Selbstmordserie Japan kämpft gegen Giftgas-Harakiri

Eine unheimliche Selbstmordserie hat Japan erfasst: Fast täglich nehmen sich dort inzwischen Menschen das Leben, indem sie das faulig riechende Giftgas Schwefelwasserstoff inhalieren. Jetzt will die Regierung handeln - und die traditionell hohe Suizidrate endlich senken.

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Tokio - Nachdem die japanischen Krieger ihren toten Herrn grausam gerächt hatten, besuchten sie sein Grab und legten den abgeschnittenen Kopf des Feindes davor. Später zogen sie ihre Schwerter und begingen Selbstmord durch "Seppuku" – das rituelle Aufschlitzen ihrer Bäuche. So verlangte es die Ehre der Samurai.

Polizeiabsperrung vor dem Peninsula-Hotel in Tokio: "Schmerzlos sterben"
REUTERS

Polizeiabsperrung vor dem Peninsula-Hotel in Tokio: "Schmerzlos sterben"

Das war vor über 300 Jahren. Der Mythos der aufopferungsvollen Krieger lebt in Erzählungen und Filmen, wie "47 Ronin", fort; die Gräber der Märtyrer in Tokio dienen heute als Wallfahrtstätte, sie erinnern an Zeiten, als Selbsttötungen in Japan als Beweis der Tugend galten.

Im Zweiten Weltkrieg opferten sich dann die Kamikaze-Piloten in Selbstmord-Attacken auf amerikanische Kriegsschiffe für ihren göttlichen Tenno. Und als der Schriftsteller Yukio Mishima sich 1970 im Protest gegen den Verfall japanischer Werte öffentlich entleibte, war ihm der Respekt der Landsleute gewiss.

Doch in der Massenkultur des Internet büßt Nippons Kult um den Suizid seine traditionelle Ästhetik rapide ein. Moderne Japaner erleben Selbstmorde immer öfter als lästige Störung ihres Alltags, wie auch kürzlich die Gäste des Peninsula in Tokio: In der zehnten Etage des Nobelhotels - es liegt schräg gegenüber dem Kaiserpalast - stank es plötzlich nach faulen Eiern.

Im Badezimmer der Luxus-Suite 1019 fand die herbeigerufene Feuerwehr einen japanischen Gast bewusstlos auf dem Rücken liegend. Zwei Stunden später starb der 47-jährige Firmenangestellte, er ist einer von über 70 Landsleuten, die sich allein dieses Jahr durch Inhalieren von Schwefelwasserstoff das Leben nahmen.

Zwar wurden die übrigen Gäste nicht verletzt, aber in anderen Fällen brachten Selbstmörder mit dem Giftgas ungewollt auch Verwandte um, die zu ihrer Rettung eilten. In Otaru auf Hokkaido evakuierte die Polizei vor einigen Wochen rund 350 Einwohner, weil sich ein 24-jähriger Nachbar mit Schwefelwasserstoff getötet hatte. Seine Mutter war bewusstlos geworden, als sie den Sohn entdeckte.

Verabredung zum Selbstmord

Fast täglich melden Nippons Zeitungen und Fernsehsender neue Selbstmorde mit dem Gift, im Internet preisen es Blogger als ideale Methode an, um "schmerzlos zu sterben". Bereitwillig geben sie lebensmüden Landsleuten Tipps, wie sie Flüssigkeiten aus handelsüblichen Klo-Reinigern und Badezusätzen mischen müssen, um das giftige Gas zu erzeugen.

Es gehe wirklich ganz einfach, jubelt ein Besucher der Internet-Seite "mental space", viel bequemer als sonst: Denn wenn sich junge Japaner im Internet bisher zu Selbstmorden verabredeten, trafen sie sich häufig in Autos, verklebten die Fenster, zündeten einen Mini-Grill mit Holzkohle an und atmeten die Abgase ein.

Japans Behörden sind alarmiert, zumal die ausgeprägte Kollektiv-Mentalität des Inselvolkes Massenphänomene leicht beflügelt. Hilflos fordert die Obrigkeit Internet-Provider auf, Web-Seiten über Selbstmorde zu löschen. Doch Japan ist nicht China, wo der Staat den Cyberspace einfach flächendeckend zensieren kann.

Und überhaupt: Selbstmorde gehören geradezu zum japanischen Alltag. Anders als im christlichen Europa hält kein religiöses Tabu Todesmutige zurück. Rund 30.000 Japaner pro Jahr wählen den Freitod.

Allgemein akzeptierter Ausweg

Vor allem infolge der langen Japan-Krise in den neunziger Jahren stieg die Zahl der Suizide noch. Ein Buch mit dem Titel "Anleitung zum perfekten Selbstmord" verkaufte sich über eine Million Mal. Vielen Japanern bietet der Suizid einen allgemein akzeptierten Ausweg aus der Enge einer Gesellschaft, die Angepasste in der Harmonie der Gruppe hätschelt, aber Abweichler oft gnadenlos ächtet.

Besonders im Nahverkehr von Tokio geraten die Fahrpläne immer wieder durcheinander, weil sich Lebensmüde vor Züge werfen: bankrotte Geschäftsleute, gemobbte Angestellte, gehänselte Schüler oder orientierungslose Internet-Surfer. Bevor sie in den Tod springen, ziehen viele ihre Schuhe aus, wie zuhause, und stellen sie auf dem Bahnsteig ab - sie wollen das Paradies nicht beschmutzen.

Das Paradoxe: Selbst im Tod bleiben viele Japaner noch dem Kollektiv verhaftet, vor dem sie oft gerade fliehen. Sie verabreden sich in Gruppen und reisen gemeinsam an idyllische Plätze, die besonders beliebt bei Selbstmördern sind. Einer dieser Orte ist ein Wald am Fuji - ein Dickicht, aus dem man nur schwer wieder herausfindet.

"Angenehm sterben - das gibt es nicht"

Nun hat die Regierung sich entschlossen zu handeln. Mit mehr Geld für Beratungsdienste will sie dem Volk den Wert des Lebens bewusst machen und die Selbstmord-Rate in zehn Jahren um 20 Prozent senken.

Das dürfte schwierig sein, denn häufig dienen Selbstmorde in Japan auch einem ganz praktischen Nutzen: Viele bankrotte Bürger wollen ihre Familien von der Last ihrer Schulden befreien. Denn auch bei Freitod zahlen japanische Lebensversicherungen. Zur Abschreckung haben einige Versicherer inzwischen indes begonnen, Prämien erst zwei oder drei Jahre nach einem Suizid auszuzahlen.

Gegen die aktuelle Welle der Selbstmorde mit Schwefelwasserstoff mobilisieren jetzt auch private Initiativen verstärkt das Internet, sie appellieren an natürliche Todesängste der Mitmenschen: "Eine Methode, um angenehm zu sterben - so was gibt es nicht", warnt eine Web-Seite. Wer das giftige Gas einatme, verende oft unter schweren Qualen. Und wer dabei Unbeteiligte mitvergifte, müsse mit hohen Schadensersatzforderungen rechnen - an sich selbst oder an seine Hinterbliebenen.



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