Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz Das Fanal von Zeitz

Den Namen "Oskar" rief Pfarrer Roland Weisselberg, bevor er sich am Dienstag in Erfurt selbst anzündete. Offenbar eine Anspielung auf den Fall Oskar Brüsewitz: Der Geistliche hatte sich 1976 selbst verbrannt, um ein Zeichen gegen das DDR-Regime zu setzen.
Von Sandra Voglreiter

Hamburg - Das Stadtzentrum von Zeitz südlich von Halle. Gegenüber der Michaeliskirche stellt ein Pfarrer im Talar ein großes Plakat auf das Dach seines Wartburg: "Funkspruch an alle: Die Kirche der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen". Es ist Mittwochvormittag, der 18. August 1976, als die Passanten neugierig stehen bleiben, Verkäufer kommen aus ihren Geschäften, auch ein Volkspolizist eilt herbei. Dann geht alles schnell: Der Pfarrer holt einen Kanister aus dem Kofferraum, übergießt seine Kleider mit Benzin und zündet sich an.

Er flüchtet vor Helfern, läuft schreiend über den Platz in Richtung Kirche. Schließlich gelingt es jemandem, den Mann zu stoppen. Die Volkspolizei entfernt das Transparent, der Schwerverletzte wird in ein Krankenhaus gebracht. Vier Tage später stirbt er.

30 Jahre sind seither vergangen, jetzt weckt der Selbstmord Roland Weisselbergs die Erinnerung an den Fall - vor allem deshalb, weil der Pfarrer vermutlich den Namen des Mannes rief, der sich damals selbst verbrannte: Oskar Brüsewitz, seit 1970 Pfarrer in Droßdorf-Rippicha im heutigen Sachsen-Anhalt. Mit der Selbstverbrennung wollte er ein Zeichen setzen, in erster Linie gegen die kommunistische Bildungspolitik der SED. DER SPIEGEL berichtete kurz nach den Ereignissen von den Abschiedsbriefen an Brüsewitz' älteste Tochter und geistliche Mitbrüder. Darin beschuldigte der 47-Jährige die Partei, sie versuche immer mehr, die Jugend für sich einzunehmen. Sein Protest galt aber auch den eigenen Kirchenoberen, die zunehmend Druck auf ihn ausübten. Die Kirche habe ihn bei seinem Kampf gegen die "Verderber" im Stich gelassen.

Brüsewitz' Lebensgeschichte hat die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ausführlich dokumentiert : Brüsewitz war begeisterter Pfarrer, ein Spätberufener. Er wurde am 29. Mai 1929 in Willkischken im heutigen Litauen geboren. Nach dem Krieg wurde er Schuhmacher. Seine Leidenschaft galt aber immer auch der Religion. Schon in den Fünfzigern bezog er deutlich Position: Im Schaufenster seines Betriebes stellte er biblische Darstellungen und christliche Schriften aus, er pachtete ein Grundstück und machte es zum "Evangelischen Jugendspielplatz". Als seine Werkstatt 1963 in eine Produktionsgenossenschaft "überführt" wurde, wandte er sich ganz der Kirche zu. 1964 trat er ins Predigerseminar in Erfurt ein. Mit 41 Jahren schloss er erfolgreich ab.

"Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott"

In seiner Gemeinde in Rippicha im heutigen Sachsen-Anhalt gelang es ihm, besonders die Kinder und Jugendlichen anzusprechen. Und Brüsewitz provozierte: Er montierte ein drei Meter hohes Neonkreuz auf den Kirchturm, das bis zur zwei Kilometer entfernten Bundesstraße leuchtete. 1975 fuhr er mit einem Pferdefuhrwerk nach Zeitz, auf dem stand "Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott" - eine Erwiderung auf den SED-Spruch "Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein."

Brüsewitz zog den Unmut der Behörden auf sich. Der Bürgermeister wollte Spielplatz und Neonkreuz entfernen lassen. Tochter Esther durfte trotz guter Noten kein Abitur machen.

Und auch die eigene Kirche erhöhte den Druck. Die Beziehungen zwischen Kirchen und Partei hatten sich nach zwei Jahrzehnten Auseinandersetzung ein wenig entspannt. Sein Vorgesetzter, Probst Bäumer, appellierte im Herbst 1975 an Brüsewitz, auf weitere symbolische Aktionen zu verzichten. Im Juli 1976 legte er ihm nahe, die Pfarrstelle zu wechseln - aus politischen Gründen.

Propaganda gegen die politische Botschaft

Zur Versetzung kam es nicht mehr. Am Morgen des 18. August 1976 frühstückte Oskar Brüsewitz mit seiner Familie. Er bat seine Tochter, das Kirchenlied "So nimm denn meine Hände" zu spielen. Dann machte er sich mit dem Auto auf den Weg ins wenige Kilometer entfernte Zeitz. Wenig später verbrannte er sich selbst.

Die SED ließ in ihrem Zentralorgan "Neues Deutschland" verbreiten, Brüsewitz "habe nicht alle Sinne beisammen gehabt". Die Parteiführung wollte um jeden Preis eine "politische" Beerdigung verhindern. Sie fürchtete die Solidarisierung der Bevölkerung und Berichterstattung in den westdeutschen Medien.

Die Kirchenleitung in Magdeburg wehrte zwar jeden Versuch ab, Oskar Brüsewitz als geisteskrank abzustempeln. Dennoch erklärten sich die Kirchenvertreter zur Solidarität mit dem Staat bereit. Sie organisierten zusammen mit staatlichen Vertretern die Beerdigung am 26. August und verzichteten darauf, auf das politische Anliegen Brüsewitz' hinzuweisen.

Die Beerdigung glich trotzdem einer Demonstration: Hunderte Pfarrer aus der gesamten DDR kamen, die Anteilnahme der Bevölkerung war groß. Die als "Fanal von Zeitz" bezeichneten Ereignisse lösten eine Solidarisierung von Theologen, Gemeinden und kritischen Marxisten aus. Die evangelische Kirche, die Brüsewitz aufrütteln wollte, sah sich gezwungen, das Konzept "Kirche im Sozialismus" zu überdenken.

Manfred Stolpe, damals Oberkirchenrat in der DDR, sagt anlässlich des 30. Jahrestages in der "Berliner Morgenpost": "Oskar Brüsewitz war ein Vorbote des Systemwechsels". Auf dem Platz vor der Michaeliskirche in Zeitz, dort, wo Brüsewitz ein Zeichen setzen wollte, erinnert heute eine Gedenksäule an ihn.

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