Schülerprojekt Jugendliche decken NS-Verbrechen auf

Euthanasie-Verbrechen in Lüneburg, Morde in einem hessischen KZ, Barbarei in einem Zwangslager in Lubin: Jugendliche aus Deutschland und Polen haben in ihren Heimatorten die Wahrheit hinter Nazi-Zeitungsartikeln gesucht - und dabei zahlreiche bisher unbekannte NS-Verbrechen aufgedeckt.


Berlin - Wer sehen wollte, konnte sehen. Die sogenannten "Todesbusse" fuhren 1934 durch Lüneburg. Ihr Inhalt: Die Körper "plötzlich" verstorbener Kinder, deren sterbliche Überreste den Eltern nur noch eingeäschert übergeben wurden. Hinweise, dass etwas nicht stimmen konnte in der norddeutschen Kleinstadt, gab es viele. "Zeitungsberichte über die Euthanasie-Verbrechen fanden wir jedoch nicht", berichtet Magdalena Blender. Die 16-Jährige hat gemeinsam mit fünf anderen Lüneburger Gymnasiasten Licht in das mörderische Treiben von Nazi-Ärzten in ihrer Heimatstadt gebracht. Die Schüler sind Teilnehmer des deutsch-polnischen Erinnerungsprojektes "Weiße Flecken" und haben eine bemerkenswerte Arbeit zur Aufarbeitung von NS-Verbrechen geleistet.

Magdalena Blender überreicht Bundespräsident Köhler die "Weißen Flecken": "Die Leute möchten reden"
DPA

Magdalena Blender überreicht Bundespräsident Köhler die "Weißen Flecken": "Die Leute möchten reden"

Ziel des Schülerprojektes war es, die historische Wahrheit hinter Falschmeldungen in ihren Lokalzeitungen zu recherchieren. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde die Presselandschaft in Deutschland und in den besetzten Ländern gleichgeschaltet. Die Verbrechen wurden verschwiegen oder die Berichte über sie manipuliert. Rund acht Monate intensiver Recherche haben 15 Teams zwischen Krakau und Pforzheim, Lüneburg und Ulm hinter sich. Die Jugendlichen arbeiteten sich durch Archive ihrer Heimatstädte, spürten die letzten noch lebenden Zeitzeugen auf und dokumentierten ihre Befragungen. Die Ergebnisse wurden jetzt in einer eigenen Zeitung mit dem Titel "Weiße Flecken" veröffentlicht. Und was sie dabei zutage förderten, dürfte auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende für die Öffentlichkeit viel Neues bieten.

Etwa Informationen über das Konzentrationslager in der Nähe des hessischen Seligenstadt. Das im Vergleich zu Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen kleine Lager Rollwand war längst in Vergessenheit geraten. Wie das Rechercheteam dort erfahren musste, erinnern sich selbst Bewohner im Umkreis kaum noch an die Verbrechen, die an ihrem Wohnort zur NS-Zeit begangen wurden. "Das ist bis heute noch kein Thema", sagt Sebastian Steinheimer. Bei seiner Recherche mussten der 19-Jährige und seine Mitstreiter feststellen, dass selbst die Stadtväter Erinnerungsarbeit für überflüssig halten. Ein kleiner, verwitterter Gedenkstein für das Lager soll demnächst entfernt werden. Offizieller Grund: Die Pflege sei zu aufwendig. "Dies können und wollen wir nicht verstehen", konstatiert Steinheimer frustriert.

Der Historiker Norbert Frei von der Universität Jena, der dem Projekt als Pate zur Seite stand, bewertet die Recherchen der jungen Leute als einmalig. Der "Umfang, mit dem hier lokale Verbrechen im Rahmen von Schülerwettbewerben recherchiert werden, ist neu", sagte er SPIEGEL ONLINE. Gerade bei Arbeiten nach dem Prinzip "Grabe, wo du stehst" komme immer wieder Erstaunliches ans Tageslicht. Vor allem der Lerneffekt sei dabei enorm. "Es ist klar, wenn man als junger Mensch im eigenen Heimatort historische Geschehnisse untersucht, dann macht das einen nachhaltigeren Eindruck", sagte Frei.

Zeitzeugen im Geschichtsunterricht gefordert

Und in der Tat - das Engagement und die Detailversessenheit, mit der die Jugendlichen in ihren Heimatorten NS-Vergangenheit recherchierten, überraschte selbst Profis. Giovanni di Lorenzo, "Zeit"-Chefredakteur und Unterstützer des Schülerprojekts, zeigte sich beeindruckt von der Professionalität, mit der die Jugendlichen ihre Ergebnisse präsentierten. An dem Projekt "Weiße Flecken" gefalle ihm, dass Informationen gesammelt wurden, "die nun nicht mehr verloren gehen können", sagte Bundespräsident Horst Köhler.

Überraschend war auch, mit welcher Vehemenz die Jugendlichen selbst einen intensiveren Geschichtsunterricht zum Nationalsozialismus forderten: "Wir wünschen anderen Jugendlichen, dass auch sie mit Zeitzeugen sprechen - das ist die letzte Möglichkeit", sagte die Polin Magdalena Maziej. Und ihr Mitstreiter Anton Lißner aus Potsdam bemängelte: Selbst wenn Schüler in Eigeninitiative Zeitzeugen treffen wollten, heiße es oft, der Lehrplan lasse solche Treffen nicht zu. "Das verstehe ich nicht. Die Leute möchten reden, und man muss ihnen auch die Möglichkeit dazu geben."

Im polnischen Lubin erforschten Schüler die Geschichte eines NS-Zwangslagers. Während sich in der offiziellen NS-Presse nur ein kurzer Hinweis auf die "Mobilisierung außerdeutscher Arbeitskräfte" und ein Artikel über angeblich freiwillige Einsätze von Fremdarbeitern fand, stieß das Team in der Untergrund- und Exilpresse auf Beschreibungen von "barbarischen Methoden" bei der Anwerbung von Arbeitern. Nach dem Krieg blieb Zwangsarbeit in Polen lange ein Tabuthema. Denn: "Weiße Flecken", so die 19-jährige Magdalena, "gibt es überall, in Deutschland, Frankreich, Polen - überall."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.