Sealand Kaufen Sie sich ein Fürstentum!
Die knapp 47 Meter lange und gut 13 Meter breite Plattform vor der Südostküste Englands ist nur per Hubschrauber und Boot zugänglich. Die Lebensqualität auf Sealand ist der britischen Zeitung "The Times" zufolge weniger prächtig: lange, niedrige Stahlgebäude, ständiges Widerhallen der Generatorengeräusche. Ein amerikanischer Besucher beschrieb es als "unglaublich hässlich". Jedoch hoffen die Besitzer, potenzielle Käufer mit Vorzügen wie Meerblick, absoluter Privatsphäre und Steuerfreiheit locken zu können.
Die Geschichte Sealands ist laut offizieller Homepage eine "Geschichte vom Kampf um die Freiheit". Am 2. September 1967 besetzte der ehemalige englische Armeemajor Paddy Roy Bates mit seiner Familie die 1941 errichtete Kriegsfestung "Roughs Tower". Die Armee hatte die auf zwei Betonpfeilern stehende Stahlplattform im zweiten Weltkrieg zur Verteidigung gegen deutsche Angriffe genutzt. Nun stand sie leer. Der inzwischen 85-jährige Bates rief die Festung in internationalen Gewässern zum Staat aus. Sich selbst ernannte er zum "Prinzen Roy von Sealand". International ist Sealand jedoch nie als Staat anerkannt worden.
Die britische Marine versuchte 1968, den Prinzen von der Seefestung zu vertreiben. Sie gab aber auf, nachdem die Bewohner Warnschüsse abfeuerten laut der offiziellen Homepage Sealands ein "Akt der Verteidigung". Da Roy von Sealand und sein Sohn Prinz Michael noch immer englische Staatsbürger waren, wurde vom örtlichen Gericht Anklage wegen illegalen Waffenbesitzes gegen sie erhoben. Doch das britische Gericht erklärte sich für nicht zuständig, da sich der Vorfall außerhalb des britischen Territoriums ereignet habe die künstliche Insel befindet sich sieben Meilen (rund 11 Kilometer) vor der britischen Küste und lag damit außerhalb des auf damals drei Meilen um das Festland fixierte Hoheitsgebiet.
Wie der Homepage der Regierung Sealands zu entnehmen ist, fühlte sie sich durch das Urteil bestätigt: "Das englische Gesetz hat somit entschieden, dass Sealand nicht Teil des Vereinigten Königreiches sei. Da auch kein anderer Staat Eigentumsansprüche erhob, wurde die Staatssouveränität de facto aufrechterhalten." Auch nachdem die Drei-Meilen-Zone 1987 auf zwölf Meilen ausgedehnt wurde, ließ die britische Regierung die Prinzen von Sealand gewähren: Der Mini-Staat erhob ebenfalls Anspruch auf eine Zwölf-Meilen-Zone.
Nach dem Gerichtserfolg wurden 1969 auf Sealand eigene Pässe und Briefmarken eingeführt. 1974 gab sich Sealand eine Verfassung. Später folgten eine Flagge, eine Nationalhymne und eine eigene Währung, den "Sealand Dollar". Doch der Friede währte nicht lange: 1978 kamen niederländische und deutsche Geschäftsleute auf die künstliche Insel und kidnappten Prinz Michael von Sealand. Durch einen Gegenangriff gelang es Vater Roy, seinen Sohn zu befreien und die Eindringlinge als "Kriegsgefangene" einzusperren. Deutschland bat Großbritannien um Intervention. Als letzteres erneut erklärte, für Vorgänge in internationalen Gewässern nicht zuständig zu sein, sandte Deutschland einen Diplomaten, um die Freilassung zu verhandeln. Schließlich ließ Prinz Roy die Männer frei.
Aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes seines Vaters ist seit 1999 Prinz Michael rechtmäßiger Herrscher von Sealand. Er verbringt die meiste Zeit jedoch auf dem Festland. Im Jahr 2000 zog die US-Internetfirma HavenCo auf der Stahlinsel ein. Internetgeschäfte sollten hier geschützt vor staatlicher Überwachung abgewickelt werden können. Michael Bates wurde Teilhaber des Unternehmens, Gründer Ryan Lackley ist der freien Enzyklopädie Wikipedia zufolge inzwischen ausgetreten. Aufgrund technischer Probleme und zu wenig Kunden werde die Firma nicht mehr lange überleben.
Im Juni 2006 brach auf Sealand ein Feuer aus, das die Infrastruktur - Verwaltungszentrum und Generatorenraum - beträchtlich zerstörte. Die Regierung startete auf ihrer Homepage einen Spendenaufruf. Der britischen Baufirma "Church and East" wurde der Auftrag für den Wiederaufbau erteilt. Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten auf eine Million Dollar. Laut Wikipedia wird darüber spekuliert, ob der Brand und die schlecht laufenden Geschäfte Ursache für die jetzigen Verkaufsabsichten sind.
Die Fürstenfamilie begründet den Verkauf indes anders. Der "Times" sagte der 54-jährige Prinz Michael: "Wir besitzen diese Insel nunmehr seit 40 Jahren, und mein Vater ist 85 Jahre alt. Vielleicht ist es Zeit für eine Verjüngung."
jmk