nie für die Kinder da war. Andere streiten plötzlich nach monatelangen Verhandlungen darüber, ob sie sich überhaupt scheiden lassen sollten. Dabei liegen die Anwaltskosten bei solchen Endlos-Prozessen am Ende oft bei vielen Tausend Euro.

SPIEGEL ONLINE: Und was kostet ein Wochenende im Scheidungshotel?

Stenger: Mein Honorar liegt bei rund 3000 Euro. Die Paare können sich aber noch mehr Unterstützung dazu holen, wenn sie das möchten: einen Makler zum Beispiel, der bei der Suche nach einer neuen Wohnung hilft. Einen Psychologen, der die Kinder betreut. Oder eben den Notar, der den Vertrag direkt beglaubigt. Das kostet dann extra.

SPIEGEL ONLINE: Was für Leute kommen zu Ihnen?

Stenger: Manche sind beruflich stark eingespannt, andere wollen einfach nicht, dass ein völlig fremder Richter über die wichtigsten Dinge in ihrem Leben entscheidet. Sie kommen aus der Mittelschicht oder sind etwas wohlhabender.

SPIEGEL ONLINE: Und sind es eher die Männer oder die Frauen, die sich bei Ihnen melden?

Stenger: Interesse an einer außergerichtlichen Einigung hat derjenige, der mehr besitzt, denn der hat mehr zu verlieren. Und das sind in den meisten Fällen doch noch die Männer. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das bald: Die Zahl der langen Ehen, die nach 26 und mehr Jahren geschieden werden, hat sich beispielsweise in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast verdoppelt. Das liegt wohl auch daran, dass immer mehr Frauen ein steigendes eigenes Einkommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Würden sich Paare Prozesse oder Schlichtungen sparen, wenn sie bei der Hochzeit einen Ehevertrag schließen?

Stenger: Es stimmt schon, dass ein Vertrag vieles erleichtern kann. Es gibt aber immer noch vergleichsweise wenige Paare, die überhaupt einen Vertrag schließen. Viele finden das offenbar unromantisch oder verstehen es als Misstrauen dem anderen gegenüber. Wenn es einen Vertrag gibt, heißt das auch nicht, dass alle Streitpunkte darin geregelt sind. Und selbst dann kann man so einen Vertrag anfechten und jahrelang vor Gericht darüber streiten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich schon mal scheiden lassen?

Stenger: Ja. Aber wir waren beide Anwälte und wollten einen jahrelangen Prozess unbedingt vermeiden. Wir haben uns außergerichtlich geeinigt.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.