Selbstverbrennung eines Pfarrers "Furcht vor Muslimen kommt aus eigener Unsicherheit"
SPIEGEL ONLINE: Herr Bischof, der Pfarrer Roland Weisselberg hat sich auf dem Gelände des Erfurter Augustinerklosters verbrannt. Als Motiv gab er Sorge vor Ausbreitung des Islams an. Können Sie Weisselbergs Sorgen verstehen?
Noack: Die Kirche ist daran interessiert, dass Religionen miteinander im Gespräch bleiben mit dem Ziel, gemeinsam Frieden und Freiheit in die Welt zu bringen. Im Osten Deutschlands hatten wir bislang wenig Grund, uns mit anderen Religionen intensiv auseinanderzusetzen. Wir haben in ganz Thüringen rund 3000 Muslime, die fallen kaum ins Gewicht. Gewiss wird diese Auseinandersetzung immer wichtiger. Doch wer sich seiner eigenen Heimat bewusst ist und sich dort zu Hause fühlt, hat allen Grund, gelassen mit den Anderen umgehen zu können.
SPIEGEL ONLINE: Reicht es, mit dem Islam einen interreligiösen Dialog zu führen und tolerant zu sein - wenn Dschihadisten den Westen mit dem Satan gleichsetzen und ihn zerstören wollen?
Noack: Christliche Kirchen können ihr Verhältnis zu anderen Religionen nicht davon abhängig machen, wie diese sich in Teilen selbst verhalten. Für Christen ist die Wahrheit an die Nächstenliebe gekoppelt. Steile Wahrheiten zu vertreten und die Nächstenliebe außer Acht zu lassen, ist unchristlich.
SPIEGEL ONLINE: Müssen wir radikale Gotteskrieger lieben?
Noack: Wir sollten unsere christlichen, westlichen Werte nicht über Bord werfen. In Abu Ghureib und in Guantanamo wurden diese Werte ziemlich schnell verkauft. Außerdem will ich auf eine gehörige Portion Heuchelei hinweisen: In einem Land wie Saudi-Arabien werden Christen verfolgt. Doch Saudi-Arabien ist einer der engsten Verbündeten des Westens.
SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie als Kirche, um dagegen bei westlichen Regierungen zu protestieren?
Noack: Wir versuchen, den Christen vor Ort zu helfen. Und man muss im Islam Kräfte unterstützen, die für eine Trennung von Staat und Religion eintreten.
SPIEGEL ONLINE: Muss die Kirche nicht auch in unserem Kulturkreis viel deutlicher darauf dringen, der westlichen Heuchelei gegenüber Saudi-Arabien entgegenzutreten?
Noack: Das tun wir. Wir analysieren, wie Christen in arabischen Ländern leben, und tragen dies in politischen Gesprächen vor. Dazu gibt es auch Veröffentlichungen.
SPIEGEL ONLINE: Reichen Denkschriften und Hinterzimmergespräche aus?
Noack: Öffentlich habe ich diese Heuchelei mit Saudi-Arabien in meinem letzten Synodenbericht angesprochen.
SPIEGEL ONLINE: Die letzten Worte von Pfarrer Weisselberg sollen "Jesus und Oskar" gewesen sein, in Anspielung an den Amtsbruder Oskar Brüsewitz. Der verbrannte sich 1976 aus Protest gegen das DDR-Regime - und aus Protest dagegen, dass er in seinem Kampf gegen den Kommunismus nicht genügend Unterstützung in der Kirche erfuhr. Ist die Kirche zu lax, wenn es darum geht, Widerstand gegen menschenverachtende politische oder religiöse Ideologien zu leisten?
Noack: Brüsewitz und Weisselberg kann man nicht vergleichen. Brüsewitz war während der Herrschaft des Kommunismus Verfolgter. Herr Weisselberg war nicht verfolgt. Der Glaube der Muslime ist keine totalitäre Diktatur.
SPIEGEL ONLINE: Wird der Islam von der Kirche nicht als konkurrierende Religion gesehen, die das Christentum bedroht?
Noack: Natürlich ist es eine konkurrierende Religion. Wir haben als Christen ja auch einen klaren Wahrheitsanspruch. Doch gleichzeitig gilt es, tolerant zu sein. Tolerieren kann ich jedoch nur, was ich für falsch halte, sonst wäre es keine Toleranz. Wir wollen andere überzeugen, doch niemals mit Gewalt. Auch nicht mit Gewalt gegen den eigenen Körper.
SPIEGEL ONLINE: Sie verurteilen die Tat Weisselbergs?
Noack: Die Tat Weisselbergs verurteile ich, den Menschen Roland Weisselberg dagegen nicht. Wir müssen uns fragen, warum es niemand gab, an den er sich hätte wenden können.
SPIEGEL ONLINE: Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer wurde wegen der Unterstützung der Widerständler des 20. Juli 1944 von den Nazis hingerichtet. Ist diese Tradition der Standfestigkeit heute im Denken und Handeln der Kirche stark genug präsent? Hat sie Widerstandspotential?
Noack: Bonhoeffer ist in der Kirche umstritten. Er kann nicht für jedermann als Vorbild dienen, denn die meisten Menschen haben nicht das Zeug zum Helden. Die Forderung, man müsse Bonhoeffer nachfolgen, ist eine Überforderung. Wer zu gut von den Menschen denkt und zuviel verlangt, wird grausam gegen sie. Die Haltung "Wehret den Anfängen" muss allerdings ganz entschieden gegen Gewalt und Terrorismus eingenommen werden. Andererseits darf man auch nicht vergessen: Der Krieg im Irak war der Popularität westlicher Werte nicht zuträglich.
SPIEGEL ONLINE: Der Papst hat sich nach scharfen Protesten von muslimischer Seite dafür entschuldigt, einen byzantinischen Kaiser aus dem Mittelalter zitiert zu haben, der sagte, aus dem Islam sei nur "Schlechtes und Inhumanes" gekommen. Hätte Benedikt XVI. hart bleiben müssen?
Noack: Nein, sein Bedauern zeigt seine Größe. Wir konnten schon beim Karikaturenstreit nicht einfach unsere Maßstäbe anlegen. Bei uns gibt es geordnete Rechtsverhältnisse, die helfen, einen Ausgleich zwischen der Pressefreiheit und dem Schutz der Religion zu erreichen. Zwischen den Kulturen gibt es keine übergeordneten Gerichte, die so etwas entscheiden könnten. Daher muss man auch nachgeben können. Dies können nur Leute, die keine Angst haben und sich ihrer Sache sicher sind. Für Christen kann es selbst im heftigsten Streit nicht darum gehen, andere Menschen zu kränken.
SPIEGEL ONLINE: Der Papst fährt im Dialog der Kulturen auch eine an die eigene Adresse gerichtete Strategie: Er weist darauf hin, dass der Westen die Fähigkeit zur Auseinandersetzung verliert, wenn er sich nicht seiner eigenen Wurzeln besinnt.
Noack: Da hat er vollkommen Recht. Die Furcht vor dem Anderen und Fremdenhass kommt aus der eigenen Unsicherheit.
SPIEGEL ONLINE: Um gegen den Islam gefeit zu sein, muss der Westen also in erster Linie gegen die eigene Gottvergessenheit vorgehen, was Benedikt fordert?
Noack: Das war schon Luthers Haltung, als die Türken vor Wien standen. Er meinte, dass wir von den Türken neu lernen könnten, was Glaube ist.
Das Interview führte Alexander Schwabe