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Sekten-Info NRW Verschwörungsideologen wandern von Impfgegnerschaft zu Kremlpropaganda

Mit der Pandemie verbreiteten sich Verschwörungstheorien. Eine Anlaufstelle für Angehörige warnt nach SPIEGEL-Informationen jetzt: Durch den Ukrainekonflikt verschiebt sich das Narrativ der Coronaleugner.
aus DER SPIEGEL 20/2022
Demonstranten bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen in Köln am 7. Mai

Demonstranten bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen in Köln am 7. Mai

Foto: Ying Tang / NurPhoto / IMAGO

Die Beratungsstelle Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e. V., die auch Angehörigen von Verschwörungsgläubigen als Anlaufstelle dient, bemerkt aufgrund des Ukrainekonflikts eine deutliche Veränderung der Anfragen. In den vergangenen zwei Jahren seien das Impfthema und die Pandemie die Hauptgründe für Angehörige gewesen, Hilfe zu suchen – nun verschiebe sich »das Narrativ der Betroffenen«, so Christoph Grotepass, Theologe und seit 2007 Referent des Vereins. »Corona rückt zunehmend in den Hintergrund, dafür nimmt die Kreml-Propaganda, der zufolge die Ukraine von Nationalsozialisten beherrscht wird und die Nato die aggressive und kriegstreibende Partei ist, mehr Raum ein.«

Feindbilder transportieren

Sachthemen würden dabei nicht im Zentrum stehen; stattdessen gehe es Verschwörungsideologen darum, grundsätzliche Feindbilder und Protest zu transportieren. Bei einem Treffen Anfang der Woche mit weiteren Beratungs- und Selbsthilfegruppen in Berlin sei dieser Eindruck bestätigt worden.

In den vergangenen Wochen war es im NRW-Wahlkampf zu teils massiven Störungen von Wahlkampfveranstaltungen gekommen, als größere Gruppen von Demonstranten, darunter Impfgegner, etwa die Grünen als »Kriegstreiber« und »Nazis« beschimpften.

Sekten-Info NRW wurde 1984 gegründet und ist laut eigenen Angaben der größte staatlich finanzierte Verein seiner Art in Deutschland. Er verzeichnet für die vergangenen zwei Jahre einen enormen Zuwachs von Anfragen Hilfesuchender, deren Angehörige Verschwörungsmythen Glauben schenken.

Während 2019 noch weniger als 40 Beratungsgespräche mit diesem Hintergrund geführt wurden, waren es nach Angaben des Vereins 2020 bereits 160, im Jahr 2021 dann 249. »Wir stehen mit dem Rücken zur Wand«, so Grotepass. »Auch in vielen anderen Bereichen haben sich die Fallzahlen erhöht.« Inzwischen hat die in Essen sitzende Einrichtung einen eigenen Angehörigen-Gesprächskreis zum Thema eingerichtet.

tgk
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